„Gesichter der Arbeit“: Fotoausstellung: Ungeschönter Alltag im VEB-Werk
Der Kittel der Arbeiterin im VEB Elektrokohle ist mit Kohlestaub bedeckt. Doch bevor Günter Krawutschke sie fotografiert, will sie sich erst einmal hübsch machen. Der Bildjournalist der Berliner Zeitung hat die Frau 1979 in der Mittagspause beim Kämmen abgelichtet. Das Foto wurde nie gedruckt. Auch nicht seine Bilder, auf denen Arbeiter gegen den Lärm und Dreck der Maschinen ankämpfen oder mit gelangweilten Gesichtern einer Honecker-Rede lauschen.
Es sind Aufnahmen jenseits der staatlichen Fotoaufträge, die den Mitarbeiter der Berliner Zeitung in den 70er- und 80er-Jahre in die Ost-Berliner Betriebe führen. Dort kennt man ihn irgendwann und lässt ihn auch mal alleine durch die riesigen Werkhallen laufen.
„Ich konnte mir Zeit nehmen, mich den Menschen langsam zu nähern“, erinnert sich der Fotograf, der heute mit seiner Frau in Blankenfelde-Mahlow lebt und ein riesiges Archiv einer untergegangenen Industriezeit angesammelt hat.
Statt Maschinen und Produktionszahlen interessiert er sich damals vor allem für die Arbeiter. Er beobachtet lange, bis er ein Portrait schießt, und fängt so sehr verschiedene Momente ihres Arbeitsalltags ein. Da sind die Arbeiter vom VEB Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“ Oberschöneweide, die in der Pause Skat spielen. Oder der Werktätige Joseph Klimanel, der in seiner angeschmutzten Arbeitsjacke im VEB Elektrokohle Lichtenberg vor der Wandzeitung zum 66. Jahrestag der Oktoberrevolution 1983 Artikel anklebt. Als Kontrast dazu sieht man die erschöpften Männer in den Metallhütten- und Halbzeugwerken. „Metall wurde gebogen, gepresst, gewalzt und gezogen, und die Maschinen waren nicht gerade das, was man heute kennt. Die Menschen waren unabhängig vom politischen Hintergrund fleißig und diszipliniert. Sie wollten einfach, dass es vorwärts geht“, sagt der Fotograf rückblickend.
Krawutschke hält aber auch Bürosituationen und Betriebsfeiern fest. Eine seiner Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigt, wie der Chef der jungen Mitarbeiterin zum Frauentag den Sekt einschenkt und ihr dabei aufdringlich an die Schulter fasst. „Eine regelrechte Me-Too-Situation“, sagt der Fotograf bei der Ausstellungseröffnung am Dienstag im Technikmuseum. Das Haus am Kreuzberger Gleisdreieck erwarb im vergangenen Jahr einen großen Teil von Krawutschkes fotografischem Werk. Der Bestand umfasst über 4000 Negative und viele Originalabzüge. Die Schau auf einer neu eingerichteten Ausstellungsfläche im Neubau sei ein passender Beitrag zum diesjährigen Jubiläum „30 Jahre Friedliche Revolution und Mauerfall“ sagt der stellvertretende Direktor Joseph Hoppe. Bei den Rückblicken auf die DDR falle die Industriegeschichte leider oft hinten runter. "Weil das Material dazu nach der Wende einfach verloren gegangen ist. In die einst so bedeutenden Betriebe sind Asiamärkte, Edellofts und Start-Ups eingezogen. So erlauben Krawutschkes lebendige Bilder dem Betrachter in eine Welt einzutauchen, die schon lange nicht mehr existiert.
„Gesichter der Arbeit“, Fotografien aus Ostberliner Industriebetrieben bis 8. März 2020, https://sdtb.de/stiftung/startseite


