Raumfahrtgeschichte: Sigmund Jähns Ersatzmann wird 80
Eberhard ist jetzt der Letzte von den vieren damals, das ist schon hart“, sagt Anita Köllner auf den überraschenden Tod von Sigmund Jähn angesprochen. Ihr Mann Eberhard, der damals der andere Kandidat für den ersten Weltraumflug eines Deutschen war, wie Jähn die gesamte Kosmonautenausbildung im Sternenstädtchen durchlaufen hatte, aber letztendlich am Boden bleiben musste, reagiert eher gelassen. In ihrem Alter müsse man damit rechnen, sagt er. Wirklich damit gerechnet hat er sicher nicht, denn eigentlich waren die Familien der Studienfreunde für die nächsten Tage wieder verabredet.
Köllner selbst ist unwesentlich jünger als Jähn. Geboren wurde er 1939 in Staßfurt, die Mutter starb früh. Nach dem Krieg lernte er in einer kleinen Firma Bauschlosser und wechselte dann in die Schmiede eines Magdeburger Großbetriebes. Da gab es immerhin das Doppelte an Gehalt. Über dem Betriebsgelände habe er immer Flugzeuge gesehen, was sein Interesse geweckt habe, erzählt er. Als 16–Jähriger stieß er auf dem Flugplatz Magdeburg–Süd zum Motor– und Segelflug. Bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST). „Ich hatte nicht davon geträumt, aber es hat Spaß gemacht und ich hatte es ganz gut drauf“, berichtet er. Die GST suchte natürlich nicht Piloten für den Freizeitspaß, sondern fürs Militär. Also kam Köllner zu den Luftstreitkräften der NVA, wurde Offizier, studierte wie Jähn an der nach dem ersten Menschen im All Juri Gagarin benannten Militärakademie der UdSSR–Luftstreitkräfte, wurde Kommandeur des Jagdfliegergeschwaders in Cottbus.
Zur Aussprache befohlen
Als solcher wurde er eines Tages „zu einer Aussprache befohlen“, wie er berichtet. Wie rund 300 damalige Jagdflieger. Das war der Auftakt zur Suche nach Kandidaten für den ersten Weltraumflug eines DDR–Bürgers. Er bestand Physik–, Mathe– und Russischtests, die medizinischen und psychologischen Tests und danach auch das 14–tägige Auswahlverfahren in der Sowjetunion. Er selbst, so erzählt er, habe nicht vermutet, dass er als „Einziger aus der Truppe“ eine Chance hätte. Doch eine sowjetische Kommission legte am Ende fest: Jähn war Erster, Köllner Zweiter. Also gingen sie Ende 1976 zur Ausbildung ins Sternenstädtchen, lernten die Kosmonauten aus Polen und der CSSR kennen, die noch vor den Deutschen an der Reihe waren, konnten den Bau der Orbitalstation Saljut miterleben, hatten Unterricht und Prüfungen bei den Konstrukteuren der Raketentechnik. Und jede Menge medizinisches Training. Als Köllner bei der Einteilung der Beatzungen für Sojus 31 Wiktor Gorbatko zugeordnet wurde und Jähn dem bereits kosmoserprobten Waleri Bykowski, sei „naheliegend“ gewesen, wer tatsächlich fliegen würde. Neid habe es aber nicht gegeben, versichert er. Man sei gut klargekommen, habe sich viel geholfen und am Ende auch „einen zur Brust genommen, als sie los waren“. Denn man war schon erleichtert, dass alles erfolgreich verlaufen ist. „Das ist ja kein Spiel.“ Angstgefühle habe es aber nicht gegeben. Wer in der Luftfahrt groß geworden sei, habe Vertrauen in Mensch und Technik. „Ohne das Grundvertrauen dürfte man nicht einsteigen. Und man trainiert ja ständig.“
Es gab damals die Aussicht, dass auch der Ersatzmann noch ins All kommt, denn es war ein zweiter Flug in Aussicht. „Die Freunde haben damals gesagt, dafür wollen sie nur einen“, erzählt der Neuenhagener. Der kam aber dann doch nicht mehr zustande, weil die DDR kein Geld dafür hatte. Den habe stattdessen die BRD „gekauft“, formuliert Köllner.
Wie in dem Falle hatte das Jähn–Double auch in anderen Situationen weniger Glück als sein Kollege. Er bekam weder wie zugesichert den Posten des Geschwaderkommandeurs zurück, noch lange Zeit eine vernünftige Wohnung für die Familie mit ihren zwei Kindern. Nach verschiedenen Stationen war er längere Zeit an der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte in Kamenz, ehe er schließlich 1986 in den Zentralvorstand der GST wechselte. „So schloss sich der Kreis“, blickt er auf den Anfang seiner Fliegerkarriere zurück. Als Präsident des Flug– und Fallschirmsportverbandes fuhr er zu internationalen Kongressen. Und lebte wieder lange Zeit getrennt von der Familie: Er im Ledigenwohnheim Hessenwinkel bei Erkner, sie weiter in Cottbus. Denn avisierter Wohnraum in Strausberg wurde dann doch an andere vergeben. Letztlich brachte ihn ein Zufall nach Neuenhagen, wo er für einen anderen in ein Gemeinschaftsbauprojekt mit viel Eigenleistungen einstieg, an dem die GST beteiligt war. In dem Haus lebt er mit seiner Frau noch heute, hat nach der Wende das Grundstück dazu erworben.
Mit der Wende schied der Oberst wie auch Jähn aus der Armee aus. Eine Zukunft bei bundesdeutschen Raumfahrtbehörden habe sich ihm nicht geboten, sagt er. Für die Kontakte zu den russischen Partnern habe man halt nur einen benötigt. Und seine Pilotenlizenzen auf bundesdeutsche umschreiben zu lassen, hätte aus seiner Sicht zu viel gekostet, so dass auch diese Perspektive entfiel. Also stieg er zunächst bei einer Westberliner Spedition ein, wurde dort Dispatcher. Riesiges Arbeitspensum und unklare Zukunftsaussichten veranlassten ihn indes, sich auf Betriebswirtschaft umschulen zu lassen. Schließlich arbeitete er bei der Sparkasse Märkisch–Oderland. Bis zum Renteneintritt 2002.
Ab und zu noch Anfragen
Seitdem genießt er das Seniorenleben. Ab und zu gebe es noch Anfragen nach Vorträgen. „Es gibt ja viel zu erzählen, aber ich reiße mich nicht drum“, sagt er. Und er hadert weder mit der DDR–Zeit und seinem verpassten Weltraumabenteuer noch mit dem vergleichsweise geringen Bekanntheitsgrad und Stellenwert der beiden DDR–Kosmonauten. „Das ist eben so, wenn politische Systeme auseinander fallen.“
Eine große Feier zum 80. wird es übrigens nicht geben. Er sei nicht der Feiertyp, begründet er. Die Familie wolle er aber schon zusammenbringen. Allerdings nicht in Neuenhagen.

