Berliner Charité
: Pflegenotstand auf der Kinderkrebsstation in Berlin

Personalnot in Kliniken gefährdet kranke Kinder. Ein trauriger Fall aus der Berliner Charité.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
Jetzt in der App anhören

Unter Druck: Die Charité genießt weltweit ein gutes Ansehen. Trotzdem gelingt es nicht, genug Personal unter anderem für die Kinderkrebsstation zu finden, sodass schwerkranke kleine Patienten schon mehrfach abgewiesen werden mussten.

Jens Kalaene/dpa

„Am nächsten Tag konnte das Kind dann zu uns verlegt werden, aber es verstarb leider rasch. Das hat uns alle sehr mitgenommen“, berichtet ein Arzt dem TV-Magazin "Kontraste“.

Die Sendung, die Donnerstagabend in der ARD ausgestrahlt wurde, wirft ein Schlaglicht auf den Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern. So wurden allein die Betten für Kinder seit 1991 von 32.000 auf 18.000 reduziert. Die Zahl der chronisch kranken Kinder dagegen ist in den vergangenen Jahren auf rund zwei Millionen gestiegen. Die Behandlung der kleinen Patienten ist oft teuer und für die Kliniken ein Minusgeschäft. So werden besonders in der Fläche defizitäre Stationen geschlossen, die Wege für die Patienten immer länger.

Doch der Pflegenotstand ist längst auch in der Großstadt Berlin angekommen. Wegen Personalmangels musste im Dezember im Kinderkrebszentrum der Charité sogar ein einwöchiger Aufnahmestopp verhängt werden. 10 von 50 Pflegestellen waren nicht besetzt.

Zwar wurden Kinder mit akutem Verdacht auf einen bösartigen Tumor in der Spezialabteilung untersucht, dann aber zur Behandlung in die Klinik nach Buch sowie in das Carl-Thiem-Klinikum nach Cottbus gebracht. Insgesamt konnte die Charité im vergangenen Jahr 880 Kinder trotz medizinischer Indikation nicht stationär aufnehmen, heißt es in dem „Kontraste“-Bericht.

Zu dem konkreten Fall, der sich ebenfalls 2019 ereignet hatte, äußerte sich die Charité nicht und verweist auf die ärztliche Schweigepflicht. Allerdings räumte Klinik-Vorstand Ulrich Frei inzwischen Fehler im Umgang mit dem Pflegepersonal auf der Kinderkrebsstation ein. „Gerade in der Kinderonkologie gerät man sehr leicht in eine Zwickmühle, dass man auch dem Personal gegenüber sozusagen mit der Krankheit der Kinder argumentiert“, sagte Frei gegenüber „Kontraste“. Er glaube, dieser enorme psychische Druck auf Pflegekräfte sei möglicherweise auch zu stark ausgeübt worden.

Um die Personalnot zu beheben, sucht das Berliner Universitätsklinikum inzwischen auch gezielt in Ländern, in denen Pflegekräfte so wenig verdienen, dass sie von ihrem Lohn keine Familie ernähren können. Derzeit wird vor allem in Albanien, Mexiko und auf den Philippinen rekrutiert. Bewerbungsgespräche und Vertragsunterzeichnungen werden teils in den Heimatländern der Anwärter geführt. Dazu hat die Charité eine „Willkommensstation“ zur Einarbeitung eingerichtet, bietet kostenlose Sprachkurse und Hilfe bei der Wohnungssuche an. Dazu setzt man  auf großflächige Lkw-Werbung mit fröhlich lächelnden Charité-Pflegern.

Andere Krankenhäuser locken dagegen mit Einstiegs-Prämien.  Die ebenfalls landeseigenen Vivantes-Kliniken bieten Berufsanfängern 3000 Euro auf die Hand. Wer eine Fachausbildung für die Intensivstation vorweisen kann, bekommt 9.000 Euro. Das Einstiegsgehalt für Pflegekräfte liegt derzeit bei ungefähr 2.800 Euro brutto. Nicht selten werden Mitarbeiter wegen Personalengpässen nach einer Acht-Stunden-Schicht noch mal zum Dienst beordert oder aus dem freien Wochenende geholt.

Das Arbeitspensum ist häufig so groß,  dass die Angestellten, die den Beruf oft auch aus ideellen Gründen gewählt haben, immer häufiger in Gewissenskonflikte kommen, weil sie das Gefühl haben, den eigenen Ansprüchen nicht mehr zu genügen. „Man kann es nie wissen, aber vielleicht wäre das Kind noch am Leben, wenn wir es rechtzeitig hätten übernehmen können“, sagt dann auch der Arzt im ARD-Bericht.

Warnstreik bei Charité-Tochter

Von Donnerstagmorgen bis Freitag früh um 6 Uhr traten zudem die Beschäftigten der Charité-Tochter "Charité Facility Management" (CFM) in einen Warnstreik, deren Mitarbeiter für Boten-, Wach- und Reinigungsdienste zuständig sind. Die Gewerkschaft Verdi fordert, ihre Arbeitsbedingungen an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst anzupassen.

"Wir betrachten es als sehr kritisch, dass die Arbeitgeber für die unteren Lohngruppen Stundenlöhne unterhalb von 12,50 Euro vorschlagen und damit unter der Grenze des angestrebten Berliner Vergabemindestlohns liegen", sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär  Marco Pavlik. ⇥neu