Brecht-Weigel-Haus
: 91 Jahre Dreigroschenoper: Premiere mit Hindernissen

Taggenau 91 Jahre später wurde in Buckow an die Premiere von Brechts Dreigroschenoper erinnert - samt aller Pannen vorab.
Von
Thomas Berger
Buckow
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Erinnern an Dreigroschenoper-Premiere 1928: Cora Chilcott und Felix Tittel sowie am Klavier Hartmut Behrsing

Thomas Berger

Taggenau 91 Jahre nach der Premiere, die ja am Ende ein großer Erfolg wurde, konnten am Sonnabend im Buckower Brecht-Weigel-Haus etwa 60 Neugierige gewissermaßen hautnah eintauchen in das damalige Chaos. Eingerichtet von Manfred Karge auf Basis der detailreichen Aufrichtschen Memoiren, ließen Cora Chilcott und Felix Tittel, von Altmeister Hartmut Behrsing am hauseigenen Klavier wie auch an der Posaune unterstützt, in Szenen sowie einigen Liedern aus dem Meisterwerk das damalige Geschehen lebendig werden. Angefangen mit dem Rat eines Bankiers an Aufricht, dieser könne das Geld genauso gut im Klo runterspülen wie in ein Theater stecken –  verloren sei es allemal.

Bettleroper von 1728 als Vorlage

Erinnert wurde an die Ursprünge des Stoffes, die von 1728 stammende „Bettleroper“ des Briten John Gay zur Musik des Deutschen Johann Christoph Pepusch. Elisabeth Hauptmann hatte 200 Jahre später für die Übersetzung gesorgt und Brecht das Ganze angetragen: „Der ging leider nur sehr widerwillig an die Arbeit.“ Aufricht, der ein passendes Stück für seine Theatereröffnung sucht, kommt im Hinterzimmer einer Künstlerkneipe mit Brecht in Kontakt. "Wir sahen das als leichte Operette mit einigen sozialkritischen Blinklichtern“, heißt es über die Einstufung des Manuskripts. Am 1. August 1928 beginnen die Proben, und in diesem einen Monat wird sich nicht nur inhaltlich noch einiges ändern.

Aufricht und sein Regisseur Erich Engel fremdeln anfangs mit der Musik Weills, der wiederum seine Frau Lotte Lenya als Spelunken-Jenny durchsetzt. Noch während der laufenden Premiere echauffiert sich Weill, der gerade festgestellt hat, dass Lotte auf dem Besetzungszettel vergessen wurde – nur sie selbst kann ihren Mann beruhigen. Dabei wäre die Inszenierung schon vorher mehrere Male beinahe geplatzt. "Sie war die Idealbesetzung für die Rolle, eine Sumpfblüte unter dem fahlen Mond von Soho“, schwärmte Aufricht von Carola Neher. „Dann spielen Sie Ihr Zeug doch allein“, wirft diese ihm eine Woche vor der Premiere den Text vor die Füße. Roma Bahn wird Ersatz für die Polly, hat in nur vier Tagen den Text fehlerfrei drauf. Dafür droht morgens nach der Generalprobe Erich Ponto (Mr. Peachum) mit Heimfahrt nach Dresden, die Koffer schon in der Hand. Brecht wäre beinahe ob der hellblauen Schleife verzweifelt, die Harald Paulsen (Mackie Messer) zum federnden Anzug trägt. Eher trenne er sich von der Rolle als von dieser Schleife, so Paulsen. Unter anderem auf diesen Streit hin schreibt Brecht noch schnell die Mackie einführende Moritat. „Das ist das Leichentuch der Premiere“, rutscht wiederum dem entnervten Aufricht angesichts des Vorhangtuches raus: Ein Stück grüngesäumter roter Stoff mit Papageienmotive. Zum Glück findet sich noch eine Alternative.

Die Katastrophe scheint tatsächlich eingetreten, nachdem das Publikum in den ersten drei Bildern eher eisig reagiert hat. Der "Kanonensong“ wird dann zum Donnerschlag, plötzlich herrscht Jubelstimmung im Saal. Und dem Premierenerfolg in Berlin folgen 200 Inszenierungen in aller Welt.