30 Jahre Mauerfall: „Ich mag den Proletenkult“

Ein DDR-Schwergewicht: Das Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ (SKET) in Magdeburg im Jahr 1983. Damals wurden unter anderem auch Krane und Bearbeitungsmaschinen für den allgemeinen Maschinenbau hergestellt.
dpa/Hans WiedlIn diesem Jahr jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal. Vieles ist seitdem über die DDR geschrieben worden. In einer Serie stellt die MOZ Menschen vor, die Teil der DDR–Wirtschaftsgeschichte sind.
Anders als die Vorstandsvorsitzenden westlicher Großkonzerne, kamen die Führungskräfte der DDR–Kombinate oft aus sehr einfachen Verhältnissen. Eckhard Netzmann, Generaldirektor beim VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann (SKET), hat als Kind gehungert und lief im Sommer barfuß. Auch mit 81 Jahren ist Eckhard Netzmann berufstätig. Sein Alter merkt man ihm nicht an, mit kräftiger Stimme gibt er Auskunft über sein Leben und die DDR.
Netzmann war in der DDR ganz oben und ganz unten, als Generaldirektor und Vize–Minister und als einfacher Mitarbeiter für Bilanzierung. „Ich habe 16 Stunden pro Tag gearbeitet“, sagt Netzmann und gibt damit die Richtung vor, die seinem Leben bis heute Antrieb gibt. „Nicht viel reden, machen“ war und ist seine Devise.
Als Flüchtlingskind aus Schlesien ist er zusammen mit seiner Mutter und zwei Geschwistern lange ohne Vater aufgewachsen. In Geithain, einer Kleinstadt zwischen Chemnitz und Leipzig, hat er im Sommer und Herbst auf den abgeernteten Feldern nach Ähren und Kartoffeln gesucht. Im Sommer lief er barfuß, um die Schuhe zu schonen.
Bereits mit 14 Jahren geht er in die Lehre, macht eine Ausbildung als Schlosser und kommt mit 17 an die Ingenieursschule, die er drei Jahre später erfolgreich abschließt. Dann beginnt seine Laufbahn bei SKET, das in den Anfangsjahren noch Thälmannwerk Magdeburg heißt. 20 Jahre ist das Riesenwerk mit mehr als 13 000 Beschäftigten sein Arbeitsplatz, zuletzt ist er dort Generaldirektor. „Ich mag den Proletenkult, da blühe ich auf“, sagt Netzmann und verdeutlicht, was er damit meint: eine klare Planung aufstellen und dann zügig abarbeiten. Wenn es Streit gibt, sich offen — auch wenn es laut wird — die Meinung sagen und dann weitermachen, und zwar gemeinsam. Damit ist er bei SKET immer gut gefahren, war erfolgreich, hatte den Großteil der Leute hinter sich. Doch im Ministerium wehte ein anderer Wind. Von 1979 bis 1983 war Netzmann stellvertretender Minister für Schwermaschinen– und Anlagenbau.
Nach einer Dienstreise nach Venezuela wurde er als Minister abgesetzt. Er hatte dort nicht ausschließlich über Parteitagsbeschlüsse reden wollen, sondern auch über politische Alternativen. Kurz danach bekam er seine Papiere. „Das war ein Absturz“, sagt Netzmann knapp. Fortan lebte er in einer kleinen Wohnung in der Berliner Schlegelstraße. Drei Außenwände, Altbau, im Winter vier Grad Raumtemperatur.
„Das einzige, was funktionierte, war der Fernseher, im Plattenspieler war das Öl wegen der Kälte eingedickt“, erinnert sich der 81–Jährige. Im VEB Kombinat Kraftwerksanlagenbau Berlin wurde er zum einfachen Mitarbeiter heruntergestuft, kümmerte sich um die Verbesserung von Ofenklappen, verließ den Betrieb 1987 allerdings als Leiter des VEB. Netzmann erlebte, was vielen seiner Landsleute widerfuhr: Politisch missliebige Äußerungen führten ins Aus. Doch eine Ausreise kam nicht in Frage, auch nicht die Frontalopposition. Stattdessen wollte er weiter an der Entwicklung der DDR mitarbeiten.
So empfand er zwei Jahre vor der politischen Wende in der DDR auch keinen Groll gegen die Vertreter der Partei, als sie ihm den Auftrag gaben, als Sonderbevollmächtigter den „Block V“ — das letzte Atomkraftwerk der DDR — in Lubmin bei Greifswald ans Netz zu bringen. Wenige Monate vor der politischen Wende nahm das AKW zwar den Probebetrieb auf, wurde aber Ende 1990 abgeschaltet.
Eckhard Netzmann behauptete sich nach der Wende. In den 1990er Jahren war er Vorstandsvorsitzender bei der Ostberliner Kraftwerks– und Anlagenbau AG. Als größten Fehler, der Anfang der 1990er Jahre gemacht wurde, sieht er die „Zerschlagung aller DDR–Wertschöpfungsketten“, seither „gibt es auf dem Boden der früheren DDR nur noch eine kleinteilige Wirtschaft“. Das werde nicht nur von ihm beklagt, sondern finde sich in jedem Bericht des jeweiligen Ost–Beauftragten der Bundesregierung.
„Genau das habe bereits 1992 in der „Wirtschaftswoche“ beschrieben, dass das der Auftrag der Treuhand gewesen ist“, sagt Netzmann. Auch heute mischt sich der DDR–Manager noch gerne ein. Er arbeitet als Unternehmensberater für Engineering und Maschinenbaubetriebe und hat einen Firmen–Verbund geschaffen. Für die Kohleregionen Ostdeutschlands wünscht er sich einen technologischen Neuanfang. „Aber es sieht viel danach aus, dass dort Lobbygruppen anstatt Fachleute entscheiden, was mit der Region passiert“, so Netzmann.