Carpooling: Hat Privat-PKW ausgedient?

Ideengeber: Bruno Ginnuth, Geschäftsführer und Gründer des Startups CleverShuttle, zusammen mit seinem Schulfreunden hat der Betriebswirtschaftler 2014 das Carpooling Unternehmen gegründet.
ClevershuttleHerr Ginnuth, Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther hat jüngst gesagt: „Wir wollen, dass die Leute ihr Auto abschaffen.“ Eine gute Nachricht für Sie, oder?
Das sind gute Neuigkeiten für jeden Mobilitätsträger außer dem privaten Pkw. Wenn der Blumenstrauß an Alternativen zuverlässig und kostengünstig ist, werden viele, die jetzt noch einen privaten Pkw fahren, umsteigen. Zu diesem Angebot gehört nicht nur Carpooling, sondern auch ein gut ausgebauter ÖPNV, Carsharing-Dienste und attraktive Radwege. Doch an diesem Punkt sind wir noch nicht.
Ist denn eine Welt ohne privaten Pkw denkbar?
Da muss man differenzieren zwischen dem ländlichem Bereich und der Stadt. Im ländlichen Raum wird es wohl noch sehr lange notwendig sein, einen privaten Pkw zu fahren, weil die Distanzen groß sind. Aber in Innenstädten führt über kurz oder lang kein Weg daran vorbei, dass das Privatauto abgeschafft wird. Denn es macht aus ökologischer und ökonomischer Sicht keinen Sinn, mit einer riesigen Karosse, die laut ist und deren Abgase krank machen, allein durch die Stadt zu fahren.
CleverShuttle bringt in Berlin nun 150 neue Autos auf die Straße. Wie viele davon werden auch nach Brandenburg fahren?
Momentan ist es uns aufgrund unserer Genehmigung gar nicht erlaubt, außerhalb des Berliner Stadtgebiets zu fahren. Außerdem ist das wirtschaftliche Risiko hoch, in bevölkerungsarme Gebiete hineinzufahren. Deswegen werden in der Regel die Verkehre im ländlichen Raum vom Staat bezuschusst. Wir arbeiten aber privatwirtschaftlich – für uns lohnt es sich mit der aktuellen gesetzlichen Lage nicht, in die ländlichen Räume zu fahren.
Damit meinen Sie die Rückkehrpflicht ...
Genau. Das heißt, wenn der Fahrer nichts zu tun hat, muss er zum Betriebssitz zurück. Dieser ist zentral, am Potsdamer Platz in Berlin-Mitte. Das führt aber dazu, dass wir viele Fahrten in der Innenstadt haben, dafür weniger an den Rändern.
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat nun aber ein Papier vorgelegt, wonach die Rückkehrpflicht abgeschafft werden soll.
Ja, wir befürworten das. Denn wir leiden unter dieser Rückkehrpflicht, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch ein Irrsinn ist. Sie ist für den Kunden schlecht, für die Stadt ebenso. Wir fahren viele Leerkilometer, die man sich sparen kann.
Bedeutet das also, dass Sie bei einer Abschaffung der Rückkehrpflicht auch im ländlichen Raum fahren wollen?
Wenn diese Regel fällt, können wir uns das sehr gut vorstellen. Zum Beispiel könnten die drei Busse, die pro Tag eine Strecke abdecken und wo nur eine Handvoll Passagiere sitzen, durch ein On-Demand-Shuttle ersetzt werden, das rund um die Uhr fährt. Das Angebot wäre wesentlich wirtschaftlicher für die Region, aber auch praktischer für den Kunden. Denn er kann das Angebot dann verwenden, wenn er es tatsächlich benötigt und nicht, wenn es ihm der Fahrplan vorschreibt. Und er wird von zu Hause abgeholt und muss nicht im Regen zur 500 Meter entfernten Bushaltestelle laufen. Da gibt es große Potentiale, wo wir auch bereit wären sie auszuprobieren.
Sie setzen im Gegensatz zu anderen Diensten wie dem Berlkönig der BVG, der auch in Berlin fährt, ausschließlich auf Wasserstoff- und Elektroautos. Warum?
Wir wollten nicht mit Dreckschleudern rumfahren, sondern einen Unterschied machen. Deshalb haben wir uns erkundigt, welche Möglichkeiten umweltfreundlich sind und zu einer modernen Mobilität passen. Deshalb haben wir uns für diese beiden Technologien entschieden.
Die Taxibranche fürchtet sich vor der Konkurrenz der Carpooling-Anbieter. Muss sie sich umstellen?
Ja – und die Möglichkeiten dazu haben sie. Sie können Carsharing anbieten, eine eigene Plattform entwickeln und auch gern mit uns zusammenarbeiten. Die Attitüde, dass Dinge nicht gehen, hat sich nicht durchgesetzt. Als wir uns gegründet haben, sind wir auf Taxi-Unternehmen zugegangen. Doch die wollten nichts von uns wissen. Vor vier Jahren sind wir mit fünf Mitarbeitern gestartet, jetzt haben wir 800 bis 900. Es geht also doch. Statt rumzujammern, sollten die Taxibranche innovative Ideen umarmen.
Ist die Angst, dass der Taxibranche viele Kunden wegfallen, nicht berechtigt? Immerhin sind Sie mit Ihren Fahrten etwa um die Hälfte billiger.
Natürlich kann ich die Taxi-Unternehmen ein Stück weit verstehen. Doch ich glaube nicht, dass Taxis aussterben werden. Geschäftsleuten zum Beispiel ist es egal, wie teuer die Fahrt ist. Denn das zahlt die Firma. Sie werden auch weiterhin das klassische Taxi nutzen, statt sich mit mehreren Leuten ein Auto wie unseres zu teilen.
Carpooling
Beim Carpooling teilen sich mehrere Passagiere ein Auto. Ein Gast bestellt per App ein Fahrzeug, unterwegs sammelt der Fahrer dann weitere Mitreisende mit einem ähnlichem Ziel auf.
Der Preis wird vorher festgelegt. Carpooling-Autos sind etwa um die Hälfte billiger als gewöhnliche Taxis. Je mehr Leute zusteigen, umso günstiger wird es.
In Berlin fahren der Berlkönig, der von der BVG betrieben wird, CleverShuttle, die zu über 80 Prozent der DB gehören, sowie Allygator Shuttle des Tech-Unternehmens Door2Door.
