Auktionshaus: Der Mann, der den Hammer schwingt

Als im Januar 2019 der Nachlass von „Winnetou“-Darsteller Pierre Brice versteigert wurde, war dem Auktionshaus Historia die öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Für Michael Lehrberger endete damit zugleich eine anderthalb Jahre lange Vorbereitung. Gemeinsam mit der Witwe des Schauspielers hatte er zuvor dessen gesamtes Archiv auf den Kopf gestellt.
Philipp Hartmann„Der Mann hat alles aufgehoben, von der Ankündigung seiner Geburt bis zum letzten Liebesbrief an seine Frau. Weil da nichts drinstehen darf, was vielleicht doch zu intim ist, müssen Sie jeden Brief lesen. Das war richtig viel Arbeit“, blickt er zurück. 1989 erhielt Michael Lehrberger seine Lizenz. Seit inzwischen 30 Jahren leitet der heutige 57–Jährige Auktionen. Den Beruf entdeckte er für sich, als er während seines Biologie–Studiums in München nebenher in einem Auktionshaus jobbte. „Ich habe seitdem nicht eine Sekunde Langeweile gehabt. Jede Auktion ist anders“, sagt er.
Als Auktionator ist er im Auktionshaus Historia, das 2018 aus Schöneberg in die Manteuffelstraße in Tempelhof umgezogen ist, fest angestellt. Lehrberger kommt jedoch nur zu den Auktionen, die alle acht bis zehn Wochen stattfinden, aus seinem Schweizer Wohnort Winterthur nach Berlin. Dazwischen ist er viel unterwegs. Beliebte Reiseziele sind für ihn beispielsweise Rom und Florenz, wo er sich Museen und Ausstellungen ansieht. „Auktionen gut zu machen, heißt, viel Hintergrundwissen zu sammeln und sich möglichst viel merken zu können — neben der frechen Klappe“, erklärt er augenzwinkernd. So könne er sich währenddessen vollständig auf die Bieter konzentrieren. Wer sich nicht für Kunst und Antiquitäten interessiere, könne nach seiner Einschätzung nach vermutlich auch als Auktionator arbeiten. Geschichten und Anekdoten sowie vergangene Auktionspreise seien jedoch die entscheidenden Informationen, um Kunden zu Geboten zu motivieren. „Die Leute kaufen ein Bild, aber auch die Geschichte“, versichert Michael Lehrberger.
Kunden mit Know–how
Bevor eine Auktion zustande kommt, ist viel Vorarbeit nötig. Wer Objekte, die aus Haushaltsauflösungen stammen, die geerbt oder gesammelt wurden, loswerden möchte, kann diese dem Auktionshaus anbieten. Sie werden dann zunächst begutachtet und der Wert eingeschätzt. Für jede Abteilung, zum Beispiel Porzellan, Schmuck, Uhren oder Gemälde, arbeiten bei Historia Experten. Hinzu kommen Mitarbeiter in der Logistik und im Versand. Haben Zulieferer und Auktionshaus Einigung über die Konditionen erzielt, zu denen die Waren veräußert werden sollen, werden diese für den Auktionskatalog und das Internet vermessen, fotografiert und ausführlich beschrieben. Bei der anschließenden Besichtigungsphase haben interessierte Kunden die Möglichkeit, den Kunsthistorikern Fragen zu den Objekten zu stellen. Das Know–how der potenziellen Käufer sollte dabei niemals unterschätzt werden, warnt der Auktionator. „Sie ahnen nicht, was manche Kunden für Spezialwissen haben. Ich kenne einen, der hat das Mozarteum in Salzburg geleitet und kann Ihnen für jeden Tag, an dem Mozart gelebt hat, sagen, was er da gemacht hat. Der hat das so genau erforscht. Ich wüsste niemanden, der ihm das Wasser reichen könnte.“
Bei der anschließenden Auktion wird in Echtzeit geboten, direkt vor Ort und weltweit über das Internet. Auch Bieter aus den USA und China sind via Livestream dabei. Gelegentlich geht es auch mal hitzig zu. Da kann beispielsweise ein Gemälde eines polnischen Künstlers schnell zur nationalen Angelegenheit werden, wenn polnische Kunden das Objekt unter keinen Umständen einem deutschen Interessenten überlassen wollen.
Auch nach drei Jahrzehnten im Geschäft erlebt Michael Lehrberger bei jeder Auktion Überraschungen. Immer wieder kommt es vor, dass er bei Objekten ums Limit kämpfen muss, bei denen er selbst einen hohen Verkaufspreis erwartet hätte. Bei anderen wiederum schießen die Preise derart in die Höhe, dass auch er aus dem Staunen kaum herauskommt. Sein kuriosestes Auktionsstück war ein Holzbein aus dem Jahr 1870, das 2700 Euro einbrachte. Das teuerste Stück: ein Oldtimer für 120 000 Euro. „Davon gab es nur fünf Stück. Zwei hatte der amerikanische Präsident, einen der Papst“, erzählt Michael Lehrberger. Jahrelang hat er auch gemeinsam mit Wolfgang Pauritsch, bekannt aus der ZDF–Sendung „Bares für Rares“, wo er stets in der Mitte sitzt, Objekte versteigert. Die Trödelshow, die jeden Nachmittag ein Millionenpublikum erreicht, sei ein „tolles Format — und vielleicht interessiert man mehr Leute dafür“, sagt er. Beeinflusst habe der Erfolg der Show die Auktionen jedoch nicht.