Rückwärts nimmer
Es gab kein Zurück und kein Vorwärts mehr zu einer demokratisch umgestalteten, wirtschaftlich erfolgreichen DDR, seitdem deren Bürger die harte Westmark in den Händen hielten. Das war auch dem Staatssekretär im Strausberger Abrüstungs- und Verteidigungsministerium, Werner E. Ablaß, klar: "Es konnte nur noch darum gehen, vernünftige Bedingungen der Vereinigung auszuhandeln, sowohl was die soziale Absicherung der DDR-Bürger hinsichtlich ihrer Dienst- und Arbeitsverhältnisse, ihre Rechtssicherheit angeht als auch die Gültigkeit bestehender Gesetze und Regelungen der Siegermächte wie der Bodenreform oder der Truppenstationierung auf dem Territorium eines vereinigten Deutschland."
So verwundert es nicht, dass Ablaß einer der Männer war, dem de Maizière das Verhandlungsmandat über den Einigungsvertrag für die DDR anvertraute. "Er gab uns am 2. August vor 30 Jahren mit auf den Weg: Schreibt einfach alles rein, was ihr erreichen wollt, die kürzen uns sowieso zwei Drittel wieder raus!", erinnert sich der 73-Jährige.
Bevor der II. Staatsvertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands, wie der Eingungsvertrag offiziell hieß, am 31. August von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und dem Parlamentarischen Staatssekretär Günter Krause unterzeichnet wurde, trafen sich diese beiden mit den Staatssekretären Karl-Heinz Carl und Franz Kroppenstedt (Bundesverteidigungs- und Bundesinnenministerium) sowie Werner E. Ablaß und Eberhard Stief (DDR-Abrüstungs- und Verteidigungs- sowie DDR-Innenministerium) am 24. August zu einem Krisengespräch in Berlin. "Es ging um die Versorgung der bis zum 31. Dezember 1990 freiwillig weiter Dienenden in unseren Dienststellen, die konnten wir ja mit dem Tag der Vereinigung nicht alle schlagartig nach Hause schicken", erläutert Ablaß, "das ging hin bis zu den Besatzungen in den Radarstellungen zur Luftraumüberwachung. Die mussten doch Versorgungsgebührnisse nach DDR-Recht weiter erhalten. Ich bin, weil wir da nicht zum Ergebnis kamen, am 27. August noch einmal mit Stief nach Bonn geflogen, um das vor der großen Unterzeichnung zu klären."
Blickt Ablaß heute zurück, kann er einen gewissen Stolz nicht verhehlen, vor allem aber äußert er Dankbarkeit für die loyalen NVA-Obristen, die ihm damals zugearbeitet haben, damit er seine Schlüsselrolle erfüllen konnte: "In Sachen Einigungsvertrag hat mich mein Leiter Verwaltung, Recht und Soziales, Oberst Horst Schulze, auf viele Detailfragen aufmerksam gemacht und gut beraten. Und ohne das umsichtige Organisationstalent meines Büroleiters Oberst Karl-Heinz Müller wäre ich manches Mal wohl aufgeschmissen gewesen. In internationalen Verhandlungsfragen war mir Generalleutnant Hans Deim eine unersetzliche Hilfe." Die bezogen sich schließlich vor allem auf die Sowjetunion. So wandte sich Ablaß gerade am 1. August schriftlich an den UdSSR-Verteidigungsminister Dmitri Jasow mit der Bitte, auf die für Mitte August vertraglich vereinbarte Zuführung von Kampfhubschraubern Mi-24 W zur NVA zu verzichten. "Er ist schließlich darauf eingegangen, aber es hat uns 10,5 Millionen D-Mark gekostet, DDR-Mark gab’s ja nicht mehr", sagt Ablaß sarkastisch. Aus eigenem Antrieb zurückgeholt haben die sowjetischen Militärs im August ihre gesamte Chiffriertechnik aus den NVA-Beständen. "Dafür hatten wir einst einen dreistelligen Millionenbetrag an transferablen Rubeln bezahlt, aber das spielte nun keine Rolle mehr", berichtet Ablaß.
Aufklärer für die KSZE
Die Militärabwehr gehörte auch zu Ablaß’ Verantwortungsbereich. Die Aufklärer in NVA-Uniform und Zivil unter Führung des Generalleutnant Alfred Krause glaubten, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und legten ihm am 17. August 1990  eine "Konzeption zur Umwandlung des Informationszentrums des Ministeriums für Abrüstung und Verteidigung in ein KSZE-Zentrum für Konfliktverhinderung und militärischen Informationsaustausch" vor.  Wenig bescheiden verweist Krause auf seinen Personalbestand mit  "Analytikern und Informatoren mit profunden Kenntnissen über die Sicherheitspolitik und das Militärwesen aller KSZE-Staaten sowie die militärpolitische Lage in außereuropäischen Räumen, Sprachkenntnissen und Fähigkeiten zum variablen Einsatz von Rechentechnik", erwähnt Spezialisten mit Erfahrungen im diplomatischen Dienst und zählt bei seiner Daten- und Informationsbasis "225 Einzeldateien mit über 415 000 Datensätzen je 10 bis 40 Informationen über die Streitkräfte aller Staaten, 103 000 Literaturbände, Fotos, Dias, Fiches und aktuelle Dokumentationen zu den genannten Themenkreisen" und andere Ergebnisse der jahrzehntelangen Spionagetätigkeit seiner Verwaltung Aufklärung auf, die er nun ganz in den Dienst der KSZE stellen will. Dazu kam es freilich nicht.
Auch zu den ersten gesamtdeutschen Wahlen schon am 14. Oktober kam es nicht, da wurden die Landtage der fünf neuen Bundesländer gewählt. Aus verfassungs- und wahlrechtlichen Gründen fanden die Bundestagswahlen am 2. Dezember statt.

1990


Die letzte DDR-Regierung gab Kompetenzen an die Kommunen zurück, führte die Länder wieder ein, erarbeitete den Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion ab 1. Juli, erarbeitete den II.Staatsvertrag über die Deutsche Einheit und verhandelte und unterzeichnete den 2+4-Vertrag am 12. September in Moskau.