Lebensweg
: Polizist aus Neuenhagen beschreibt Brüche seines Lebens

Rolf Jamm diente beiden deutschen Staaten als Gesetzeshüter. Für ihn ging es mit der Wiedervereinigung zunächst bergab.
Von
Jana Reimann-Grohs
Neuenhagen
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  • Buch zur Verabschiedung: Die Berliner Polizei­direktion 6 (Stab 1, Poelchaustraße) schenkte Rolf Jamm nach 40 Dienstjahren ein Erinnerungsbuch mit Fotos.

    Buch zur Verabschiedung: Die Berliner Polizei­direktion 6 (Stab 1, Poelchaustraße) schenkte Rolf Jamm nach 40 Dienstjahren ein Erinnerungsbuch mit Fotos.

    Jana Reimann-Grohs
  • Limousine der DDR-Schutzpolizei: In einem Wartburg 353, der aus der polizeihistorischen Sammlung ausgeliehen war, wurde Jamm anlässlich seiner Verabschiedung von zu Hause abgeholt und ein letztes Mal von den Kollegen zur Dienststelle nach Berlin-Marzahn in die Direktion 6 gefahren.

    Limousine der DDR-Schutzpolizei: In einem Wartburg 353, der aus der polizeihistorischen Sammlung ausgeliehen war, wurde Jamm anlässlich seiner Verabschiedung von zu Hause abgeholt und ein letztes Mal von den Kollegen zur Dienststelle nach Berlin-Marzahn in die Direktion 6 gefahren.

    Privat
  • Vor der Wende: Der gebürtige Wismaraner trat 1972 in den Polizeidienst ein und wurde 1988 zum Major der Volkspolizei befördert.

    Vor der Wende: Der gebürtige Wismaraner trat 1972 in den Polizeidienst ein und wurde 1988 zum Major der Volkspolizei befördert.

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  • Kurz vor dem Ruhestand: Im Jahr 2011 wurde die neue Uniform der Berliner Polizei eingeführt.

    Kurz vor dem Ruhestand: Im Jahr 2011 wurde die neue Uniform der Berliner Polizei eingeführt.

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Der 69–Jährige war sowohl in der DDR als auch Bundesrepublik Deutschland als Polizist tätig. Die Wiedervereinigung war für ihn die schwierigste  Zeit: Erst verlässt ihn 1990 seine Frau und nimmt eines der zwei Kinder mit, es folgt die schmerzvolle Scheidung. Dann steht der allein erziehende Vater plötzlich ohne berufliche Perspektive da. Es dauert, ehe er sich wieder im Dienst beweisen darf, und 2012 mit Petra in zweiter Ehe auch sein privates Glück findet.

Rolf Jamms gebrochene Biografie beginnt zunächst in Wismar — der Stadt, in der er 1951 als Zweitgeborener von fünf Geschwistern zur Welt kommt. Sein Vater war dort Sektionsleiter der Leichtathletik und Sportoffizier bei der Polizei, die Mutter gelernte Verkäuferin. Rolf Jamm beschreibt sich in seiner Schulzeit als „sehr vielseitig“: im Fotozirkel aktiv, Gitarre spielend, im Spielmannszug trommelnd, Sportschütze bei den DDR–Meisterschaften und mit der Jolle auf der Ostsee segelnd. Eigentlich wollte er Schiffsoffizier werden und Nautik studieren. Das Abitur wurde ihm verwehrt. Dafür ging er drei Jahre zur Armee.

Viel versprechende Karriere

Gleich nach dem Wehrdienst lernte der 21–Jährige Birgit, die erste große Liebe und spätere Mutter seiner beiden Kinder, kennen und heiratet ein Jahr später. Doch sie wollte keinen Seemann. Rolf Jamm fing als Ersatz bei der Wasserschutzpolizei in Wismar an. Von dort aus wurde er 1972 nach Berlin versetzt und besuchte die Offiziersschule in Aschersleben. Mit 26 Jahren hatte er sein Studium der Staatswissenschaften abgeschlossen und die mittlere Laufbahn erreicht. Jamm wechselte ins Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz zum Nachrichtenwesen. Die Herrschaften des Ministeriums des Inneren hätten ihn dann weiter zur Hochschule der Volkspolizei nach Berlin–Biesdorf geschickt, erzählt er. Mit seinem Einser–Diplom hätte sich der Offizier des höheren Dienstes weiter nach oben qualifizieren können. Doch mit der Berliner Mauer fielen 1989 auch die militärischen Dienstgrade der Polizei weg. Man wollte sich der bürgerlichen Polizei anpassen, die Deutsche Volkspolizei habe versucht, sich zu wandeln, erzählt Jamm. „Ein Leutnant war auf einmal ein Kommissar, ein Hauptmann war vergleichbar mit einem Hauptkommissar, ein Major war Rat der Volkspolizei, ein Oberst schon Direktor.“

Die Maueröffnung war für den damals 38–Jährigen „ein sehr schönes Erlebnis“, den politischen Umbruch empfand er als befreiend. „Ich war schon immer ein Querdenker. Obwohl ich auf der Hochschule war, habe ich nicht gleich alles abgenickt.“ In den ersten Wochen nach dem Mauerfall war er als Verbindungsoffizier in Westberlin eingesetzt, um dort im Lagedienst schwere Straftaten von DDR–Bürgern aufzuklären. Er fühlte sich anerkannt und schien den „Übergang“ geschafft zu haben. Für die Sonderausgabe eines Mitarbeiterblattes der Polizei Berlin „Auf dem Weg zu einer einheitlichen Polizei (1989—1992)“  erinnert er sich im Jahr 2010 an die „Offenheit und Freundlichkeit, die mir von den Westberliner Beamten entgegengebracht wurden“.

Erst mit dem Übergang der Polizeihoheit am 1. Oktober 1990 und der Anpassung an die Westberliner Organisationsstruktur wendete sich das Blatt. Seine Frau verließ ihn, stieg einfach in das Auto eines fremden Mannes und nahm die kleine Tochter mit. Der 16–jährige Sohn entschied sich, bei ihm zu bleiben. „Als ich am 3. Oktober 1990 allein in meiner Wohnung saß, kamen mir vor Verzweiflung die Tränen.“ Jamm war offiziell kein geachteter Polizist mehr, sein Selbstwertgefühl nahezu erloschen. Er wurde vom Höheren Dienst eine Laufbahn zurückgestuft. Aus seiner Sicht verfügte er über eine solide Ausbildung, wollte weiter bei der Polizei bleiben. Ohne Amtsbezeichnung, „mit grünen Schulterstücken“, sei er dann herumgelaufen. „Ich wollte mich für Menschen einsetzen, mit Entscheidungen dazu beitragen, dass das Leben etwas friedfertiger verläuft.“

Während in anderen Bundesländern Kollegen, mit denen er zu DDR–Zeiten an der Hochschule war, auf der Polizeiakademie in Münster–Hiltrup für den vergleichbaren Einsatz im Westen befähigt wurden, lief es bei ihm anders. Er würde nie wieder in den höheren Dienst eines Polizeirates kommen, macht ihm sein damaliger Chef klar: Einer, der mal etwas in der DDR zu sagen hatte, dürfe nicht wieder in bürgerlich demokratischen Strukturen auf höchster Polizei­ebene arbeiten. Viele seiner damaligen Berliner Kollegen wurden gekündigt, einige hätten sich daraufhin umgebracht, erzählt Jamm bedrückt. „Durch eisernen Willen“ habe er sich ansatzweise wieder hoch gekämpft.

Steiniger Weg

1992 wurde Jamm endlich Beamter auf Probe. „Man hatte erkannt, dass eine Reihe von Volkspolizisten einfach nur Polizisten waren und keine Politiker.“ Sie seien keine Menschen gewesen, die andere bespitzelt haben, sondern hätten ihren Dienst wie überall auf der Welt gemacht, betont der Rentner. Der damalige Polizeipräsident des vereinten Berlins beförderte ihn als einer der Ersten wieder zum Hauptkommissar. Als Wachleiter fungierte er fortan in einer gemischten Truppe aus Ost und West in Berlin–Lichtenberg; nach drei Jahren wurde Jamm in den Lagedienst der alten Direktion 6 versetzt, danach weiter befördert zum Leiter der Vorgangsbearbeitung in Berlin–Treptow. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er allein in einer Zweiraumwohnung in Berlin–Marzahn und hatte 30 bis 40 Mitarbeiter unter sich, die Delikte der Unteren und Mittleren Kriminalität bearbeiteten. Außerdem war Jamm Fachlehrer für besondere Ordnungslehre an der Polizeischule in Ruhleben und wurde bis zum Ruhestand Leiter der Vorgangsbearbeitung in der neuen Direktion 6 in Berlin–Marzahn.

Schon mit 30 fühlte sich Jamm geistig nicht ausgelastet und schrieb nebenbei Kurzgeschichten. Doch vor dem Ruhestand wäre für längere Texte kaum Zeit gewesen, erzählt er. Lange quälte er sich mit ungelösten Familienkonflikten, die bis heute andauern. Sein Gehirn stehe noch bereit, „es arbeitet ja noch“, sagt Jamm als Verfechter zeitweiliger Arbeitseinsätze für Pensionäre. 2015 kehrte er pflichtbewusst für drei Jahre in den Dienst zurück, um bei der großen Flüchtlingsbewegung auszuhelfen. „Als ich aus den Medien vernommen habe, dass pensionierte Beamte zur Unterstützung gesucht werden, habe ich mich sofort gemeldet. Wir waren eine ganze Reihe, die in unterschiedlichen Tätigkeiten aushalfen.“ Als man gemerkt habe, dass die Ausmaße ziemlich stark waren, baute er 2016 das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten mit auf. Jamm besuchte eine Reihe von Lehrgängen und war dort für die Rechnungsführung zuständig. Als die Flüchtlingszahlen im Jahr 2018 rapide abnahmen, wurden die Beamten wieder mit Dank aus dem Dienst entlassen.

Vor anderthalb Jahren fand Jamm den Mut, seinen Lebenstraum umzusetzen. "Die Idee bekam ich bei endlosen Spaziergängen im Wald.“ Seine schwierige Vergangenheit inmitten der politischen Umbrüche hat er jetzt im Romandebüt „Gefangen in familiären Verstrickungen" festgehalten — für 14,90 Euro im Verrai–Verlag (Stuttgart) zu haben. „Vieles was da nicht so hundertprozentig gelaufen ist, lässt sich in Form eines Kriminalromans mit der eigenen Familiengeschichte verbinden.“

Die Geschichte um den Polizisten Ralf, der des Mordes an seinem Sohn Gilbert verdächtigt wird, sei kein Tatsachenroman — es stecke jedoch leider viel Wahres drin, resümiert Rolf Jamm.  Alles drehe sich aus Perspektive des Verdächtigen um das Auseinanderdriften von Personen. Auch im wirklichen Leben plagt den Ex–Polizisten ein schwieriges Vater–Sohn–Verhältnis. Das Schreiben der 311 Seiten war der Versuch einer Aufarbeitung. Mittlerweile hat Jamm wieder gut lachen. Seit acht Jahren lebt er glücklich verheiratet mit Petra zusammen. Den Roman hat er allein geschrieben, niemand habe ihm dabei helfen müssen, beteuert er. Nur ein paar Liebesszenen musste er auf Wunsch des Lektors nachträglich einarbeiten.