Christopher Street Day: Stadt in Regenbogenfarben - 50 Jahre Schwulen-Bewegung

Buntes Treiben: Wie auch beim 38. Christopher Street Day (CSD) werden in diesem Jahr wieder tausende Besucher mit Regenbogenfarben, -flaggen und farbenfrohen Kostümen durch die Straßen Berlins ziehen.
Rainer Jensen/dpaDass die Veranstalter vom Bezirksamt Mitte die einmalige Ausnahmegenehmigung bekommen haben, auf dem denkmalgeschützten Berliner Wahrzeichen für die Toleranz gegenüber Schwulen, Lesben, Bi-, Trans- und Inter-Sexuellen zu werben, ist zwei Jubiläen geschuldet.
Vor 50 Jahren gab es den ersten Aufstand von Homosexuellen gegen Polizei-Übergriffe und -Willkür in der New Yorker Christopher Street. Im „Stone wall Inn“, einer Bar im Greenwich Village, waren Schwule und Transvestiten regelmäßig Razzien, Anfeindungen und Demütigungen ausgesetzt. Doch im Juni 1969 gab es in der Kneipe einen ersten Aufstand. Das Datum gilt als der Beginn einer weltweiten Bewegung für Toleranz und Gleichberechtigung.
Unter dem Motto „Stonewall 50 – Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme“, will der bunte CSD-Umzug nun an diesem Sonnabend von 12 bis 16 Uhr durch die Berliner Innenstadt ziehen, die ihrerseits ein Jubiläum feiert. Vor 40 Jahren gab es in West-Berlin die erste Parade, die an die Vorfälle in der Christopher Street erinnert.
Zur 41. Auflage gibt es einen neuen Rekord. 98 Wagen sollen vom Kudamm zur Siegessäule rollen. Im vergangenen Jahr waren es 65. „Viele Firmen entdecken langsam, wie wichtig das Thema in ihrer Belegschaft ist“, erklärt Alexandra Knoke die Zunahme. Allerdings darf nicht jeder einfach mitmachen. Die Unternehmen müssten nachweisen, dass sie eine eigene Homo-Gruppe haben oder mit einem schwulen, lesbischen oder queeren Verein zusammenarbeiten.
Auch die BVG mit Truck dabei
So schicken beispielsweise die Berliner Verkehrsbetriebe einen buntgeschmückten Truck auf die Strecke. Seit 2011 engagiert sich das Unternehmen im Bündnis gegen Homophobie. Es gibt einen eigenen Diversity-Beauftragten sowie ein internes eigenes Regenbogennetzwerk. Zudem ist die BVG seit vergangenem Jahr Gründungsmitglied der „Queer Staff Network_Berlin“, einem Dachverband schwuler Gruppen in Berliner Firmen.
Doch der erste Partywagen, der den Zug am Sonnabend anführt, wird ausschließlich Aktivist*innen vorbehalten sein. „Jeder Wagen muss zudem einmal in der Stunde unsere Forderungen abspielen“, erklärt Mitorganisatorin Alexandra Knoke.
Die sollen zum 50. Stonewall-Jubiläum auch national und international sein. So wollen die Berliner unter anderem ein Bleiberecht für alle bedrohten sexuellen Minderheiten und fordern, weltweit Stigmatisierung und Ausgrenzung HIV-positiver Menschen zu stoppen.
Doch auch in der weltoffenen Stadt Berlin geht es längst nicht immer tolerant zu. "Man merkt nicht nur an den Statistiken, dass die Anfeindungen und Übergriffe gegen Minderheiten im Allgemeinen wieder zunehmen“, sagt das 42-jährige CSD-Vorstandsmitglied. Mit der Ehe für alle hätte Deutschland zwar einen großen Schritt getan, „aber es gibt andere Länder, die weiter sind als wir“, so Knoke. So würden Menschen des dritten Geschlechts immer noch in den Ämtern diskriminiert. "Das liegt selten am Personal, sondern eher an den Vorgaben von oben.“
Kritik aus den eigenen Reihen
Doch es passiert auch viel. In der Pride Week gibt es derzeit rund 200 Regenbogen-Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet, die von verschiedensten Institutionen angeboten werden. Alleine zur Parade werden in diesem Jahr 600 000 Besucher erwartet.
Doch nicht jeder in der Schwulen- und Lesbenszene identifiziert sich mit dem Massenereignis. Die großen Sponsoren-Namen sorgen auch für Kritik. Die Organisatoren des „Radical Queer March“, der Demo am Vorabend des CSD, schreiben in einer Mitteilung auf Facebook von „Ignoranz und Anpassung an das herrschende System“.
Andere kritisieren, die bunten CSD-Karawanen, die auch jährlich durch andere deutsche Städte ziehen, seien nur noch reine Partyzüge. „Auch wir wollen weiterhin laut, schrill und bunt sein und feiern, dass wir da sind“, hält Alexandra Knoke dagegen. Außerdem müsse ja irgendwo Geld herkommen, um das Ganze zu finanzieren. Auch für die Beleuchtung des Fernsehturmes werden noch dringend Spender gesucht. „Weil wir nicht wirklich mit der Ausnahmegenehmigung gerechnet haben, sind das jetzt zusätzliche Kosten“, erklärt Knoke. Wer helfen will, kann das unter www.csd-berlin.de tun.
Reden und Konzerte am Brandenburger Tor
Die CSD-Parade mit fast hundert Fahrzeugen startet um 12 Uhr auf dem Kurfürstendamm an der Joachimsthaler Straße. Nach einer Eröffnungszeremonie will sich sich die Demo zu der 600 000 Teilnehmer erwartet werden, um 12.30 Uhr in Bewegung setzen und nach 6,5 Kilometern durch die Innenstadt zwischen 16 und 19 Uhr den Endpunkt am Brandenburger Tor erreichen.
Wegen Bauarbeiten wird der Zug diesmal nicht den Wittenbergplatz passieren, sondern über die Lietzenburger Straße zum Nollendorfplatz umgeleitet.
Am Brandenburger Tor gibt es Reden und Party. Musikalische Highlights sind unter anderem die ehemalige Spice Girls-Sängerin Melanie C und DJ Felix Jähn. ⇥neu
