Die einzigen, die sich wohl über die Schranken am alten Bahnhof Lichtenrade freuten, waren Kinder. Mit großen Augen sahen sie zu, wie der rotweiße Autofahrer-Schreck bimmeld den Verkehr in der Bahnhofsstraße zum Stehen brachte.
Die Schranken sind Geschichte. Das Bahnhofsumfeld der letzten Berliner Station am südlichen Stadtrand ist zwar noch von Bauzäunen geprägt, doch am Montag (12. Dezember) wurde der neue Bahnhof Lichtenrade eingeweiht. Von dort aus können Pendler nun auch wieder im 20-Minuten-Takt ins brandenburgische Mahlow (Teltow-Fläming) weiterfahren.

In 20 Minuten vom Berliner Hauptbahnhof zum BER

„Mit dem Abschluss der Bauarbeiten am Bahnhof Lichtenrade können die Fahrgäste die Station endlich wieder ohne lange Umwege nutzen“, sagte Berlins Umwelt- und Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne), die am Montagnachmittag persönlich zur Einweihung erschien. Aber deshalb war sie nicht gekommen. Der Bahnhofsneubau ist für sie ein „Meilenstein“ für die Reaktivierung der Dresdner Bahn, die unter anderem künftig den Berliner Hauptbahnhof mit dem Flughafen BER in nur 20 Minuten Fahrzeit verbinden soll.
Laut Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter bei der Deutschen Bahn (DB), soll die wichtige Nord-Süd-Strecke, an dessen Wiederbelebung nun schon seit fast 25 Jahren geplant wird, Ende 2025 in Betrieb gehen.
Die rund 16 Kilometer lange Fernbahntrasse zwischen dem Berliner Südkreuz und Blankenfelde in Brandenburg gibt es schon seit 1875. Doch seit Jahrzehnten fährt dort nur die S-Bahn-Linie 2. Auch Güterzüge sind zugelassen. Bahnen des modernen Regionalverkehrs können auf der jetzigen Strecke nicht fahren, da sie Wechselstrom anstelle von Gleichstrom benötigen.
Deswegen werden zwei neue, mit Oberleitungen überspannte Gleise gebaut. Im Abschnitt Lichtenrade–Mahlow wurden sie komplett neu verlegt. Die Gleise führen nun über Brücken über die Bahnhofstraße, die in den kommenden Monaten zu einer Flaniermeile umgebaut werden soll. Schranken sind nicht mehr nötig. Fußgänger bekommen einen eigenen geschützten, leicht erhöhten Bereich, Fahrräder eine eigene Spur.
Die Fern- und Regionalbahnstrecke der Dresdner Bahn soll nach jetzigem Planungsstand Ende 2025 in Betrieb gehen.
Die Fern- und Regionalbahnstrecke der Dresdner Bahn soll nach jetzigem Planungsstand Ende 2025 in Betrieb gehen.
© Foto: DB AG
Doch was erst einmal gut klingt, war und ist für Anrainer eine jahrelange Geduldsprobe. Während die Lichtenrader erst einmal aufatmen können, müssen die Pendler, die mit der S2 weiter zur Endstation nach Blankenfelde wollen, weiter in Mahlow in Busse des Schienenersatzverkehrs umsteigen. Dort müssen unter anderem noch Fußgänger- und Straßenunterführungen sowie das Kreuzungsbauwerk am Berliner Außenring fertiggestellt werden
Dieser Streckenabschnitt soll nach jetzigem Planungsstand am 17. April 2023 wieder freigegeben werden. Danach wird weiter an der Fernbahnstrecke gebaut. Wenn die Dresdner Bahn fertig ist, können dort Regional- und Fernzüge zwischen den Berliner Bahnhöfen mit Tempo 160 parallel zu den S-Bahnen entlang rauschen. Ab Brandenburg sind dann 200 Km/h erlaubt.

Flughafen-Shuttle im 15-Minuten-Takt

So verkürzt sich künftig auch die Fahrzeit vom Berliner Hauptbahnhof zum Dresdner Hauptbahnhof von derzeit rund zwei Stunden um rund 20 Minuten. Auf dem Weg liegt der Bahnhof Südkreuz mit Anbindung an die schnellen Expresszüge in Richtung München und Frankfurt. Der Flughafen-Shuttle zwischen Hauptbahnhof und dem BER in Schönefeld soll im 15-Minuten-Takt fahren.
Bettina Jarasch (Bündnis 90/Die Grünen),  Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz, sowie Alexander Kaczmarek, DB-Konzernbevollmächtigter für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, stehen während der Eröffnung des umgebauten S-Bahnhofs Lichtenrade neben einem wartenden Zug. Im Zuge des Wiederaufbaus der Dresdner Bahn wurde der S-Bahn-Halt einige Meter nach Westen verschoben.
Bettina Jarasch (Bündnis 90/Die Grünen), Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz, sowie Alexander Kaczmarek, DB-Konzernbevollmächtigter für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, stehen während der Eröffnung des umgebauten S-Bahnhofs Lichtenrade neben einem wartenden Zug. Im Zuge des Wiederaufbaus der Dresdner Bahn wurde der S-Bahn-Halt einige Meter nach Westen verschoben.
© Foto: Soeren Stache/dpa
Dann werden laut Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) zum Beispiel Züge aus Eberswalde und Oranienburg zum BER Terminal 1-2 fahren und dann nach Wünsdorf-Waldstadt (RB24) beziehungsweise Ludwigsfelde (RB32) weitergeleitet werden. Bis dahin ist die eingleisige Ostanbindung von der Berliner Innenstadt zum Flughafen BER Terminal 1-2 mit den Linien FEX (jetziger Flughafenexpress), RE8 und RB23 bereits voll ausgelastet.

Fünf Doppelstockwagen je Zug zur Entlastung

Auf den Linien FEX, RB24 und RB32 werden neu fünf Doppelstockwagen je Zug eingesetzt, die nach dem Umbau im unteren Stock besondere Bereiche für Gepäck, aber auch für Fahrräder bereithalten sollen.
Der neue Bahnhof Lichtenrade ist nach zweijährigem Umbau in Betrieb, das Bahnhofsumfeld bleibt aber noch Baustelle. Die Bahnhofsstraße im Süden Berlins soll zur Flaniermeile umgebaut werden.
Der neue Bahnhof Lichtenrade ist nach zweijährigem Umbau in Betrieb, das Bahnhofsumfeld bleibt aber noch Baustelle. Die Bahnhofsstraße im Süden Berlins soll zur Flaniermeile umgebaut werden.
© Foto: Maria Neuendorff
Doch die Dresdner Bahn sei nicht nur für die Region Berlin-Brandenburg von großer Bedeutung, sondern liege auf einer wichtigen europäischen Achse, betonte Senatorin Jarasch am Montag. Denn von der sächsischen Hauptstadt, die man vom Berliner Hauptbahnhof künftig in 92 Minuten statt momentan 125 Minuten erreichen könne, gehe es weiter nach Prag, Wien, Budapest. Die gesamte Linie gehört zum europäischen Bahnkorridor 7, der die strategisch wichtigen Häfen der Nord- und Ostsee mit dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer verbindet.
Manche florierenden Orte im Berliner Umland bleiben dennoch von dem infrastrukturellen Mammutprojekt abgehängt. „Die Verlängerung der S2 von Blankenfelde nach Rangsdorf ist kein Thema mehr“, sagt Thomas Dill, Bereichsleiter Center für Nahverkehrs- und Qualitätsmanagement des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, kürzlich auf der Pressekonferenz anlässlich des Fahrplanwechsels 2022/23. Die Untersuchung zum Ausbau der Strecke, auf der schon von 1941 bis kurz nach dem Mauerbau 1961 S-Bahnen fuhren, habe ein negatives Kosten-Nutzen-Verhältnis von minus 0,4 erbracht.

Rangsdorf bleibt abgehängt

Dafür muss die inzwischen 11.500 Menschen fassende Gemeinde in Teltow-Fläming sogar wegen der Bauarbeiten an der Dresdner Bahn mit Einschränkungen im Regionalbahnverkehr leben. Wer von Rangsdorf über den BER nach Berlin reist, ist seit Sonntag rund zehn Minuten länger unterwegs. Vom 22. April bis zum 10. November kommenden Jahres sollen dann gar keine Züge aus Richtung Berlin nach Rangsdorf verkehren.