30 Jahre Brandenburg
: Mit Historiker Günther Morsch in der Gedenkstätte Sachsenhausen

Günther Morsch hat die Gedenkstättenkultur in Brandenburg wie kein anderer geprägt. Bei einem Spaziergang über das Gelände in Sachsenhausen erinnert er sich an Siege und Niederlagen.
Von
Claudia Duda
Oranienburg
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  • Für Günter Morsch wirkt der große Platz in der Gedenkstätte Sachsenhausen immer kühl.

    Für Günter Morsch wirkt der große Platz in der Gedenkstätte Sachsenhausen immer kühl.

    Claudia Duda
  • Vor wenigen Wochen hat Günter Morsch zusammen mit Horst Seferens, dem Pressereferenten der Stiftung, ein umfangreiches, reich bebildertes Buch publiziert. In ihm wird unter dem Titel "Gestaltete Erinnerung"  25 Jahre Bauen in der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten dargestellt, dokumentiert und kommentiert. Metropol-Verlag, 464 Seiten, 39 Euro.

    Vor wenigen Wochen hat Günter Morsch zusammen mit Horst Seferens, dem Pressereferenten der Stiftung, ein umfangreiches, reich bebildertes Buch publiziert. In ihm wird unter dem Titel "Gestaltete Erinnerung"  25 Jahre Bauen in der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten dargestellt, dokumentiert und kommentiert. Metropol-Verlag, 464 Seiten, 39 Euro.

    MMH
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Bewegt ihn ein besonderes Gefühl, wenn er das Gelände betritt? „Als Historiker sieht man das alles mit anderen Augen“, sagt er.  Für ihn steht die Rationalität des Ortes im Vordergrund.

Alles wirkt streng, das hätten die Architekten mit ihrer Geometrie der Anlage beabsichtigt. Wobei die Menschen angesichts der Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers dazu neigen, den Ort zu emotionalisieren, meint Morsch. Für ihn wirkt der Ort „widerborstig“ – wie er sagt. Selbst im Sommer sei es kühl.

Bereits 1986 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter  erstmals in Sachsenhausen. Im Zuge der „Berlin; Berlin"–Ausstellung von 1987 hatte er die Aufgabe, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Dass das ehemalige Konzen-trationslager tatsächlich als Teil Berlins gesehen werden sollte, war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Der ehemalige Direktor der Mahn- und Gedenkstätte hat ihn damals jedoch nicht empfangen. Morsch musste ohne historische Zeugnisse zurück nach West-Berlin fahren.

Beim ersten Besuch in Sachsenhausen beeindruckt

Trotzdem ist ihm der erste Besuch noch stark in Erinnerung. Er war ungeheuer beeindruckt, weil es in Westdeutschland so große Gedenkstätten damals nicht gab. „Auf den zweiten Blick sah ich aber bereits, wie stark alles vernachlässigt war. Und natürlich sah ich die Ausstellung, die durch das Geschichtsbild der SED geprägt war.“ Der Expertenkommission in den Lagern Buchenwald und Sachsenhausen sei es nach 1990 zu verdanken, dass hier sofort ein professioneller Ansatz der Gedenkstättenarbeit fortgesetzt wurde, der die Bewahrung und den Denkmalschutz in den Vordergrund stellte.

„Trotzdem hat sich natürlich an allen Ecken etwas verändert. Wir haben versucht, eine Mischung zwischen Neugestaltung auf der einen Seite und Bewahrung auf der anderen Seite zu realisieren“, sagt Morsch. „Jeder Stein vermittelt eine Geschichte und darf deshalb nicht beseitigt werden.“ Dieser Ansatz der Denkmalpflege habe sich erst vor 30 Jahren in den NS-Gedenkstätten durchgesetzt. Das gelte auch für die Phase der DDR. Als Beispiel für die Veränderung nennt Morsch die Rückverlegung des Einganges auf den ursprünglichen KZ-Eingang.

Heftige Kontroversen habe es allerdings wegen der Beseitigung der so genannten Ringmauer gegeben. In der DDR-Zeit gab es um den Appellplatz eine Mauer, die das System der Geometrie des totalen Terrors zerstören sollte. Denkmalpfleger und die damalige brandenburgische Ministerin Johanna Wanka (CDU) wollten die Mauer erhalten. Sie sei aber marode gewesen und hätte folglich  rekonstruiert werden müssen. Die Mauer wurde bis auf eine Spur im Boden abgerissen, heute öffnet sich wieder der Blick auf das ehemalige Barackenlager.

Das größte Problem sei allerdings gewesen, dass die DDR erst 1986 damit begonnen hatte, die Geschichte von Sachsenhausen tatsächlich aufzuarbeiten. Viele  Dokumente waren nicht mehr vorhanden, es begann die eigentliche Arbeit: Aus der ganzen Welt wurden Quellen zusammengetragen und mittlerweile gibt es zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen über Sachsenhausen, betont Morsch stolz. Auch das Museumskonzept wurde völlig überarbeitet.

Bei seiner Einführungsrede vom 3. Januar 1993 hat Morsch die Gedenkstätte gleich umbenannt: von „Mahn- und Gedenkstätte“ in „Gedenkstätte und Museum“. Dahinter stand das Konzept, dass moderne Gedenkstätten zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben sind. Heute habe sich das überall durchgesetzt.

Bevor er  die Verantwortung übernahm, hatte ihm die Landesregierung Versprechungen gemacht, was die Personalausstattung der Gedenkstätte anging. Doch diese Versprechen wurden durch das damalige Finanzministerium konterkariert. Beinahe wäre er deshalb gegangen, doch das Engagement für die Erinnerung und die persönlichen Kontakte zu den Überlebenden, die er mittlerweile aufgebaut hatte, haben ihn dazu bewogen, zu bleiben.

Dieser Austausch mit den Überlebenden und ihren Angehörigen war und ist ihm ganz besonders wichtig. „Es war ein großes Glück, dass wir die Gedenkstätten noch mit den KZ-Überlebenden zusammen neu gestalten durften.“ Mit vielen war und ist er befreundet, einige haben ihn gebeten, nach dem Tod die Trauerreden zu halten. „Das ist sehr schwer für mich“, sagt er. Die eindrücklichste Erinnerung ist für Morsch der 50. Jahrestag der Befreiung. Im April 1995 waren 1700 Überlebende in Sachsenhausen zu Gast. „Die Begegnungen sind unvergesslich, besonders mit denen, die als jüdische Kinder in den Krankenrevier-Baracken waren und an denen medizinische Experimente vorgenommen wurden. Diese Kinder sind dank der skandinavischen Häftlingsärzte gerettet worden. Von diesen Ärzten lebte damals leider nur noch einer und wir haben ihn mit den ehemaligen jüdischen Kindern zusammengebracht – das war außerordentlich bewegend.“

Gedenkstätte Sachsenhausen als  Lernort

Wie soll die Erinnerungsarbeit aussehen, wenn es keine Überlebenden mehr gibt? „Wir können die emotionale Nähe, die bei Erzählungen von ehemaligen Häftlingen zum Beispiel vor Schülern entsteht, nicht erzeugen“, meint Morsch. Doch der historische Ort bleibe ein eindrucksvoller Lernort, wenn es gelingt, ihn zum Sprechen zu bringen. Sehr viele junge Leute kommen aus aller Welt, um sich für die Bewahrung der historischen Zeugnisse einzusetzen. „Was in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland geschah, ist in seiner Radikalität so unvergleichlich, dass es die Grundlagen unserer menschlichen Existenz berührt. Es ist die erschreckende Erkenntnis, wozu wir als Menschen prinzipiell in der Lage sind.“ Deshalb werden die Gedenkstätten auch in der Zukunft eine wichtige Rolle in der Erinnerungskultur spielen, ist der 68-Jährige überzeugt.

Die Auseinandersetzungen um die sowjetischen Speziallager beschäftigen Morsch bis heute. Der Konflikt wurde sehr polemisch geführt. „Die Tabuisierung des Speziallagers in der Zeit der DDR und dass es völlig verschwiegen wurde, ist unerträglich und hat denjenigen, die hier gelitten haben, nachträglich Schmerz und Leid zugefügt“, so Morsch. Im Westen dagegen seien die Speziallager nicht selten als „rote KZ’s“ oder sogar als Vernichtungslager bezeichnet worden. Das habe sie mit den KZ’s der Nazis gleichgesetzt. Durch langjährige wissenschaftliche Forschungen konnte nachgewiesen werden, dass die vergleichsweise hohe Sterberate in den Speziallagern nicht die Folge einer geplanten Politik der Sowjets war, sondern auf dem Hintergrund einer nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Nazis verursachten, europaweit grassierenden Hungersnot bewertet werden muss, der Millionen außerhalb der Lager zum Opfer fielen. Doch die Wahrnehmung der Häftlinge war anders. Aufgrund der mit großer Schärfe einerseits und nachvollziehbarer Emotionalität andererseits geführten Debatten sei es ihm wichtig gewesen, die Ausstellung zur Erinnerung an das Speziallager zu versachlichen.   Im Zentrum des Museums zur Geschichte des Speziallagers stehen 24 Biografien von ehemaligen Häftlingen, die ganz unterschiedliche Schicksale dokumentieren sollen. Die Debatte wurde damals außerordentlich heftig geführt, sogar Morddrohungen von rechtsextremistischer Seite gegen ihn habe es gegeben.

Zahlreiche Politiker und Persönlichkeiten hat Günter Morsch in Sachsenhausen begrüßt und durch die Gedenkstätte geführt. Am schwierigsten sei der Besuch von  Steven Spielberg im September 1998 gewesen, was vor allem an der durch die Medien stark beförderten Erwartungshaltung gelegen habe. Die im Vorfeld getroffenen Absprachen, um den Besuch, wie vom berühmten amerikanischen Regisseur ursprünglich gewünscht, in Ruhe und in Würde zu gestalten, seien leider nicht eingehalten worden.

Nicht nur für Sachsenhausen war Morsch zuständig. 1997 wurde er Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und war damit auch für Ravensbrück, Brandenburg an der Havel, Potsdam-Leistikowstraße und Belower Wald verantwortlich. Den unterschiedlichen Interessen der Häftlingsverbände gerecht zu werden, sei eine große Herausforderung gewesen. Ein Beispiel dafür ist die Gestaltung der Gedenkstätte in Brandenburg/Havel. In die Strafanstalt Brandenburg-Görden kamen nach Kriegsbeginn Verurteilte aus ganz Europa. Forschungen haben ergeben, dass in einer eigens dafür umgebauten Garage bis 1945 etwa 2030 Menschen hingerichtet wurden. Nach 1945 war das Zuchthaus eine der größten Haftanstalten der DDR. Die politische Debatte sei so schwierig gewesen, weil dort von 1937 bis 1945 Erich Honecker inhaftiert war. Zu DDR-Zeiten sei der Ort deshalb politisch instrumentalisiert worden. Im Jahr 2018 wurde nach langem Ringen nach der Einrichtung eines Museums zur Geschichte der Krankenmorde 1939/40 endlich auch eine Ausstellung im ehemaligen Direktorenhaus eröffnet, die der Strafanstalt vor und nach 1945 gerecht wird.

Wenn Günter Morsch auf Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) zu sprechen kommt, wird seine Stimme warm und nachdrücklich: „Er hat große Verdienste um die Erinnerungskultur des Landes.“ Stolpe sei sehr oft in Sachsenhausen gewesen und habe in seiner charismatischen und sensiblen Art die Gäste geführt und dabei die Bedeutung und Würde des Ortes deutlich gemacht. "Er war ein großer Ermutiger und Brückenbauer“, sagt er, vor allem wenn es persönliche Angriffe gegen ihn gegeben habe.

Von Ruhestand kann bei Günter Morsch keine Rede sein. Er ist als Vortragsredner gefragt und in zahlreichen Gremien vertreten. Auch als Professor an der Freien Universität ist er aktiv, betreut Doktorarbeiten, hält Lehrveranstaltungen, korrigiert und bewertet Studienabschlussarbeiten. Außerdem arbeitet er an einem neuen Buch, deshalb konnte er in der Corona-Zeit keine Online-Vorlesungen halten. „Zum Glück“, sagt er und lacht tief aus dem Bauch heraus.

Zur Person

Der Historiker Günter Morsch ist 1952 im Saarland geboren. In Berlin studierte er an der Technischen und an der Freien Universität Geschichte, Psychologie und Philosophie.

In den 1980er-Jahren war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an dem Ausstellungsprojekt "Berlin; Berlin. Die Geschichte einer Stadt" beteiligt. Auch als Bildungsreferent der deutschen Gewerkschaften war er lange tätig.

Später war er fünf Jahre Museumsrat im Rheinischen Industriemuseum in Oberhausen.

Im Jahr 1993 übernahm er die Leitung der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen. 1997 wurde er außerdem Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. 2018 ging er in den Ruhestand.

Morsch ist außerdem Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin.

Der Vater zweier Kinder und Großvater eines Enkels lebt seit 1994 mit seiner Frau in Oranienburg.⇥cd