Lesung: „Meine Mutter hatte eine Linie drin“

Geschenk: Elske Hildebrandt (r.) übergab dem Heimatverein um Regina Wolter die Biografie über ihre Mutter.
Martin Stralau/MOZEinmal pro Monat gibt es im Heimatmuseum im Rathaus in der Berliner Straße einen Museumstag. Und weil dieser möglichst immer ein besonderes Motto haben soll, ist die Heimatvereinsvorsitzende Regina Wolter schon lange vorher mit den Gedanken daran beschäftigt. Für den Museumstag am Sonnabend hatten sie und ihre Mitstreiter es etwas einfacher, sich kurzerhand den Weltbuchtag am 23. April als Vorlage genommen und als Titel des Nachmittages „Ich schenk Dir eine Geschichte“ gewählt.
Jeder, der wollte, konnte eine persönliche Geschichte von sich vortragen und darüber bei Kaffee und Kuchen mit den anderen Gästen ins Gespräch kommen. Alle Augen und Ohren waren auf Elske Hildebrandt gerichtet, Tochter der ehemaligen Brandenburger Sozialministerin Regine Hildebrandt. Sie las Passagen aus dem Buch „Erinnern tut gut“, das ihr Vater Jörg Hildebrandt in Gedenken an seine Frau vor zehn Jahren zusammengestellt hatte, ging — auch anhand zahlreicher Familienfotos – biografische Stationen ihrer Mutter durch, erzählte, wie sie sie erlebt hatte.
Das Thema Regine Hildebrandt passte sehr gut nach Hennickendorf, denn die Geschehnisse in dem Ort hatte die Politikerin nach der Wende immer aufmerksam verfolgt. Dafür verantwortlich war Regina Wolter, die ihr anlässlich der bevorstehenden Auszeichnung zu Deutschlands Frau des Jahres 1991 einen Brief geschickt hatte. „Ich habe ihr geschrieben, dass ich toll finde, dass sie die Dinge so macht, wie sie es sagt“, erzählte Regina Wolter. Und sie habe ihr eine Ausgabe des Ortsblattes „Die Wachtel“ geschickt – so wie immer in den nächsten Jahren. Regine Hildebrandt habe jedes Mal reagiert, „mit im Auto verfassten Briefen in krakeliger Schrift. Es sind mehr als 20“, sagte Regina Wolter. Zum zweiten Wachtelbergfest Anfang der 1990er–Jahre sei sie sogar persönlich gekommen.
Einsicht zur Notwendigkeit
Elske Hildebrandt berichtete bewundernd, aber auch erstaunlich sachlich über ihre Mutter. Ob bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem Wachtelbergfest oder zu Hause. „Meine Mutter war immer dieselbe, sie hatte eine Linie drin“, sagte Elske Hildebrandt. In die Politik habe sie nie gewollt. In der Wendezeit sei es für sie, die der DDR immer kritisch gegenüberstand, aber eine Einsicht in die Notwendigkeit gewesen. „Sie hat gesagt, man kann nicht 40 Jahre meckern und dann sagen, man hat keine Zeit, weil man Geld verdienen muss“, erzählte Elske Hildebrandt. Dass ihre Mutter nach ihrer Brustkrebs–Diagnose 1996 noch fünf statt der von Ärzten prognostizierten zwei Jahre gelebt habe, sei ein großer Triumph gewesen. Bis zuletzt habe sie ihre Termine wahrgenommen, bevor sie am 26. November 2001 in Woltersdorf im Kreise ihrer Familie starb. mst