Grün ist der Faden, der sich diagonal in der Mitte des Stuhlkreises über die roten Fußbodenziegel spannt, und grün sind auch die Zettel, die in der ersten Übung darauf Platz gefunden haben. Ein Zeitstrahl, auf dem die Teilnehmenden solcherart zwei oder drei für sie besonders prägnante Daten als Stichwort aufschreiben sollten. Natürlich ballen sich rund zwei Drittel dieser Notizen mit Jahreszahlen 1989 und 1990. Doch in Abständen geht es die ganze Zeitspanne weiter bis zum 13. September, einen Tag vor dem Treffen in der Wesendahler Kirche. Der Zettel stammt von Pfarrer Johannes Menard. Es geht um seine jüngste Enkelin, die an dem Datum geboren wurde – in Tansania. Hineingeboren in eine ganz andere Welt, und mit der Örtlichkeit ein Indiz dafür, wie sehr diese zusammengerückt ist, seit vor drei Jahrzehnten mitten in Berlin eine Grenze fiel, die mehr als eine Stadt und ein Land, sondern auch zwei politische Blöcke teilte.
Bei der Stadt abgeblitzt
Aus mehreren umliegenden Orten sind Interessierte der Einladung gefolgt. Arlett Rumpff und Bernd Neukirch vom Projektteam "30 Jahre friedliche Revolution" der evangelischen Landeskirche wirken als Moderatoren, und gern hätte die Kirchengemeinde als Partner einer solchen Gesprächsreihe noch die Stadt Altlandsberg an der Seite gehabt. Dort sei man aber auf Desinte-resse gestoßen, bedauert der Wegendorfer Enrico Konkel. Er war am 10. November 1989, einen Tag nach der Maueröffnung, mit seiner Mutter zu der in Westberlin lebenden Oma gefahren. Über die Bornholmer Brücke: "Ich habe das noch im Kopf, wie die Menschen einerseits gefeiert, aber Einzelne auch vor dem Konsumrausch gewarnt haben. Da standen einige mit Schildern: ,Geld ist nicht alles!’." 1993 war Konkel, einer der Jüngeren in dieser Runde, der erste Zivildienstleistende bei seiner Kirchengemeinde, die wiederum zeitgleich beim Abzug der letzten sowjetischen Truppen einen ehemaligen Appellplatz rückübertragen bekam.
Flucht durch den Teltowkanal
Kurt Lohe aus Strausberg wiederum, einer der Älteren, hatte Silvester 1989 seinen Bruder und seine Schwester aus München zu Besuch – die beiden, hatte er zuvor berichtet, waren noch 1961 durch den Teltowkanal geschwommen, um in den Westen zu kommen. Er selbst, so der Bericht zu einem weiteren Zeitstrahl-Kärtchen, hatte im Vergleich zu vielen "gebrochenen Biografien" im Osten nach der Wende Glück: Mit einem Haufen Kleingeld hatte er, gerade mal einen Monat arbeitslos, in Westberlin an einem Münzfernsprecher diverse Firmen abtelefoniert – und fand einen Job, der bis 2010 hielt. Lohe war es auch, der zusammen mit seiner Frau im September 1989 den Gründungsaufruf des Neuen Forums in einer Strausberger Armeesiedlung öffentlich aushing.
"Das war mein schönstes Geschenk", erinnerte sich derweil Hans-Jürgen Albrecht vom Kirchenförderverein Hirschfelde an die Ablösung von Ex-Staats- und Parteichef Erich Honecker am 18. Oktober 1989. Es war der 50. Geburtstag des Mannes, der damals in Berlin-Lichtenberg wohnte und wenig später einer der prägenden Köpfe des Bürgerkomitees war, das nach Erstürmung der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße vom Runden Tisch mit der Sicherung des Objektes betraut wurde. Noch genau kann er sich erinnern, wie der Sohn eines befreundeten Nachbarn, den er als Mitarbeiter des Mielke-Ministeriums kannte, ein Honecker-Bild aus einem Fenster im vierten Stock warf, während im Hinterhof noch Lastwagen mit offener Klappe zum Abtransport von Akten bereitstanden.
Menard, der sein Vikariat bei Friedrich Schorlemmer in Wittenberg zubrachte, kam im August 1990 als junger Pfarrer zu seiner ersten Stelle in Altlandsberg – die Ackerbürgerstadt wirkte da regelrecht verloren, dem Verfall preisgegeben. Eine ganz neue Heimatregion im anderen Teil des vormals geteilten Deutschland fand wiederum Uwe Höpfner. Der heutige Lehrer am Oberstufenzentrum in Strausberg war damals Offizier der Bundeswehr, stationiert in Flensburg und später zur Übernahme eines einstigen NVA-Standortes bei Schwerin abgeordnet. Der "Beute-Altlandsberger", wie er sich selbst scherzhaft bezeichnete, verfolgte die Geschehnisse im Herbst 1989 somit aus der Distanz und eher via Fernsehbildschirm. Selbst 30 Jahre später gebe es zwischen Ost und West noch immer viel Gefälle und Konflikte. "Ich glaube, es dauert noch mindestens eine Generation, bis wir wirklich ,innere Ruhe’ in der Gesellschaft haben", sagt er.
Späte Wege Richtung Kirche
Seine Frau Kerstin, gebürtige Altlandsbergerin und wieder dort lebend, bereitet sich in Richtung Taufe vor. "Sozialistisch erzogen worden" sei sie, nur ihre Oma nahm sie mal in die Kirche mit, ihr Vater blockte das aber ab. Verspätet hat sie nun zu ihrem Glauben gefunden. Noch stärker war dieses elterliche Abblocken bestimmter Kontakte bei Gudrun Schütze aus Wesendahl der Fall. Sie wuchs in den Sechzigerjahren auf, ihr Vater war seinerzeit Schuldirektor. "Mit den christlichen Kindern, die mich mal eingeladen hatten, durfte ich nicht mehr mitgehen, als er das mitbekam." Sie ist heute beruflich im Umweltschutz tätig, war eine der ersten, die 1991 in Prädikow durch Dozenten eines abgewickelten DDR-Instituts eine Weiterbildung in dem Bereich bekamen.
Noch viel mehr spannende Episoden wurden in Wesendahl ausgetauscht. Und alle Anwesenden waren sich einig, dass es solche Gesprächsformate, um in Ruhe und auf Augenhöhe Erinnerungen zu teilen, eher zu selten gebe.

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