17. Juni 1953: „Dann sah ich den ersten Toten“
Herr Richter, im Juni 1953 war Hennigsdorf Ihr Zuhause. Wie lebten Sie damals?
Gehungert haben wir nicht. Ich war 18 Jahre alt und mein Elternhaus befand sich in der Spandauer Allee 6. Damit wohnten wir gegenüber meiner Arbeitsstätte – dem Volkseigenen Betrieb VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke „Hans Beimler“ (LEW), wo ich ab 1949 zum Werkzeugfräser ausgebildet worden war. Meine Eltern waren dem SED-System stark zugewandt, und deshalb gab es mit mir immer Ärger.
Warum?
Wir jungen Leute tanzten lieber Boogie-Woogie, hörten den US-Radiosender AFN oder den RIAS aus dem Westteil Berlins. Wir fuhren regelmäßig mit der S-Bahn in den Ortsteil Tegel in Berlin-Reinickendorf und sahen uns pausenlos US-Western im Kino an.
Es ging Ihnen also nicht schlecht.
Körperlich war ich okay, aber ich litt unter den gesellschaftlichen Pflichtveranstaltungen: Die mochte ich gar nicht. Schon bevor ich Azubi im LEW wurde, musste ich in den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) eintreten, Mitglied im kommunistischen Jugendverband Freie Deutsche Jugend (FDJ) und in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) werden. Dann wurde auch gesehen, dass wir anders gekleidet waren und keine blauen FDJ-Hemden trugen. Ich hatte immer Zoff.
Wie haben Sie als Zeitzeuge den Volksaufstand erlebt?
Ich bin am 17. Juni 1953 morgens zum LEW-Werktor. Da stoppten mich die Vorarbeiter. ,Wir streiken heute alle‘, hieß es. Danach hat sich gegen 8 Uhr ein Großteil der LEW-Belegschaft formiert, um in Richtung Grenze zu West-Berlin – hinüber in den Ortsteil Heiligensee – zu marschieren. Auf dem Weg dorthin vereinten wir uns mit einem Teil der Belegschaft aus dem Stahlwerk Hennigsdorf.
Wie viele Streikende waren unterwegs?
Mit den Stahlwerkern schwoll der Demonstrationszug auf rund 2000 Personen an.
Und dann?
Auf Hennigsdorfer Seite schob die Menschenmenge den Schlagbaum, an dem nur ein Volkspolizist stand, beiseite und wir marschierten zur Müllerstraße im damaligen Arbeiterbezirk Wedding. Die Reaktion der Menschen dort war sehr berührend. Geschäftsleute kamen aus ihren Läden heraus, begrüßten und beschenkten uns mit Essen und Getränken.
Von da ab ging es weiter über die Invalidenstraße, über die Straße Unter den Linden hin zur Leipziger Straße – zum Haus der Ministerien der DDR, dem früheren Reichsluftfahrtministerium und heutigen Sitz des Bundesfinanzministeriums. Die Demonstranten machten sich mittags daran, ins Gebäude einzudringen.
Wo waren Sie?
Ich stand auf einer Telefonzelle und sah am Potsdamer Platz ein Gebäude in hellen Flammen stehen – aus dieser Richtung kam jetzt der erste Panzer der Russen und steuerte auf die schier unübersehbare Menschenmenge zu. Junge Leute sprangen auf den Panzer, brachen die Antenne ab. Zeitgleich eröffnete die Besatzung das Maschinengewehrfeuer. Die Salven schlugen oben in den Giebel eines ausgebombten Hauses ein, wanderten die Fassade immer weiter herunter. Das Mauerwerk spritzte, alle lagen flach.
Hatten Sie Angst?
Oh ja, große Angst. Ich sprang von der Telefonzelle, schmiss mich flach hin. Als der Beschuss vorbei war, flüchteten wir Hals über Kopf nach Norden in Richtung Westsektor.
Dann habe ich den ersten Toten gesehen. Wir rannten. Im Rinnstein in der Straße Unter den Linden lag eine weitere Leiche. Als wir an der Invalidenstraße ankamen, war ich heilfroh, dass mir nichts passiert war. Dort standen Lastwagen und Busse. Ich weiß nicht, wer die organisiert hatte. Die fuhren viele Menschen, darunter auch mich, zurück zur Havel-Grenze nach Hennigsdorf.
Wie erging es Ihnen in den Stunden und Tagen danach?
Wir waren am 17. Juni seit 5.30 Uhr unterwegs gewesen und todmüde. Es war später Nachmittag. An der Grenze zu Hennigsdorf waren der Schlagbaum wieder da und Volkspolizisten, die uns kontrollierten. Unmittelbar danach bin ich in den Westen geflüchtet. Für 20 Pfennig kaufte ich mir auf dem Bahnhof in Hennigsdorf am Schalter einen Fahrschein für die S-Bahn, fuhr eine Station nach Berlin-Heiligensee und war in Freiheit.
Haben Sie zuvor Ihre Eltern informiert beziehungsweise sich von ihnen und Ihren zwei Schwestern verabschiedet?
Nein. Ich habe mich acht Jahre lang nicht gemeldet, weil allgemein bekannt war, dass DDR-Bürgern mit Verwandten ersten Grades im Westen erhebliche Schwierigkeiten bereitet wurden.
Was empfinden Sie heute nach so langer Zeit, wenn Sie an den 17. Juni 1953 zurückdenken?
Für mich als junger Mensch war es ein Abenteuer und eine Flucht aus einer Zwangssituation. Ich konnte seither alles tun und lassen, was ich wollte. Mein Leben nahm fortan das Tempo eines D-Zuges auf.
ZurPerson
Nur einen Tag nach dem 17. Juni 1953 flüchtete der gelernte Werkzeugfräser Wulf Dietmar Richter (Jahrgang 1935) in den Westteil Berlins. Er durchlief Aufnahmelager für junge Menschen auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik. In den 60er-Jahre arbeitete er sich hoch zu einem erfolgreichen Geschäftsmann, der mit Investmentzertifikaten und mit Immobilien handelte. 1968 zog er nach Spanien. Nach dem Mauerfall kehrte Richter zurück nach Deutschland. In Werder an der Havel rief er 1990 das Lokalblatt "General-Anzeiger Werder" wieder ins Leben, das er bis 2015 als Inhaber, Herausgeber und Chefredakteur leitete.

