Sommerserie: Der Kalkstein-Tagebau in Rüdersdorf: Wo einst Kalksteinloren schwangen
Höhenangst muss man nicht haben auf der Seilbahnumlenkstation im Rüdersdorfer Museumspark, einem rund 17 Hektar großen Freiluft-Industriemuseum, das die lange Bergbautradition der Gemeinde Rüdersdorf widerspiegelt.
Es sind gerade einmal 42 Stufen bis auf die Plattform. Einen kompletten Überblick über das weitläufige Gelände bekommt der Besucher aus den knapp zehn Metern Höhe zwar derzeit nicht, weil alle Bäume ringsum belaubt sind, aber es sind Teile des aktiven Kalkstein-Tagebaus erkennbar und in der Ferne der Turm der Kalkberger Kirche in Rüdersdorf oder höhere Häuser der Wohngebiete.
Über die Metall- und Betonkonstruktion, die seit diesem Frühjahr wieder betreten werden kann, lief dereinst der Kalksteintransport aus dem Bruch in ein altes Zementwerk. Das stand an der Thälmannstraße, dort, wo heute das Paketzentrum von DHL ist. Von einem Ende der Umlenkstation ist durch eine Schneise, in der auch noch alte Seilbahnmasten stehen, das große Logo des Logistikunternehmens, das Posthorn auf gelbem Grund, zu sehen.
Laut Museums- und Kultur GmbH, die den Museumspark betreibt, wurde die Seilbahnanlage in den 1950er-Jahren gebaut und ging 1959 in Betrieb. Durch sie sei eine kontinuierliche Belieferung des Zementwerks mit Material möglich gewesen. Etwa 30 Jahre lief der Transport über die Seilbahn, bis nach dem Ende der DDR die alte Produktionsstätte geschlossen und abgerissen wurde und an ihrer Stelle das Paketzentrum entstand. Welche Lasten seinerzeit über die Station liefen, lässt sich anhand der Reste der alten Technik erahnen. Eine Lore ist als Muster auf der Plattform zu sehen, dazu die großen stählernen Rollen, über die die massigen Stahlseile liefen. „So eine Lore wog mindestens eine Tonne. Kalkstein ist ja relativ schwer“, so Lisa Sieg von der GmbH. Sie weist darauf hin, dass im Museumspark andere Regeln gelten als in Museen üblich. „Man kann hier überall rein und rauf und alles anfassen.“
Fast. Denn nebenan, am sogenannten Seilscheibenpfeiler, ist das derzeit nicht möglich. Dort laufen gerade Sanierungsarbeiten. Pfeiler ist für dieses Bauwerk auch eigentlich keine passende Bezeichnung. Es erinnert an einen römischen Viadukt, wurde 1871 errichtet. Man habe sich damals an Entwürfen Schinkels orientiert, ist nachzulesen. Der Pfeiler ist gewissermaßen ein Vorläufer der Umlenkstation, denn auch er diente dem Transport von Material aus dem Kalksteinbruch. In dem hatte man einen Schrägaufzug angelegt, über den Eisenbahnwagen und spezielle Werkswagen hineingebracht und beladen wieder hinaufgezogen wurden. Denn seit Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Verbindung mit der Ostbahn. Der Seilscheibenpfeiler war Teil des Schrägaufzugs, die Seilwinden wurden per Dampfmaschine angetrieben. Die Anlage war bis 1914 in Betrieb, als der Heinitzbruch geflutet wurde. Der dann entstandene Heinitzsee wurde zu DDR-Zeiten Mitte der 1970er-Jahre für weitere Kalksteingewinnung wieder abgepumpt.
Auch die ebenfalls in der Nähe der Umlenkstation befindliche Schachtofenbatterie ist gegenwärtig wegen Bauarbeiten nicht immer begehbar. In der imposanten Anlage mit den vielen Schloten wurde von 1874 an fast 100 Jahre lang Branntkalk hergestellt. Sie ist als Filmkulisse ebenso beliebt wie für Ausstellungen und Veranstaltungen. Seit wenigen Wochen können Besucher von dort aus auch Fahrten mit einer Kleinbahn unternehmen, allerdings bislang nur wenige hundert Meter und nur an speziellen Tagen, die an der Kasse des Parks erfragt werden können.
Führungen und Touren
Dort gibt es natürlich auch Informationen über die komplette Palette der Angebote des Museumsparks mit seinen vielfältigen Zeugnissen von der Gewinnung und Verarbeitung des Kalksteins aus dem benachbarten Tagebau. Der gilt ja als Negativabdruck der Stadt Berlin, weil nicht nur Gebäude wie das Brandenburger Tor oder das Olympiastadion aus Rüdersdorfer Kalkstein hergestellt wurden, sondern auch Massen an Branntkalk und Zement in die Hauptstadt geliefert wurden. Im Haus der Steine erhalten Besucher geologische Informationen zu Muschelkalk und Eiszeit und sehen das typische Gestein mit seinen Schichtungen und Einschlüssen aus nächster Nähe.
Je nach Interesse können zudem Touren im Landrover oder geologische und historische Führungen gebucht werden. Letztere gibt es in der einstündigen Kurzversion oder als etwa zweistündige Runde, bei der auch Abstecher zur Seilbahnumlenkstation, zum Seilscheibenpfeiler und zur Schachtofenbatterie enthalten sind. Überdies gibt es spezielle Programme für Schulklassen und natürlich Ferienangebote.
Informationenfür Besucher
Öffnungszeiten des Parks:April bis Oktober täglich 10–18 UhrNovember bis März Dienstag bis Sonntag 10.30–16 UhrEintritt: Erwachsene sechs Euro, Kinder 6 bis 16 Jahre drei EuroGastronomie vorhanden
Anfahrt:Mit dem Auto: A 10 bis Anschlussstelle Rüdersdorf oder B 1/5 bis Tasdorf, dann der Ausschilderung folgen.Mit öffentlichen Verkehrsmitteln:RB 26 oder S 5 bis Strausberg, von dort mit dem Bus 950 bis Marienstraße oder Markt und dann per Straßenbahn 88 bis HeinitzstraßeS5 bis Fredersdorf und von dort mit dem Bus 951 bis Rüdersdorf LandhofS3 bis Friedrichshagen und dann weiter mit der Straßenbahn 88 bis Rüdersdorf Heinitzstraße.

