Der Spitzname "Mäusebunker" kommt von seiner nicht weniger schauerlichen Bestimmung: Im Inneren wurden wissenschaftliche Experimente mit lebenden Tieren durchgeführt, die dafür gleich vor Ort gezüchtet wurden. "Um zu verhindern, dass ein verseuchtes Tier ausbüchst und Krankheiten verbreitet, wurde der Bau wie ein Hochsicherheitstrakt angelegt", erklärt Klack. Die Tierversuchslabore liegen tief im luftdicht abgeriegelten Gebäude und werden über die Rohre künstlich belüftet. "Wenn man das Ding voll Wasser laufen lassen würde, würde das drin bleiben", sagt der Architekt aus Neukölln.
So muss der Mäusebunker auch 24 Stunden belüftet werden. Wird die Anlage abgeschaltet, kann man das Gebäude nur noch mit Schutz- und Atemausrüstung betreten. Das erzeugt extreme Kosten. So stand der unheimliche Bau des  Berliner Architekten Gerd Hänska (1927–1996) gemeinsam mit dem ebenfalls nicht unspektakulären Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité gleich nebenan im Frühjahr schon auf der Abrissliste.
Doch beide Gebäude gelten inzwischen auch international als seltene Bespiele des  "Brutalismus" der deutschen Nachkriegsarchitektur.  "Als wir unsere Petition zum Erhalt gestartet haben, erhielten wir nicht nur 1000 Unterschriften, sondern auch Nachrichten von Unterstützern aus Großbritannien, Österreich, der Schweiz, Ungarn und Slowenien", berichtet Klack. Länder, in denen die Relikte aus rohem Beton zunehmend an Bedeutung gewinnen würden und unter anderem in "Lifestyle"-Wohnanlagen umgenutzt würden.

Charité will Forschungscampus erweitern

Aus dem Berliner Exemplar würde die Initiative "Rettet den Mäusebunker" gerne ein Kulturzentrum machen. Die Charité dagegen will auf der freiwerdenden Fläche ihren Forschungscampus gemeinsam mit der Freien Universität (FU) erweitern. Eine Nachnutzung des "Mäusebunkers" wäre aufgrund der schwierigen Belüftung sowie veralteter Haustechnik und hoher Schadstoffbelastung  erheblich schwieriger als zum Beispiel beim Internationalen Congress Centrum Berlin (ICC), teilte Charité-Dekan  Axel Radlach Pries am Dienstag auf Anfrage mit. Im Laufe des Sommers 2020 solle das Gebäude im Südosten der Stadt voraussichtlich leergezogen und die Tierhaltung in einem Neubau am Campus Berlin-Buch untergebracht sein. Allerdings habe man einen internationalen Workshop initiiert, im dem geklärt werden solle, ob eine Nachnutzung des "in seiner extremen Formensprache sehr eindrucksvollen" Gebäudes grundsätzlich überhaupt möglich wäre, so der Dekan.
"Der Mäusebunker ist in hohem Maße havariegefährdet und wirtschaftlich nicht zu sanieren", sagt dagegen Adrian Grasse, forschungspolitischer Sprecher der Berliner CDU-Fraktion.  "Die Corona-Krise hat uns allen deutlich gemacht, dass wir Spitzenforschung nicht nur brauchen, sondern noch mehr fördern müssen", findet der Politiker. Ein Kulturstandort an diesem Ort wäre "vollkommen unrealistisch".
Das hält auch Klack nicht für die beste Lösung. "Aber ich würde mir wünschen, dass die Charité den Wert des Gebäude erkennt, es öffnet und vielleicht als Archiv und Rechenzentrum nutzt."
Seit der gebürtige Hamburger vor 21 Jahren zum Architektur-Studium nach Berlin kam, ist er mit vielen ähnlichen Situationen konfrontiert worden. Damals entbrannte gerade der Streit um den Abriss des Palastes der Republik. "Für mich war eine Fahrradtour durch Berlin immer wie das Blättern in einem Architekturführer mit Bauten aus allen Epochen." Auch der Abriss der DDR-Großgaststätte Ahornblatt stimmte den Studenten damals traurig und ließ ihn zum Kämpfer für das Bauerbe werden. "Angesichts der vielen schönen Denkmale, die das Herz erfreuen, lässt sich leicht vergessen, dass das Bewahren von Kulturgut auch den Schutz der unbeliebten und hässlichen Gebäude bedeutet", findet der 41-Jährige. "Es wäre schön, die allgemeine Wertschätzung würde sich nicht immer erst einstellen, wenn der Verlust bereits eingetreten ist."

Schnörkellos, aber besonders formbar

Brutalismus nennt man den Baustil aus der Zeit der 50er- bis 70er-Jahre, als auf der Welt Gebäude aus Sichtbeton entstanden. Als Vorreiter gilt der französische Architekt Le Corbusier, der ab 1947 das Stadtbild von Marseille mit seinen grauen Wohnklötzen prägte. Das formbare Gussmaterial bot Architekten aber ganz neue Möglichkeiten der plastischen Gestaltung. So entstanden auch ganz experimentelle Gebäudeformen und wertvolle Monumente zeitgenössischer Architektur, die bis heute für Aufsehen sorgen. neu