Bahnhof in Berlin
: Schrott-Fahrräder entfernt, ab wann gilt ein Rad als herrenlos?

Beim Frühjahrsputz entsorgen Bahn und Ordnungsämter in Berlin auch Hunderte „Fahrrad-Leichen“. Hatten die wirkliche keine Besitzer mehr? Ab wann gilt ein Rad überhaupt als herrenlos?
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Mitarbeiter des Ordnungsamtes Berlin-Mitte entfernen Schrottfahrräder am Bahnhof Gesundbrunnen während der Frühjahrsputzaktion der Deutschen Bahn. Die Deutsche Bahn (DB) startet mit Reinigungsaktionen an insgesamt 50 Berliner Bahnhöfen.

Mitarbeiter des Ordnungsamtes Berlin-Mitte entfernen Schrottfahrräder am Bahnhof Gesundbrunnen. Die Deutsche Bahn (DB) startet mit Reinigungsaktionen an insgesamt 50 Berliner Bahnhöfen.

dpa/Sven Kaeuler
  • Frühjahrsputz an 50 Berliner Bahnhöfen gestartet – auch Schrotträder werden entfernt.
  • Am Bahnhof Gesundbrunnen markierte das Ordnungsamt rund 150 Räder als herrenlos.
  • Kriterien laut Ordnungsamt: verrostete Kette, platte Reifen, defekte Bremsen, lange Standzeit.
  • InfraVelo gibt eine Zwei‑Wochen‑Frist; nicht abgeholte Räder gehen an Agens Sozialbetriebe.
  • Vor der Weitergabe prüft InfraVelo auf Diebstahlmeldungen, gestohlene Funde sind selten.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Von mehreren hundert Fahrradständern am Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin ist an diesem Dienstagmorgen (28.4.) um 10 Uhr kein einziger mehr frei. Die meisten Bügel für Bike and Ride sind doppelt und manchmal sogar dreifach belegt.

Auch in die engen Zwischenräume zwischen den Stangen werden Räder gepresst. Manche, bei denen nur ein Reifen mit dem Schloss an der Stange festgemacht wurde, sind umgekippt. Und manche haben einen gelben Aufkleber am Lenkrad.

Der signalisiert, dass das Rad vom Ordnungsamt inzwischen als „Fahrrad-Leiche“ eingestuft wurde. „Verrostete Kette, keine Luft mehr auf dem Reifen, Bremsen funktionieren nicht mehr“, nennt Ordnungsamtsmitarbeiter Michael Herrmann ein paar Marker, wonach die Mitarbeiter die Schrotträder ausmachen.

Putzaktionen an 50 Berliner Bahnhöfen

In den kommenden drei Tagen werden er und seine Kollegen die inzwischen rund 150 als herrenlos bewerteten Fahrräder auf und rund um das Bahnhofsgelände am Gesundbrunnen entfernen. Mit Kopfhörern und Schutzbrille flexen die Männer in den blauen Ordnungsamts-Westen in maximal drei Minuten auch das robusteste Fahrradschloss auf, bevor sie die Räder der Berliner Stadtreinigung (BSR) übergeben, wo sie verschrottet werden.

Die dreitägige Maßnahme am Bahnhof Gesundbrunnen gehört zu umfassenden Reinigungsaktionen an 50 Berliner Bahnhöfen, die am Dienstag (28.4.) starteten. Hunderte DB-Mitarbeitende aber auch Freiwillige packen mit an, um Bahnsteige, Treppen, Mobiliar und Vitrinen zu säubern.

Dazu gehören auch das mühsame Entfernen von Graffiti und Kaugummi sowie kleinere Reparaturen. Mit dem Frühjahrsputz unter anderem am Alexanderplatz, dem Ostbahnhof, in Schöneberg, am S-Bahnhof Wannsee oder auch am Zoologischen Garten soll das Erscheinungsbild der Stationen verbessert werden.

„Bahnhöfe sind Tür zur Reise und Tor zur Stadt“, betont Monika Jung, Leiterin des Bahnhofsmanagements Berlin der Fernbahnhöfe der DB InfraGO AG. „Als Deutschlands größter Gastgeber begrüßen wir täglich Millionen Menschen in unseren Bahnhöfen, allein in Berlin sind das rund 3.720.000 Ein-, Aus- und Umsteiger pro Tag.“

Kaugummi-Plage auf Bahnhöfen in Berlin

Der Frühjahrsputz findet bundesweit bis Ende Mai an rund 1400 Bahnhöfen statt. So erhalte mehr als jeder vierte Bahnhof in Deutschland eine umfassende Reinigung, hieß es zum Start am Dienstag.

Das passiert zusätzlich zur normalen Reinigung. Der Bahnhof Gesundbrunnen zum Beispiel wird einmal am Tag trocken und dreimal die Woche nass gereinigt, berichtet Peter Sill, Vorarbeiter der DB Service. Seine Mitarbeiter fahren dabei mit Kehrmaschinen die Böden ab. Was dabei trotzdem kleben bleibt, sind Kaugummis. „Gerade auf dem rauen Boden hier sind sie schwerer zu entfernen als unten auf den eher glatten Bahnsteigen“, erklärt Sill.

Im Rahmen der Frühjahrsputzaktion der Deutschen Bahn (DB) wird der Bahnhof Gesundbrunnen zusätzlich gereinigt.

Im Rahmen der Frühjahrsputzaktion der Deutschen Bahn (DB) wird der Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen zusätzlich gereinigt.

dpa/Sven Kaeuler

Der 59-Jährige, der eigentlich eher Putzeinsätze koordiniert, hat heute selbst einen langen Spachtel plus Feger und Schippe in die Hand genommen, um seinen Kollegen zu helfen.

Auch rund 20 DB-Mitarbeiter, die in anderen Bereichen arbeiten, haben sich Putzwesten übergezogen. Man sieht sie Tunnel fegen, Bedienflächen an den Automaten polieren oder Fahrstühle schrubben. Eine Mitarbeiterin schabt mit einem Schraubenzieher die Rillen einer großen Sitzbank von Zigarettenkippen frei, bevor ihre Kollegen das Holz schleifen und eine neue Lackierung anbringen.

Fahrrad-Besitzer bekommen Wartefrist zum Abholen

Im Zuge des Frühjahrsputzes wird auch das Bahnhofsumfeld in den Blick genommen. Dort werden verwaiste Fahrräder entfernt. Dazu gibt es mit sechs Bezirken Aktionen an über 40 Bahnhöfen, an denen sich die BVG und die InfraVelo, die im Auftrag des Senats die Radverkehrsinfrastruktur plant, beteiligen. Die InfraVelo führt nach eigenen Angaben jährlich rund 1000 Kontrollgänge an den von ihnen betreuten 78 Stationen mit rund 9000 Stellplätzen an 34 Berliner Bahnhöfen durch.

In Friedrichshain-Kreuzberg sind die Schrottrad-Fahnder unter anderem am Ostbahnhof und Ostkreuz unterwegs, in Treptow-Köpenick an den S-Bahnhöfen Treptower Park und Adlershof, in Marzahn-Hellersdorf in Ahrensfelde und Springpfuhl und in Neukölln an den Bahnhöfen Neukölln und Sonnenallee.

Statt des Ordnungsamts-Aufklebers bringen sie an den vermeintlichen Fahrrad-Leichen Banderolen an. „Es sieht so aus, als würdest du mich nicht mehr brauchen“, ist darauf an den Besitzer gerichtet zu lesen. Die InfraVelo-Mitarbeiter tragen ein Datum ein, bis wann das Rad – die Frist beträgt hier zwei Wochen – abgeholt werden muss.

Danach wird es entfernt und an die gemeinnützige Einrichtung „Agens Sozialbetriebe“ in Kreuzberg-Friedrichshain gespendet, das Langzeitarbeitslose und Menschen mit Behinderung beschäftigt und wieder in den regulären Arbeitsmarkt integrieren will.

Neues Leben für Schrotträder

„Die Räder werden von den dortigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen abgeholt und repariert, oder sie liefern Ersatzteile für die Reparatur anderer Drahtesel“, erklärt InfraVelo-Sprecherin Alexandra Hensel. Anschließend werden sie in der Kreuzberger Werkstatt weiterverkauft und mit dem Erlös wiederum die Fahrradwerkstatt finanziert.

Bevor die Fahrrad-Leichen ein zweites Leben bekommen, müsse aber überprüft werden, ob sie als gestohlen gemeldet wurden, betont die Sprecherin.

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Ein vermeintliches Schrottfahrrad am Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin wurde mit einer Banderole versehen. Sie weist den Besitzer darauf hin, dass sein Rad entfernt wird, wenn er es nicht innerhalb von zwei Wochen abholt.

Maria Neuendorff

Das sei jedoch eher selten der Fall. Von insgesamt 385 markierten Rädern, von denen 103 entfernt wurden, sei das gerade zweimal der Fall gewesen. Die Zahlen der von InfraVelo entfernten Schrotträder haben in den vergangenen drei Jahren abgenommen. 2025 wurden von 96 markierten Rädern 81 entfernt, und keines davon war als gestohlen gemeldet.

Doch kann es Pendlern, die die Bike-and-Ride-Stellplätze nutzen, nicht auch passieren, dass ihr Rad einfach entfernt wird, wenn sie es stehen lassen mussten, weil sie zum Beispiel länger krank waren?

Ordnungsamtsmitarbeiter Michael Herrmann schließt solche Fälle eigentlich aus. „Es dauert Monate, bis auf beiden Reifen die Luft entwichen ist“, sagt der Berliner. „Die Räder stehen hier meist schon Jahre, mache haben sogar schon Moos auf dem Sattel.“

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