Computernostalgie
: Festplatten so groß wie Waschmaschinen

1990 wurde das Großrechenzentrum der Landwirtschaft Neuenhagen abgewickelt. 30 Jahre danach trifft sich die Belegschaft.
Von
Gabriele Rataj
Neuenhagen
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  • Blick in die Rechnerhalle: Die Ansicht zeigt nur einen Teil der Großrechenanlage in dem auf 21 Grad klimatisierten Raum. In Neuenhagen wurde 1968 die 61. von 350 Anlagen in der DDR installiert, 1970 waren es schon 191. Das gesamte System benötigte etwa 150 bis 200 Quadratmeter Aufstellungsfläche und war tonnenschwer.

    Blick in die Rechnerhalle: Die Ansicht zeigt nur einen Teil der Großrechenanlage in dem auf 21 Grad klimatisierten Raum. In Neuenhagen wurde 1968 die 61. von 350 Anlagen in der DDR installiert, 1970 waren es schon 191. Das gesamte System benötigte etwa 150 bis 200 Quadratmeter Aufstellungsfläche und war tonnenschwer.

    Joachim Fröhlich/Archiv
  • Auf heute und den nächsten Treff: Der wird am 6. November 2021 sein, hat sich die Organisatorencrew geeinigt (v. l. Eva Stapf, Joachim Fröhlich und Norbert Schulz).

    Auf heute und den nächsten Treff: Der wird am 6. November 2021 sein, hat sich die Organisatorencrew geeinigt (v. l. Eva Stapf, Joachim Fröhlich und Norbert Schulz).

    MOZ/Gabriele Rataj
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Sie fallen sich um den Hals. Anderen stockt der Schritt im Angesicht des Gegenübers, bis der Groschen des Erkennens gefallen ist. Auf andere wiederum wird sehnlich gewartet, weil sie bis aus der Gegend um Siegen, Krefeld zum 6. Kollegentreffen  in die Neuenhagener „Süße Ecke“ gekommen sind. Dann sind sie schon ins Gespräch vertieft, kommen Erinnerungen an bis zu 20, 21 gemeinsame Arbeitsjahre hoch …

Drei Jahrzehnte nach der Wende sind für die damals im Organisations- und Rechenzent­rum Landwirtschaft (ORZ) in Neuenhagen Beschäftigten inzwischen auch fast 30 Jahre radikaler Ausstieg aus einer speziellen beruflichen Entwicklung und des Verschrottens eines, im sozialistischen Wirtschaftssystem hochmodernen Betriebs. Im März 1990 war dessen Ende besiegelt.

Ausbildung in Leipzig

Auf dem Gelände des früheren LIW (Landtechnischen Instandsetzungswerk) hatte 1968 seine Geschichte begonnen. In einem Gebäude, bestückt mit zwei Großrechenanlagen Robotron 300, jede drei Millionen DDR-Mark wert – gehörten doch (lt. Internet-Recherche 45 „Schränke") zu diesem zusammenhängenden System. Das bedeutete auch Auslastung im Drei-Schicht-Betrieb.

Zunächst aber waren Arbeitskräfte gesucht, Programmierer, Bediener, Techniker für dieses eine von später 350 solchen Großrechenzentren der DDR. „Bei Robotron in Leipzig sind wir ausgebildet worden“, erzählen Eva Stapf, die bis 1990 als Schichtleiterin EDV arbeitete, und Joachim Fröhlich aus der Technik. Zuvor Elektriker, wurde nach den jeweils zwei- oder dreiwöchigen Ausbildungsetappen in Sachsen aus Letzterem ein Techniker für Datenverarbeitung.

Etwa 180 Beschäftigte habe das ORZ gezählt, ist im Gespräch bei ihnen zu erfahren: Projektierer, Programmierer, Techniker, Fuhrpark, die Verwaltung, sogar eine kleine Maurerbrigade habe dazugehört. Alle bestens qualifiziert, was nach dem Aus des Großrechenbetriebs zu einem gewissen Grade das Umsteigen, Umqualifizieren, den Einstieg in eine neue Beschäftigung erleichtert hat. Letztlich hätten alle neu angefangen und es wieder geschafft, sagt Eva Stapf, wenngleich das keinesfalls stets einfach gewesen sei.

Unkomplizierte Vorbereitung

Das hat Horst Sommerfeld, Leiter des Technikbereichs, voll auskosten können/müssen. Vom Aufbau 1968 bis zum Verschrotten 1990 sei er in dieser Position dabei gewesen, wenn auch die letzten Momente eher bitter waren. „Doch heutzutage ist so etwas völlig überholt“, konstatiert der heute 89-Jährige und lacht. Eva Stapf hat sich nach diesem Lebensabschnitt einen Traum erfüllt und mit einem kleinen Geschäft selbstständig gemacht. Joachim Fröhlich indes arbeitete bis zur Rente im Elektrogroßfachhandel.

Die beiden gehören zur Vorbereitungscrew der Kollegentreffen wie auch Margot Kühn oder Sigrid Gugisch. Bei Familie Stapf zu Hause werde der „Schlachtplan“ gemacht, alles möglichst unkompliziert, die Gaststätte ausgewählt, eine kleine Speisenauswahl angekündigt, damit jeder auf eigene Rechnung à la carte essen kann. Dass sich 50, 60 Leute dazu anmelden, sei auch Zeichen großen Zusammenhalts, sagen die ORZler, auch 30 Jahre danach. Dann machen Fotos die Runde, Geschichten ...

GroßrechnerRobotron 300

Diese Datenverarbeitungsanlage ist nach Regierungsbeschluss 1964 in Karl-Marx-Stadt (jetzt Chemnitz) entwickelt und in Radeberg gefertigt worden. Von diesen ersten Großrechenanlagen der DDR entstanden in der Produktionsphase zwischen 1967 und 1972 insgesamt 350. Zwei davon standen in Neuenhagen und waren speziell auf die Anforderungen aus dem Landwirtschaftssektor ausgerichtet. Andere Einsatzgebiete waren u. a. Kombinate, Postdirektion, TU Dresden. Die Zahl in "Robotron 300" stand für die Leistung des Lochkartenlesegerätes: Karten/min. ⇥rj