Ausbildung
: Landwirte diskutieren in Lichterfelde über den „Zukunftswirt“

Der 1. Märkische Ausbildungstag geht der Frage nach, wie Berufsbildung in der Landwirtschaft gelingt.
Von
Kerstin Bechly
Lichterfelde
Jetzt in der App anhören

Dr. Daniel Dettling weiß, wie die Generation "Z" tickt. Der 1. Märkische Ausbildungstag geht der Frage nach, wie Berufsbildung in der Landwirtschaft gelingt.

Kerstin Bechly

Erwachsene als Lehrer spielen für die jungen Menschen heutzutage nicht mehr die große Rolle. Es geht ihnen nicht mehr um reine Wissensvermittlung, sondern um Einbindung. Das unterstrich Dr. Daniel Dettling von der Zukunftsinstitut GmbH Berlin. Lehrlinge einzubinden, das praktiziert Heiko Terno bereits. „Wir beziehen sie zum Beispiel in Entscheidungen bei der Investition von Technik ein. Sie sollen diese schließlich einmal bedienen“, erklärte der Geschäftsführer der AWO Reha–Gut Kemlitz (Dahme/Mark). Und dann ist die Sache mit der digitalen Welt: Ältere sollten offen dafür sein, dass junge Menschen sich dort besser auskennen, äußerte Anne Haas vom Gartenbaufachverband Berlin–Brandenburg. „Bei digitalen Problemen finden sie Lösungen“, weiß sie und empfahl gleichzeitig, dass sich viel mehr Ausbilder ruhig mit der Lernapp AgrarQuiz beschäftigen sollten.

Auch für Helge Klamke, Geschäftsführer der Agrar Planetal Golzow GmbH (Potsdam–Mittelmark) ist die Akzeptanz von Alt und Jung ein großes Thema. „Kommunikation ist noch das große Manko. Wir als Vorstände müssen diese Offenheit gestalten, um Lösungen herbeizuführen. Unternehmenskultur bedeutet, die Alten mit ihrer Erfahrung und die Jungen, die die Zukunft gestalten, zusammenzubringen“, erklärte er gegenüber dieser Zeitung.

Wie die Jugend tickt und wie man mit mehr Verständnis für sie in der Ausbildung gewinnt, hatte Dr. Daniel Dettling in seinem Vortrag wissenschaftlich unterlegt. Die Generation „Z“ — die nach 1995 Geborenen — sei so zukunftsgewandt wie keine frühere Generation, verdeutlichte er. Er spricht vom „Zukunftswirt“, der die Glokalisierung vorantreibt: Globalisierung werde durch lokale Wertschöpfungsketten erweitert, was auch die Landwirtschaft aufwertet. Jugend sei radikal pragmatisch und in sich widersprüchlich: Auf Digitalisierung will sie nicht mehr verzichten, obwohl diese den Energieverbrauch deutlich erhöht. „Dann verzichtet sie lieber auf andere Dinge.“ Mit Blick auf neue Lebensstile und Lebensfragen seien der jungen Generation Talente und Leidenschaft wichtiger als die Arbeit an sich. „Nicht umsonst werden in Start–ups neue Mitarbeiter gefragt, wofür sie brennen, worin sie ihre Talente sehen. Noten spielen keine Rolle, dafür Fortbildungen“, führte der Wissenschaftler aus Berlin auf.

Auch die Verbindung von Sinn und Spaß nehme an Bedeutung zu. Die Welt „pragmatisch zu gestalten“ bedeute, Mensch und Technologie als Einheit und als Schlüssel der Zukunft zu sehen. „Die Märkte der Zukunft sind Sinnmärkte, insofern sind Landwirte in Anlehnung an Influencer auch Sinnfluencer. Doch das ist im Kontakt mit Menschen noch nicht wahrnehmbar“, meint Dettling. Das Bemühen um Verbindungen zeige sich auch darin, dass in Zukunft Lifestyle und lokale Wirtschaft eine größere Rolle spielen. Das werde die Landwirtschaft prägen. „Es geht um lokale Landwirtschaft, die Sinn macht und bei den Jungen ankommt“, so Dettling. Deshalb brauche es lokale Helden. Beispiele seien das Urban Farming — das Gärtnern in Städten mit „Stadtbauern“ — und die Direktvermarktung. Letztere geht immer öfter mit digitalen Komponenten, zum Beispiel im Kundenkontakt, einher und ist laut Dettling ein Zeichen, dass es im Sinne des „Zukunftswirts“ gelingt, Landwirtschaft digital erlebbar zu machen und „eine Landwirtschaft plus als gemeinschaftlichen Lebensstil zu gestalten.“

Viele Stressfaktoren

Damit zeichnet sich ein großer Aufgabenkomplex für die Landwirtschaft der Zukunft ab, die sich durch schrumpfende Märkte, Klimawandel und weitere Faktoren schon im Stress befindet. Darüber dürfe sie den Nachwuchs nicht vergessen, appellierte Dr. Gernod Bilke an die Unternehmen, die Ausbildung nicht zu vernachlässigen und dabei eine hohe Qualität zu sichern. Eine schwierige Aufgabe angesichts der Lehrlinge, die oft mit wenig Schulwissen, aber hier und da mit brillanten Händchen auffallen. Die Betriebe benötigen Unterstützung, verdeutlichten Teilnehmer. Rehapädagogische Zusatzausbildung oder die weitere Förderung des Führerscheins T (Traktor) wurden als Beispiele genannt. Zarte Ansätze, Jugendliche mit neuen Ansätzen überhaupt erst einmal für die grünen Berufe zu interessieren, gibt es mit Agrarbloggern und Videobotschaftern.