Wenn die Büros am Potsdamer Platz schließen, entschwindet normalerweise auch das Leben zwischen den modernen Häuserzeilen. Dieser Tage aber füllen sich die Straßen und Plätze nach Sonnenuntergang mit Menschen. Sie flanieren unter Bäumen auf der Alten Potsdamer Straße, deren Blüten (Blüten gibt’s im Frühjahr) in den unterschiedlichsten Farben leuchten. Sie recken ihre Köpfe und zücken ihre Handys, um die flackernden Bilder internationaler Lichtkünstler auf den steinernen Fassaden festzuhalten, die nun in der Dunkelheit zum Leben erwachen.

Leuchtende Schwäne tanzen auf dem Pianosee

Das Publikum macht Rast auf den Stufen am Marlene-Dietrich-Platz und bewundert fast schon andächtig zwölf leuchtende Schwäne, die auf dem Pianosee einen synchronen Tanz vollführen. Das Antlitz und die Bewegungen der künstlichen Tiere wirken dabei fast schon seltsam natürlich, wenn sie ihr schillerndes Wasser-Ballett vorführen.
Es ist wieder „Festival of Lights“. Für viele Berliner und Touristen gerade jetzt eine willkommene Abwechslung. Kunst umsonst und draußen, dazu Sommerwetter, das will sich im Corona-Jahr kaum jemand entgehen lassen. Und auch Abstand zu halten ist nicht schwer in dieser Open-Air-Lichtkunstgalerie, die sich mit über 90 strahlenden Kunstwerken auf rund 168 Quadratkilometern in der ganzen Stadt verteilt.
„Das ist an einem Tag gar nicht zu schaffen“, sagt Philipp Prüfert, der vor einem viereinhalb Meter großen leuchtenden .Herzen auf seine Bekannten wartet. Auch sein E-Bike im Look eines Motorrads aus den Siebzigerjahren, ist zur Feier des Tages mit LED-Leuchten geschmückt. „Mein Kumpel Toby hat es in zwei Tagen Nachtarbeit für mich verlötet. Die gesamte Elektronik ist in der Lenkertasche“, erzählt der 40-Jährige.

Lichtkunst auch in den Berliner Kiezen

Auch seine Bekannten, die nun aus mehreren Bezirken eintrudeln, haben ihre Gefährte mit Lichter-Spielen aufgemotzt. Gemeinsam soll es nun weiter zum Brandenburger Tor und zum Berliner Dom gehen. Welche Gebäude in diesem Jahr als Projektionsfläche dienen, können sie in der Festival of Lights-App auf ihren Handys nachlesen.
In der mittlerweile 16. Auflage gehen die Veranstalter auch noch etwas tiefer in die Kieze. Ob das Amtsgericht Neukölln, der Bahnhof Frohnau, die Postbrücke Wilhelmsruher Damm oder das Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf: die Gebäude präsentieren sich wortwörtlich in einem neuen Licht.
Initiatoren des neuen Bauprojekts „Berlin Decks“ am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit haben sich selbst an das Kreativteam des Festival gewandt, um ihr künftiges „Quartier für Wissenstransfer und Zusammenarbeit“ bekannter zu machen. Mit Hilfe einer Licht-Video-Show wird der 1912 errichtete Backsteinbau auf dem ehemaligen Werksgelände von Thyssen-Krupp für den Betrachter zu einem Tor in die Vergangenheit und Zukunft. Stahl wird gegossen, gewalzt und Funken sprühen über die Fassaden. Doch die Zeitmaschine ermöglicht auch den Blick in die Zukunft des neuen Büro- und Industriekomplexes mit Promenadendeck, Meeting Points und grünen Terrassen.

Nikolai-Viertel erinnert an seine Geschichte

Eine feste Größe beim Lichterfest ist aber auch Berlins ältestes Quartier, das zu DDR-Zeiten wieder aufgebaute Nikolaiviertel. Auf der Fassade Rathausstraße/Ecke Spandauer Straße ist nun der markante Eckturm des ehemaligen Kaufhauses Nathan Israel an historischer Stelle wieder auferstanden. Das elegante Kaufhaus mit über tausend Angestellten bot einst Waren auf fünf bis sechs Etagen an und war in seiner Größe und Qualität vergleichbar dem Londoner Kaufhaus Harrods. Wer weiter zur restaurierten Nikolaikirche spaziert, findet sich plötzlich in der Installation „Tree of Light“ mit funkelnden Spiegelkugeln im Reinhardtshof wieder. Auch das Knoblauchhaus (1759 bis 1761), eines der wenigen Berliner Bürgerhäuser, das den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hat, ermöglicht eine visuelle Reise in die Vergangenheit. Collagen mit Motiven aus der Biedermeier-Zeit zieren die Fassaden.

Casanova auf dem Marstall

Zum Abschluss des Spaziergangs durch das Nikolaiviertel ist auch unbedingt ein Abstecher zum „Marstall“ empfohlen. Auf seinen Mauern leuchten nun die Gesichter historischer Persönlichkeiten auf, die die Geschichte des Viertels prägten. Sogar der berühmte Verführer Ciacomo Casanova war einmal Bewohner. Wer mehr zu den Hintergründen erfahren will, kann auch eine spezielle Stadttour zum Festival of Lights buchen. Die werden unter anderem übrigens auch am Potsdamer Platz angeboten, wo die Besucher sich an mobilen Wagen eines kleinen Street-Food-Marktes mit Garnelen-Salat, Edel-Hot-Dogs und koreanischen Tofu-Gerichten stärken können.
Am Eingang der derzeit wegen Umbau geschlossenen Arkaden ist ein großformatiges Wandbild des Street-Art-Künstlers Millo beleuchtet. Zu sehen sind freundliche Bewohner, die ihre städtische Umgebung erkunden. In dem Werk „In the Aftermath of Everything There is Still Something“ (Nach allem, was war, gibt es noch etwas) thematisiert der Italiener die Wiedergeburt eines Stadtviertels. Der Potsdamer Platz jedenfalls ist zumindest in diesen glanzvollen Tagen aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Abstandsregellungen gelten auch draußen


Das Festival of Lights geht noch bis Sonntag, 20. September. Die Gebäude sind, falls im Programm nicht anders angegeben, täglich zwischen 20 und 24 Uhr erleuchtet. Um das Berliner Lichterfest zu einem leuchtenden Erlebnis für alle zu machen, bitten die Veranstalter darum, den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,50 Metern zu beachten und die aktuellen Regeln einzuhalten. Sollten sich an einzelnen Orten der Illuminationen zu viele Menschen unter Vernachlässigung der Abstandsregelung aufhalten, müssen die Projektionen vorübergehend abgeschaltet werden. Das gesamte Programm und erstmals auch ein Online-Angebot findet sich im Internet unter www.festival-of-lights.de. Dort könne Besucher auch Touren buchen.