30 Jahre Mauerfall
: Der Kopierer als Gastgeschenk

Arnfrid Gothe hat in der DDR schon früh Karriere gemacht. Als es 1989/1990 zum Umbruch kam, war er voller Erwartungen.
Von
Nina Jeglinski
Berlin
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  • Der Tag an dem die D-Mark kam: Überall in der DDR bildeten sich am 1. Juli 1990 lange Schlangen wartender Menschen vor Sparkassen und Banken. Die DDR-Bürger tauschten ihre Guthaben in Westgeld ein.

    Der Tag an dem die D-Mark kam: Überall in der DDR bildeten sich am 1. Juli 1990 lange Schlangen wartender Menschen vor Sparkassen und Banken. Die DDR-Bürger tauschten ihre Guthaben in Westgeld ein.

    dpa/Archiv
  • Anfrid Gothe

    Anfrid Gothe

    Volkssolidarität
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In diesem Jahr jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal. Vieles ist seitdem über die DDR geschrieben worden. In einer Serie stellen wir Menschen vor, die Teil der DDR–Wirtschaftsgeschichte sind.

Der 1. Juli hat für den Thüringer Arnfrid Gothe eine besondere Bedeutung. Mit nur 31 Jahren startete er an diesem Tag 1984 seine Laufbahn als Sparkassendirektor in Erfurt. 1990 kam das Westgeld, verbunden mit neuen  Herausforderungen.

Sparkassen der DDR waren vergleichsweise problemlose Betriebe. Anders als beim Handel oder der Industrie drückten weder Materialmangel noch Devisenknappheit. Das einzige Problem, woran sich Gothe heute erinnert, war der Personalmangel. „Wir mussten leider gute Auszubildende ziehen lassen, weil in anderen Branchen oft besser bezahlt wurde“, sagt der heute 65–Jährige. Die Sparkasse Erfurt hatte zu DDR–Zeiten 290 Mitarbeiter, wobei Mitarbeiterinnen es besser trifft, bloß sieben der Angestellten waren männlich: drei Abteilungsleiter, ein Sicherheitsmann, zwei Fahrer und Direktor Gothe.

Den ersten Kontakt mit den Vertretern der West–Sparkassen bekam die Sparkasse Erfurt am 15. Dezember 1989. Unter der Leitung des damaligen Wirtschaftsministers des Landes Rheinland–Pfalz, Rainer Brüderle (FDP), stattete eine Wirtschaftsdelegation mit Vertretern der Sparkasse Mainz — der schon damaligen Partnerstadt Erfurts — den Erfurtern einen ersten Besuch ab. „Damals wurde bereits Tacheles geredet, und allen war klar, dass die Reise in Richtung D–Mark und Wiedervereinigung gehen wird“, erinnert sich Gothe. Allerdings seien die ersten Zusammentreffen von „großer Hilfsbereitschaft“ und „ehrlicher Herzlichkeit“ geprägt gewesen, so sein damaliger Eindruck. Als erstes Gastgeschenk hatte die West–Delegation der Sparkasse Erfurt einen gebrauchten Kopierer mitgebracht.

Es gab Gegenbesuche, unter anderem zur Zeit des Karnevals nach Mainz. Auf der Technikmesse Cebit in Hannover 1990 erhielten alle Ost–Sparkassen vom Sparkassenrechenzentrum die dort verwendete Software geschenkt.

Bereits im Frühjahr 1990 bekam Arnfrid Gothe die Folgen der politischen Wende zu spüren. Der Runde Tisch Erfurt hatte beschlossen, alle Betriebsleiter zu entlassen, es sei denn, die Belegschaft hätte sich mit großer Mehrheit für den Verbleib ausgesprochen. Gothe überstand die Abstimmung, 256 Mitarbeiter stimmten für ihn, bei nur vier Gegenstimmen.

Doch auch die Zeiten in der Erfurter Sparkasse änderten sich rasant. Ende 1990 bekam die Bank vier Vorstände. Bis auf Gothe kamen die anderen drei Männer aus dem Westen. Auch die Mitarbeiterstruktur auf der zweiten Ebene änderte sich. „Bald hatte die Sparkasse Erfurt in der zweiten Leitungsebene fast 50 Prozent Mitarbeiter aus dem Westen“, sagt Gothe. Vor allem für das Kreditgeschäft und für die Revision wurden Kräfte aus den westlichen Partnersparkassen geholt.

Gothes Anfang vom Ende begann 1995 mit dem Auftauchen eines Sparkassenmannes aus dem Nordwesten Baden–Württembergs. Gothes Vertrag stand kurz vor der Verlängerung, doch der neue Kollege wollte den Konkurrenten ganz offenbar loswerden. Gothe habe zu wenige Weiterbildungsseminare besucht, so die Begründung, weshalb ein bereits aufgesetzter, aber noch nicht unterschriebener Arbeitsvertrag nicht gültig wurde. Einen Tag vor Heiligabend 1995 erfuhr Gothe davon. „Der Oberbürgermeister hat wohl kalte Füße bekommen, und meine weitere Beschäftigung fiel aus“, beschreibt Gothe die Situation heute. Damit war er mit erst 43 Jahren pensionsberechtigt. „Aber wer setzt sich in so einem Alter zur Ruhe?“, fragt der hochgewachsene Mann. Übergangslos sei es dann in der Raiffeisenbank Erfurt weitergegangen, dort war er bis 2002 erst als Leiter der Innenrevision, später dann als Prokurist im Bereich Organisation/Betriebsservice tätig.

Der Sparkassenmann aus Baden–Württemberg hat dann Karriere gemacht, bis 2003 leitete er die Geschäfte in Erfurt. Als es zur Fusion der Sparkassen Sömmerda, Weimar und Erfurt zur Sparkasse Mittelthüringen kam, sei der Süddeutsche an einem Freitag nach Hause gefahren und nie wieder nach Thüringen zurückgekehrt. Noch drei Jahre lang zahlte ihm das Geldinstitut die vollen Bezüge. „Keiner kennt die genauen Gründe, wieso das so entschieden wurde“, gibt sich Gothe diplomatisch.

2002 hat der Mathematiker dann noch einmal die Branche gewechselt und war bis Ende 2016 Geschäftsführer der Volkssolidarität KV Gotha e. V. und der Volkssolidarität Thüringen gGmbH. In der Zeit bei dem Sozialverband hat er die Fusion des Landesverbandes Thüringene. V. und des Kreisverbandes Gotha e. V. organisiert und die Zahl der Mitarbeiter dort auf 350 erhöht.

Am Ende seines Berufslebens hatte Arnfrid Gothe mit ähnlichen Schwierigkeiten zu tun wie in den 1980er Jahren bei der Sparkasse: nämlich geeignetes Personal zu finden. Obwohl inzwischen in Rente, kann Gothe die Füße auch heute noch nicht hochlegen. Ende November 2018 wurde er in Pößneck in den Vorstand der Volkssolidarität Landesverband Thüringen e. V. gewählt.