75 Jahre Kriegsende: 92-jähriger Frankfurter erinnert sich - „Hitler war tot und ich ein Gefangener“
In dieser letzten Stunde besteht die Sorge jenes Mannes, der Millionen Menschen in Tod und Verderben stürzte, nur noch darin, dass sein Leichnam nicht von den Siegern zur Schau gestellt würde. „Ich will dem Feind weder tot noch lebendig in die Hand fallen. Nach meinem Ende soll mein Körper verbrannt werden und so für immer unentdeckt bleiben" – das war sein letzter Befehl.
Statt Reue zu zeigen, ruft er in seinem politischen Testament die Armeeführer auf, „mit äußersten Mitteln den Widerstandsgeist unserer Soldaten im nationalsozialistischen Sinne zu verstärken unter dem besonderen Hinweis darauf, dass auch ich selbst, als der Gründer und Schöpfer dieser Bewegung, den Tod dem feigen Absetzen oder gar einer Kapitulation vorgezogen habe“.
Glaube an den Endsieg
Einer von den vielen Deutschen, die trotz aller Niederlagen seit Stalingrad an den Endsieg glaubten, war Wolfgang Reichmuth. Der heute 92-Jährige befindet sich in der Stunde, als Hitler sich das Leben nimmt, 70 Kilometer weiter westlich in einer Falle. „Wir lagen am Silokanal in Brandenburg an der Havel. Vor uns eine Infanterieeinheit der Russen. Hinter uns die gesprengten Brücken der Stadt.“
Reichmuth war erst 17 Jahre alt und hatte doch schon Fürchterliches hinter sich. Am 11. Januar 1944 – einem eiskalten Wintertag, wie er sich bis heute erinnert – „musste unsere 10. Klasse aus dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium in Forst auf dem Schulhof antreten“. Die 15- und 16-jährigen Jungs wurden als zukünftige Luftwaffenhelfer nach Berlin verabschiedet. „Unsere Eltern waren absprachegemäß daheim geblieben“, berichtet er. Abschiedsschmerz passte nicht in das Bild, das auch jüngere Schüler als patriotisch empfinden sollten.
Bereits seit 1943 wurden massenweise Gymnasiasten bei der Verteidigung von Großstädten eingesetzt, weil die Luftangriffe britischer Flieger immer mehr zunahmen. „Während tagsüber Lehrer zu uns in die Flakstellungen kamen und der Unterricht weiterging, waren wir abends und nachts an den Geschützen eingesetzt“, berichtet Reichmuth. Schon am 21. Januar 1944 erlebte die Klasse aus Forst einen gewaltigen Angriff von fast 700 englischen Flugzeugen im Stadtteil Lichtenberg. „Alle 15 Geschütze unserer Batterie schossen minutenlang Sperrfeuer.“ Doch sie konnten die Bomber kaum erreichen, die ihre tödliche Last aus mehreren Kilometern Höhe abwarfen.
Nur wenige Meter von Reichmuth entfernt detonierten in dieser Nacht drei schwere Luftminen. Zwei Tote und zahlreiche Verletzte waren die Folge. „Unsere Vorstellungen vom siegreichen Krieg stimmten plötzlich nicht mehr mit der Wirklichkeit überein.“ Reichmuths Erwachsenwerden ging in rasendem Tempo voran. „Beim Stadturlaub sah ich Johannes Heesters in der Operette ‚Hochzeitsnacht im Paradies’. Und wir besuchten verruchte Lokale in Alexnähe.“
Rückzug statt Angriff
Bei seinem letzten Heimaturlaub im Januar 1945 sah Reichmuth in Forst bereits Flüchtlinge aus Breslau, „die vor der anrückenden Roten Armee meist nur noch ihr nacktes Leben retten konnten“. Die Verlegung der Flakeinheit an die Ostfront sollte zur fast tragisch-komischen Episode werden. „Als wir am 28. Januar im 80 Kilometer östlich von Frankfurt gelegenen Schwiebus eintrafen, erreichte gerade die Rote Armee aus Osten die Stadt.“ Zum Glück war sein Batteriechef Günter von Nordenskjöld, der 20 Jahre später Abgeordneter des Bundestags werden sollte, kein Fanatiker, sondern ordnete gleich den Rückzug an.
Auch bei Letschin im Oderbruch, wo die Einheit am 2. Februar eintraf, wartete eine böse Überraschung: In der Nähe hatten die Russen einen Brückenkopf ans westliche Oder-Ufer geschlagen. Ein Erkundungstrupp der Deutschen stieß bei Gieshof auf erfahrene Frontkämpfer der Roten Armee. „Meine Mitschüler Dieter Bennewitz und Hans-Joachim Bahr fielen, drei weitere Schulkameraden aus Forst gerieten in Gefangenschaft.“ Der Spieß der Einheit, Hauptwachtmeister Schröter, erschoss sich selbst, weil er Angst vor der Gefangennahme hatte. Schauergeschichten über die Russen waren in aller Munde.
Die Einheit zog sich nach Wriezen zurück, wo Reichmuth von mehreren Granatsplittern getroffen wurde. Doch schon am 10. Februar, seinem 17. Geburtstag, war er wieder am Geschütz. „Man war ja Teil einer Gemeinschaft“, sagt er rechtfertigend. „Endlich konnten wir auch unseren ersten Abschuss verbuchen, eine russische IL-2“. Der Lohn für diese Heldentat war das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
Nur vier Tage vor dem russischen Angriff auf die Seelower Höhen wurden die Jungs aus Forst zu einem Reserve-Offiziers-Kurs nach Potsdam abgeordnet. Dort trafen sie gerade ein, als britische Flieger in der Nacht zum 15. April Tausende Bomben auf die einstige Residenzstadt abwarfen. Über 1500 Potsdamer starben. Auch die Kaserne, in der der Offizierskurs stattfinden sollte, war unbrauchbar geworden.
Liebe bei Amerikanern gefangen als bei den Russen
Sich aus dem Staub machen oder pflichtgemäß bei einer anderen Einheit melden – das war die Gewissensfrage, die die Jungs aus Forst tagelang quälte. Reichmuth besuchte seine Eltern, die nach Königs Wusterhausen evakuiert worden waren. „Hätten sie uns doch bloß geraten, unterzutauchen und Zivil anzuziehen“, notierte er später.
Schließlich meldeten sie sich beim 68. Infanterieregiment in Brandenburg/Havel. „Die Stadt lag ja schon relativ weit im Westen. Wir wären lieber bei den Amerikanern in Gefangenschaft geraten, als bei den Russen“, erläutert er. Doch kurz darauf lagen sie den Russen direkt gegenüber. Ein weiterer Klassenkamerad, Alexander Soor, wurde von einem Granatsplitter getötet. Sein Schulfreund Jürgen Klawe wird seit dem 25. April 1945 vermisst, nur Hans Krabiell kam bei einem Fluchtversuch durch.
„Nachdem die Stadt Brandenburg am 30. April kapitulierte, versuchten wir in der Nacht einen Ausbruch Richtung Westen.“ Doch der war nach nur wenigen Kilometern vorbei. „Im Morgengrauen des 1. Mai standen uns plötzlich Soldaten mit erdbraunen Uniformen gegenüber.“ Reichmuth war ein Gefangener.
„Am Tag feierten die Russen: Gitler kaputt! und gossen sich ordentlich einen hinter die Binde.“ Ein angetrunkener Soldat entdeckte, dass Reichmuth noch immer das Ordensband des Eisernen Kreuzes trug. "Er zückte seine Pistole und wollte mich erschießen. Vielleicht hatten ja Deutsche seiner Familie auch einiges angetan.“
Militärärztin riet, unterzutauchen
Eine russische Militärärztin hielt ihren Landsmann davon ab und bedeutete Reichmuth, rasch in einer Gruppe unterzutauchen. Von dieser Szene hat er sein ganzes Leben lang geträumt. Einen weiteren Jungen aus Forst, den 16-jährigen Klaus-Dieter Koinzer, erschossen angetrunkene Offiziere.
Am 5. Mai wurden die Deutschen zu einer improvisierten Parade für die sowjetische Wochenschau durch Berlin geführt. Reichmuth versuchte Zettel, auf die er die Adresse seiner Eltern und die Worte: „Lebe, bin in russischer Gefangenschaft“ geschrieben hatte, am Straßenrand abzuwerfen. „Tatsächlich hat ein Zettel meine Mutter erreicht. Was ich natürlich erst Jahre später erfuhr.“
Über ein Lager in Rüdersdorf und ein weiteres im Posen ("wo man uns Kopf-, Achsel- und Schamhaare schor") ging es schließlich im Juli mit einem Güterzug nach Russland. Das erste Arbeitslager bei Wjasniki – rund 300 Kilometer östlich von Moskau – war gleich das schlimmste. „Wir lebten in Erdbunkern mit Kerzenbeleuchtung. Die zweistöckigen Holzpritschen hatten keine Auflagen oder Decken, dafür gab es Tausende Wanzen, die sich gierig auf uns stürzten.“ Die bis zu zwölfstündige Arbeit bestand darin, Bäume in einem Feuchtgebiet zu fällen, in dem auch Torf gestochen wurde. Reichmuth zog sich eine Malaria zu, deren Fieberanfälle ihn Jahre quälten.
Er durchlief mehrere Lager. „Der Kontakt mit der Zivilbevölkerung war gut. Man gab uns etwas Essen von dem Wenigen, was sie dort selbst hatten. Wir machten sogar Geschäfte, wenn wir etwas bei der Arbeit organisiert hatten.“ Ein alter Russe, der im Ersten Weltkrieg deutscher Gefangener war, gab ihm den unvergessenen Rat: „Langsam, langsam, wie die Verpflegung, so die Bewegung.“
Klassentreffen nach 48 Jahren
Nach einer weiteren Erkrankung wurde Reichmuth im Herbst 1948 nach Hause geschickt. „In Frankfurt (Oder) kamen wir endlich in deutsche Hände. Hier gab es einen Heimfahrtschein für die Reichsbahn und 50 Mark Entlassungsgeld.“ Vier Pfennige für jeden Tag seiner Gefangenschaft. Am 21. Oktober 1948 lag er seinen Eltern Max und Hertha in Forst in den Armen. Er war gerade 20 Jahre alt.
Statt des Abiturs hat Reichmuth eine Lehre bei der Reichsbahn gemacht ("Wir brauchten ja dringend das Geld"). Bei der Spedition Deutrans arbeitete er sich mit Hilfe zweier Fernstudien zum Vize-Chef der Filiale Frankfurt (Oder) hoch.
Erst nach der deutschen Wiedervereinigung kam es 1992 zum ersten Wiedersehen der alten 10. Klasse aus Forst. „Vier Mann aus dem Osten und vier aus dem Westen berichteten über ihr Leben.“ Nur Wolfgang Reichmuth und ein weiterer Klassenkamerad leben heute noch.
Ein Foto, das ihn als 17-Jährigen in Luftwaffenhelfer-Uniform zeigt, hat er vor ein paar Jahren dem Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau zur Verfügung gestellt. Den Feiertag 1. Mai, an dem 1945 seine Gefangenschaft begann, erlebt er bis heute mit gemischten Gefühlen.


