Wenn der alte Bollerwagen klappert, wissen Max und Moritz genau, was gleich losgeht. Dann kommen die Tierpfleger, führen die Zwillinge aus dem Stall und greifen erst mal zur Bürste: Schönmachen ist angesagt – kräftig das lange Fell in Form bringen, damit die Girgentana-Ziegen auch gut auf ihrer Runde aussehen.
Denn jeden Mittwoch – nur nicht bei Regen oder Glatteis – um 12 Uhr setzt sich der Futterexpress in Bewegung: Ein tierischer Lieferservice, bei dem in den nächsten 30 Minuten alle auf ihre Kosten kommen: Die hungrigen Tiere, die angesteuert werden, Besucher, die das rollende Spektakel begleiten sowie Max und Moritz, die sichtlich Spaß dabei haben.
"Auch für uns ist das jedes Mal eine schöne Abwechslung und bei den Tieren kommt dadurch  keine Langeweile auf", sagt Dana Hirrich-Schadek. Gemeinsam mit Reviertierpfleger René Viete beginnt im Streichelzoo die Fahrt.
Die schönen Ziegen mit dem gebürsteten Fell wissen genau, wo es langgeht. Und so steuern sie zuerst das Waschbärgehege an. Kurzer Halt, ein Pfleger greift einen Eimer und kippt die leckere Gemüseladung den plüschigen Tierparkbewohnern vor die Füße. In der Zwischenzeit hält Viete seine "Zugpferde" mit einer kleinen Knäckebrot-Belohnung bei Laune. "Es sind immer zwei Kollegen unterwegs, einer lehrt die Eimer aus, der andere passt auf die Ziegen auf", erklärt der Reviertierpfleger.
Das Tempo während der abwechslungsreichen Tour bestimmen Max und Moritz. Meistens sind sie flott unterwegs und ihre menschlichen Begleiter kommen ins Schwitzen. Laut scheppern Eimer und Schüsseln auf dem Wagen und die alten, metallbeschlagenen Räder erzeugen zusätzliche Geräusche. Aber das ist ganz praktisch, weil der Futterexpress schon von weitem zu hören ist und die Spaziergänger ein wenig überrascht und doch entzückt den Weg freimachen. "Wir bremsen den  Laufdrang der Tiere absichtlich nicht ab, weil sie dann die Lust an der Runde verlieren würden", macht René Viete deutlich.
"Vorwärts" ruft er zu den Brüdern, die noch den Großteil der Strecke vor sich haben. Erwartet wird ihre "gesunde Fracht" von den Kanarienvögeln, Wellensittichen, Meerschweinen, Schafen, Puten sowie dem Degu und den Stachelschweinen.
Zwischendurch fragen immer wieder Besucher, ob sie ein Foto vom tierischen Express machen dürfen. Und vor allem Kinder wollen das weiche Fell streicheln. "Berührt bitte weder Kopf noch Hörner, das mögen Max und Moritz nämlich nicht", erklärt ihnen die Tierpflegerin.
Diese spiralförmig nach innen gewundenen Hörner sind das auffälligste Merkmal dieser robusten Ziegenrasse. Beim ausgewachsenen Bock können sie eine Länge von 80 Zentimetern erreichen. Doch da haben die Zwillinge noch ein bisschen Zeit. Vier Jahre sind beide jetzt alt und seit 2016 mit dem Futterexpress unterwegs. Zuvor wurden sie etwa zwölf Monate lang an diese Aufgabe herangeführt: Das hieß zunächst an der Leine laufen, dann mit Brustgurt und später vor dem alten Bollerwagen.
Zutraulich durch Handaufzucht
"Die Tiere waren von Anfang an sehr zahm, denn wir mussten zufüttern und sie teilweise per Hand aufziehen", beschreibt René Viete das Verhalten.
Jede Ziege hat inzwischen stets dieselbe Laufseite: Moritz wird links "angeschnallt", Max rechts. Christina Richter aus Lichtenberg hat die Runde  gefallen. "Ich bin extra deshalb hierhergekommen und werde demnächst nochmal mit meinen Enkeln mitlaufen", sagt die ältere Dame. Doch die Tour ist nicht nur Beschäftigung und Fütterung, sondern hat noch einen anderen Grund: "Wir möchten den Besuchern diese alten Nutztierrassen zeigen und verdeutlichen, wie wichtig es ist, solche Arten zu erhalten und vor dem Aussterben zu bewahren", betont Tierpark-Kurator Florian Sicks.
Seit Jahrzehnten werden im Berliner Tierpark deshalb alte Nutztierrassen gezüchtet. Dazu gehört beispielsweise die Girgenatana-Ziege: Eine widerstandsfähige und anspruchslose Haustierrasse. Die Anzahl der reinrassigen Tiere ging bis Ende des 20. Jahrhunderts stark zurück. Ursache war die im Vergleich zu moderneren Züchtungen geringe Milchleistung. Inzwischen erhöhten sich die Bestände aufgrund des Interesses von Zoos und von Organisationen zur Erhaltung der landwirtschaftlichen Biodiversität wieder.
Weitere Infos zu speziellen Fütterungen und Führungen im Tierpark unter www.tierpark-berlin.de

Tierpark Berlin

DerTierpark Berlin ist einer der beiden Zoologischen Gärten in Berlin. Der Tierpark, der sich in Friedrichsfelde befindet, wurde 1955 eröffnet. Mit 160 Hektar Fläche ist er der größte Landschaftstierpark in Europa.

Knapp 9000 exotische und heimische Tiere leben in der abwechslungsreichen, weitläufigen Parklandschaft. Berühmt ist der Tierpark für seine Kamelwiesen mit Flamingo-Lagune, für das denkmalgeschützte Alfred-Brehm-Haus sowie die Giraffen- und Elefantenherden. Durch das historische Schloss Friedrichsfelde, die kostenlose Tierparkbahn und das Angebot an Spielplätzen, bietet der Park ein Erlebnis für die ganze Familie.

365 Tage im Jahr hat der Park geöffnet. Die Öffnungszeiten weichen saisonal ab. Erwachsene zahlen 14,50, Kinder 7,50 Euro Eintritt. afu