Bargeldlos: Welt ohne Scheine - Bezahlen in Corona-Zeiten
Um 48 Prozent sind die bargeldlosen Transaktionen deswegen im Mai 2020 im Vergleich zum Vorjahres-Mai gestiegen, sagt Ralf-Christoph Arnoldt von der Deutschen Kreditwirtschaft. Und die bezahlten Beträge sind im selben Zeitraum um nur 34 Prozent gestiegen. „Das bedeutet, dass auch für immer geringere Beträge Girocards eingesetzt werden“, so Arnoldt. Viele Experten sind der Meinung, dass das so bleibt.
Neigt sich die Epoche des griffigen und anonymen Bargelds nun endgültig dem Ende zu? Bisher hielten die Deutschen wie kaum ein anderes Volk an ihren Münzen und Scheinen fest. Immerhin ging von hier aus vor rund 500 Jahren die Verbreitung des Münzgeldes erst so richtig los. Sogar der Name Dollar leitet sich vom deutschen Taler ab. Noch heute läuft der durchschnittliche Deutsche mit 103 Euro Cash im Geldbeutel herum, während die EU-Nachbarn mit 65 Euro deutlich weniger benötigen.
Menschen, die ohnehin gerne öfter bargeldlos bezahlen würden, freuen sich über die jüngste Entwicklung. Sie hoffen, dass sie mehr Möglichkeiten bekommen, die Karte zu zücken. Doch könnte dies einen gravierenden Effekt mit sich bringen: Das Bargeld könnte schneller verschwinden, als vielen recht ist.
„Es gibt natürlich wirtschaftliche Überlegungen“, sagt Ulrich Binnebößel vom Handelsverband. Diese haben mit den Fixkosten der Bargeldabwicklung zu tun. Ein Kassensystem ist nötig, Geld muss gezählt werden, Geldtransporte müssen organisiert und bezahlt werden. Zahlen viele Kunden bar, rechnet sich der Aufwand. Je weniger das jedoch tun, desto teurer wird es, die Infrastruktur aufrechtzuerhalten. „Händler werden aufrechnen, welchen Verlust es für sie bedeutet, wenn sie Kunden, die bar zahlen wollen, zum Wettbewerber schicken müssen“, so Binnebößel.
Schweden zahlen fast nie bar
Schon heute nimmt die Anzahl von Restaurants und Läden, die nur Karten annehmen, stetig zu. „Wenn Händler beginnen, kein Bargeld mehr zu akzeptieren, laufen die Menschen ohne Bargeld rum“, ist der Ökonom Malte Krüger überzeugt. Die Entwicklungen würden einander hochschaukeln. „Wenn man dann bei einem Anteil von 30, 25 Prozent Bargeld ist, kann es sein, dass das System kippt.“ Das zeigt etwa Schweden. Dort nahm Kartenzahlung ebenfalls lange kontinuierlich zu. Bis sie sich 2009 auf einmal rasant beschleunigte. Heute werden dort laut Bundesbank weniger als zehn Prozent der Transaktionen im Handel mit Bargeld beglichen.
Die Rasanz der Entwicklung hat nun den Bundestag auf den Plan gerufen. In einer Studie will der Ausschuss für Technikfolgenabschätzung herausfinden, welche Folgen der langsame Abschied vom Bargeld haben könnte. Krüger hält das für sinnvoll: „Schweden plant ab 2021 ein Gesetz, dass ein Geldautomat innerhalb von 25 Kilometer erreichbar sein muss“, sagt er. Banken würden zudem verpflichtet, wieder Bargeld annehmen zu müssen. Besser sei es, sich proaktiv über die Folgen des Rückgangs Gedanken zu machen.
Julian Grigo vom Digitalverband Bitkom irritiert die Debatte im Moment jedoch. Für ihn lenkt sie davon ab, dass Kartenzahlungen in Deutschland noch immer seltener akzeptiert würden als im Ausland. „Wenn jemand an etwas gehindert wird, dann am Bezahlen mit der Karte und nicht mit Bargeld“, sagt er und plädiert für Wahlfreiheit: „Jeder sollte so bezahlen können, wie er möchte.“
Denn die Gefahr besteht nicht nur im Rückzug des Bargelds. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Lücke, die es hinterlässt, ausschließlich von amerikanischen und chinesischen Techkonzernen gefüllt wird. Apple und Google sind mit ihren Zahldiensten bereits auf dem Vormarsch, in China tun es ihnen Alibaba und Tencent gleich. Facebook plant mit Libra eine eigene Währung. „Wenn wir’s nicht machen, wird es früher oder später trotzdem stattfinden, nur haben wir dann keine Kontrolle mehr darüber“, warnt Kurosch Habibi vom Bundesverband Deutscher Start-Ups. Denn wie schwer die Plattformkonzerne zu kontrollieren sind, ist in der Vergangenheit mehr als deutlich geworden.
Habibi wirbt dafür, jetzt Regulierungen abzubauen, damit auch kleinere Firmen eine Chance auf dem Markt haben. Denn dafür, dass Kartenzahlung hierzulande weniger verbreitet ist, seien auch „monopolartige Strukturen“ verantwortlich. Würden Kartenzahlungen weniger kosten, würden Bäckereien noch öfter sagen: „Ja, zahl das mit Karte!“ Irgendwann hieße es vielleicht aber auch: Hier kein Bargeld.


