Akte Brandenburg
: Wenn der Ex-Mitbewohner zum Messerstecher wird

PodcastAkte Brandenburg ist der True-Crime-Podcast mit echten Kriminalfällen aus dem Land. In der aktuellen Folge geht es um zwei Studenten, um ein Messer, um Astral-Träume, Hypnose und Gehirnwäsche.
Von
Bodo Baumert,
Heike Reiß
Cottbus
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Auf dem Campus der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) in Cottbus kommt es im April 2021 zu einem Messerangriff. Täter und Opfer kennen sich. Was steckt dahinter? Ein neuer Fall für Akte Brandenburg, den Crime-Podcast für Brandenburg.

Michael Helbig

Es ist Donnerstagabend. Ein Student sitzt in seinem Wohnheimzimmer gleich gegenüber der Brandenburgisch Technischen Universität in Cottbus. Er hat sich am Computer eingerichtet. Doch plötzlich steht der ehemalige Mitbewohner hinter ihm. Der Mitbewohner, der vor Monaten ausgezogen ist. Der Mitbewohner, der die Bude völlig vermüllt zurückgelassen hatte. Der Mitbewohner, der ihm schon immer ein wenig verrückt vorgekommen ist. Der Mitbewohner, der vor einigen Tagen wieder versucht hat, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Der Mitbewohner, den er abwimmeln wollte, weil er ihm ein wenig Angst macht.

Und der steht nun plötzlich in der Wohnung. Wo hat er den Schlüssel her? Hatte er die nicht alle abgegeben beim Auszug? Egal. Der Student möchte den Ex-Mitbewohner nur so schnell wie möglich loswerden. Er sagt, er habe gerade zu einem Spaziergang aufbrechen wollen und geht los. Der Ex-Mitbewohner kommt mit. Über den Campus laufen sie. Es ist schon spät am Abend, dunkel, fast menschenleer.

Was will der Ex-Mitbewohner eigentlich? Auf Fragen reagiert er ausweichend. Er schleppt eine Plastiktüte mit sich rum. Immer wieder kommt er ganz nah an den Studenten heran, von hinten. Der Student hat genug. Er will zurück in seine Wohnung, will sich von seinem Besucher verabschieden. An einem Geländer vor dem Studentenwohnheim bleibt er stehen, lehnt sich an. Hofft, dass der andere endlich geht.

Messer blitzt plötzlich auf

Da sieht er aus dem Augenwinkel plötzlich das Messer aufblitzen. Er dreht sich um, versucht, die Klinge abzuwehren. Er stürzt. Der andere habe sich auf ihn gekniet, mit dem Messer vor seinen Augen gekreist, dann mehrfach zugestochen, berichtet der Student im Oktober vor dem Landgericht Cottbus. Sechs Monate sind da seit jenem Aprilabend 2021 vergangen.

Er habe den Angreifer von sich stoßen können, berichtet er weiter. Dann sei er Richtung Sicherheitsdienst der Uni gelaufen. Habe dort um Hilfe gerufen. Bald darauf traf die Polizei ein. Der Angreifer war verschwunden.

Akte Brandenburg zeigt echte Kriminalfälle aus Brandenburg

Das ist der Kriminalfall, dem unsere Reporter in der neuesten Folge von Akte Brandenburg nachgehen. Akte Brandenburg ist der True-Crime-Podcast von Moz.de und LR.de und befasst sich mit allem, was Polizei und Justiz im Land beschäftigt.

In der nunmehr 16. Folge geht es um mehr als nur einen Prozess. Es geht auch um ziemlich wirre Darstellungen. Die präsentiert der 31-jährige Beschuldigte – und in seiner Version ist er selbst das Opfer.

Messerangriff an der BTU: Was haben Träume damit zu tun?

Zunächst habe noch alles ganz harmlos angefangen, lässt er seine Anwältin vor Gericht berichten. Er habe seinen späteren Mitbewohner kennengelernt, als er einen von dessen Kursen besuchte. Dann habe ihm der andere erzählt, dass ein Zimmer in seiner Studentenwohnung frei sei. So seien sie WG-Nachbarn geworden. Anfang 2019 soll das gewesen sein. Zwei Jahre vor der Messerattacke.

Schon bald habe er aber angefangen, sich über den Mitbewohner zu wundern. Der habe sich Videos bestellt, in denen es um Hypnose ging, um Techniken, wie man andere durch Sprache und Auftreten manipulieren könne. Sein Mitbewohner sei auch sonst seltsam gewesen. Er sei aufdringlich gewesen, hätte sich in seinen Freundeskreis drängen wollen. Er sei emotionslos und kalt gewesen, rechthaberisch und manipulativ.

Dann habe die Phase begonnen, in der ihn sein Mitbewohner immer wieder negativ zu beeinflussen versuchte. Er habe begonnen, „Psychospielchen“ mit ihm zu treiben. Dann habe er eines Nachts einen „Astral-Traum“ gehabt, in dem er sich selbst von außen sah. Der 31-Jährige hat seinen Mitbewohner im Verdacht, dieser habe ihn hypnotisiert und ihm ein „Gefühl tiefer Traurigkeit“ einzupflanzen versucht.

Gedankenkontrolle wie in uralten CIA-Experimenten?

Immer häufiger sei das vorgekommen. Erst, als der Mitbewohner aufgrund der Corona-Pandemie länger nicht in Cottbus war, sei es ihm wieder etwas besser gegangen. Er selbst sei ausgezogen. Die Träume, mit denen sein Mitbewohner versucht habe, ihn zu manipulieren, seien allerdings weitergegangen.

Die Verteidigerin spricht von Techniken wie MK-Ultra. Das war ein Geheimprojekt des CIA, das sich bis in die 1970-Jahre mit Gedankenkontrolle beschäftigt hat. Bis heute ranken sich Verschwörungsmythen darum.

Offenbar ist der 31-Jährige überzeugt, Opfer von genau so etwas geworden zu sein. Kurz bevor es zu der Messerattacke kam, seien die Träume heftiger geworden. Er habe sich wie fremdgesteuert gefühlt, meint, auch vergiftet worden zu sein.

Er habe den Mitbewohner zur Rede stellen wollen, dass er damit aufhören solle, ihn zu manipulieren. Doch der habe ihm gar nicht zuhören wollen, habe ihn ausgelacht. Dann habe er erneut eine Stimme in seinem Kopf gehabt, die ihn zum Messer greifen ließ. Er habe nur damit drohen wollen. Dann sei es zum Handgemenge gekommen.

Messerangriff an der BTU: So entscheidet das Gericht

Zwei Versionen eines Ereignisses. Doch nur eine stimmt. Zeugen haben nur den letzten Teil der Auseinandersetzung gesehen. Wem also glauben?

Das Gericht folgt schließlich einem medizinischen Gutachter, der bei dem Beklagten eine schizophrene Psychose mit paranoidem Systemmuster feststellt. Der 31-Jährige leidet demnach unter Wahnvorstellungen, hört Stimmen und fühlt sich wie fremdgesteuert.

Medikamente könnten helfen, seinen Zustand zu bessern. Doch weigert sich der Beschuldigte zunächst, sie zu nehmen. Bereits nach seiner Verhaftung ist er in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden, bleibt aber auch dort verschlossen und wenig bereit zu einer Therapie.

Das Gericht muss entscheiden, ob er nun dauerhaft in dieser Klinik bleiben soll. Die Richter stimmen dem schließlich zu. Er hoffe, dass sich der Beschuldigte der ärztlichen Hilfe öffne, sagt der Vorsitzende Richter Frank Schollbach zum Abschluss der Verhandlung.

Wie sind die Richter zu dieser Entscheidung gekommen? Warum wurde der Gesuchte erst am nächsten Morgen und ohne Hosen in einem Hotel gefunden? Und warum hatte er überhaupt ein Messer bei sich? Und wie viele solcher Messerattacken gibt es pro Jahr in Brandenburg? Das und mehr hören Sie in der aktuellen Folge von Akte Brandenburg.