Das Lebenszentrum „Thomas Müntzer“ will in einer seiner vielen Facetten auch Kultur-Treffpunkt sein. Das jüngste Angebot in dieser Hinsicht gab es just zum Tag der deutschen Einheit – mit einem Ausflug zu und mit Fontane durch das Oderland, der gleich mehrere Sinne ansprach. Während Sabine Frost aus dem originalen Kapitel des Meisters „Wanderungen durch die Mark“ las, steuerten Stefan Hessheimer und Ralph Weber immer zwischendurch die musikalische Begleitung bei.
Zudem wechselten sich auf der Leinwand im Hintergrund diverse Fotografien Hessheimers aus dem reizvollen Oderbruch ab. Bei den Klängen war mal er es, der auf der Mundharmonika eindeutig die Führung übernahm, derweil Weber nur sachte das rhythmische Fundament dafür lieferte. Dann wieder durfte dieser in einer Solopartie mit vollem Einsatz zeigen, was er aus seinem Instrument alles herausholen kann.

Feine Beobachtungsgabe und meisterhafte Szenenbilder

Der seit vielen Jahren in Groß Neuendorf lebende Hessheimer, der auch Fotokurse gibt, hat seine ganz eigene „Handschrift“, mit der Kamera morgendliche Nebelbänke über kahlen Feldern, Deichwiesen in der Mittagssonne, die Oder im Zwielicht unter einem Wolkenloch oder einen einsamen Baum inmitten von Schnee und Eis einzufangen. Eine wunderbare Kulisse für die Macht der Worte: Sabine Frost führte beim Lesen vor, was für ein grandioser Erzähler Fontane war – mit feiner Beobachtungsgabe, die Menschen, Landschaft und Stimmungen in sprachlicher Meisterschaft wie ein Maler mit dem Pinsel zeichnend. „Von besonderer Wichtigkeit sind die Schleppdampfer“, denen er einen längere Passage widmete, auch von die Frankfurt Richtung Stettin startenden Passagierboote schilderte er höchst anschaulich. Zum Beispiel jenen Gipsfigurenhändler, mit dem bis zu dessen Ausstieg in Lebus näher ins Gespräch kam und der vorher auch schon mal Kirchenglocken goss, wie er berichtete. Bei einem Satz, der durch besonders viele Einschübe kaum ein Ende nahm, las Sabine Frost sogar die Interpunktion mit vor.