Heimatgeschichte
: Die Anfänge der Neuenhagener Gartenstadt

Anna-Ditzen-Bibliothek und Kai Hildebrandt bieten einen Streifzug durch die Historie der Gartenstadt Neuenhagen.
Von
Irina Voigt
Neuenhagen
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Zwischenstopp: Die Teilnehmer der Wanderung der Anna-Ditzen-Bibliothek durch die alte Gartenstadt Neuenhagen erfuhren von Kai Hildebrandt (Mitte) sehr viel Wissenswertes.

Irina Voigt

Nicht zum ersten Mal haben die Gemeindebibliothek und der geschichtskundige Neuenhagener Kai Hildebrandt zu einem Spaziergang durch die Vergangenheit eingeladen. Eine Idee, die sehr gut ankommt. Das Interesse an der Heimatgemeinde ist offensichtlich groß. Und so machten sich zur sogenannten Blauen Stunde weit über 50 Leute auf einen gar nicht so weiten Weg in die Historie der Gartenstadt entlang der Rudolf-Breitscheid-Allee.

Sein Vater habe das Interesse an der Geschichte geweckt, sagt Kai Hildebrandt. „Er hatte ein fantastisches Gedächtnis und wusste genau, wer wo gewohnt hat.“ Über die Erkundung seiner Familienhistorie sei er dann folgerichtig in die Vergangenheit des Ortes und vor allem der Rennbahn in Hoppegarten eingestiegen. Etliches von dem umfangreichen Material, das Hildebrandt zusammengetragen hat, hat er auch zu dem Spaziergang mitgebracht.

So können die Alteingesessenen, aber auch die Zugezogenen einen Blick in die Anfänge der Siedlung werfen. Die Gartenstadt ist einer von sechs Siedlungsteilen: das alte Dorf, das Bahnhofsumfeld, die Niederheide, die Woltersiedlung und die Waldfließsiedlung. 700 Morgen Land, rund 1,7 Quadratkilometer, waren es, entlang der heutigen Rudolf-Breitscheid-Allee, die parzelliert wurden. In dem Maße, in dem die Ostbahn auch Lebensmittel brachte, wurde die Bewirtschaftung der Felder überflüssig. Die Bau- und Ansiedlungsgenossenschaft machte sich das zunutze und kaufte das Brachland auf, um dann weit über 1000 Grundstücke als Bauland weiterzuverkaufen.

Hildebrandt hat für seinen Bericht viele Zeitzeugnisse ausgegraben. So auch über die Gemeindevertreter- und Behörden-Debatten, die von 1908 bis zur Beschlussfassung des Bebauungsplans im Mai 1910 reichten. Durch die Bebauung wuchs die Einwohnerzahl von ursprünglich 520 im Jahr 1912 auf 2534 Einwohner 1941. Geworben für die neuen Lebensmöglichkeiten wurde 1911 mit dem Slogan „Gartenstadt Hoppegarten – nur 26 Minuten bis Berlin“. Das hat den Hoppegartenern gar nicht gefallen, sie klagten aber vergeblich dagegen. „Hoppegarten galt wegen des Reitsports, der Jockeys und der Promis, die hier ihre Pferde hatten, als sehr mondän“, sagt Hildebrandt.

Speckgürtel hieß es auch damals

Der Begriff „Speckgürtel“ war schon damals in aller Munde. Und von diesem Glanz sollten die Neu-Gartenstädter etwas abbekommen. Das galt auch ab 1919 für das Sanatorium (heute Einstein-Gymnasium), das bis dato eine Nervenheilanstalt war. So hieß es wohlumschrieben „Angenehmer Sommeraufenthalt bei vorzüglicher Verpflegung für Erholungsbedürftige“.

Zu vielen Häusern, an denen die Gruppe vorbeikam, vor denen sie stehen blieb, hatte Hildebrandt nicht nur die Entstehungsgeschichte parat. Er berichtete von Handwerksbetrieben, Läden, Werkstätten und Gaststätten, die die Straße säumten. „Hier habe ich gewohnt“, sagt Ingrid Haberland und zeigt auf das heutige „Viticula“. Dieses Haus war eins von nur fünf größeren, in denen sich mehrere Wohnungen befanden, die vermietet wurden. Sie erinnert sich auch noch an den Park an der Ecke Dianastraße mit großen Bäumen und Fliederbüschen. Die als „Schweizer Häuschen“ (heute Il Castello) bekannte Gaststätte war 1913 ursprünglich eine Feinbäckerei und Konditorei, die Thomas Czekalla betrieb. Das erste „Schweizer Häuschen“, von Familie Kornblum 1904/05 gebaut und bewirtschaftet, befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Für damalige Zeiten sehr modern – mit vier bis fünf Gasträumen, getrennten Toiletten für Männer und Frauen und gar einem Affenkäfig zur Belustigung der Gäste.

Vorbei geht es auch an der heute nicht mehr erkennbaren Landschaftsgärtnerei, aus der die 1910 gepflanzten Roteichen an den Straßenrändern der Rudolf-Breitscheid-Allee stammen und die deshalb ursprünglich „Eichen-Allee“ hieß.

„Es war ein spannender Blick in die Vergangenheit“, sagt Andrea Böhm aus Petershagen-Eggersdorf. Sie hat sich für diesen Spaziergang interessiert, weil sie in Neuenhagen arbeitet und hier viel unterwegs ist.

Zum Tag des offenen Denkmals am 8. September öffnet die Bibliothek von 14 bis 16 Uhr im Fallada-Haus im Fallada-Ring 10 ein „Sammeltassen-Café“. Um 15 Uhr beginnt dort eine Lesung mit dem Titel „Hans Fallada: Heute bei uns zu Haus“.