Corona-Krise
: Ausnahmezustand im Seniorenheim „Clara Zetkin“ in Eggersdorf

Heimleiterin Stefanie Böhnke berichtet von selbstgebasteltem Mundschutz und dem Problem mit dem Abstand in der Pflege.
Von
Ulrich Thiessen
Eggersdorf
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Für die älteren Menschen ist die Corona-Krise besonders schwer, schildert die Chefin des Seniorenheims "Clara Zetkin" in Eggersdorf (Symbolbild).

Oliver Berg/dpa

Rund 100 Menschen leben im Seniorenzentrum, berichtet Leiterin Stefanie Böhnke. Sie und ihre Mitarbeiter betreuen die Bewohner in schwierigen Zeiten. Abstand halten? Das ist nicht möglich bei Menschen, die beispielsweise am Arm geführt werden müssen.

Am Montag beging eine 90-Jährige ihren runden Geburtstag. „Ich konnte ihr nicht mal richtig gratulieren, nur mit Handschuhen, und sie natürlich auch nicht drücken“, berichtet die Chefin der AWO-Einrichtung. Am Dienstag feierte dann ein Herr Diamantene Hochzeit. Er lebt im Heim, seine Frau noch zu Hause. Sehen konnten sich die Jubilare nicht, nur über einen Bildschirm.

Für die älteren Menschen ist die Zeit besonders schwer, schildert die Chefin der Einrichtung. Sie merken Veränderungen, verstehen sie aber zum Teil nicht. Demenzerkrankten muss immer wieder neu erklärt werden, warum sie keinen Besuch bekommen, warum die Pfleger einen Mundschutz tragen. „Je mehr wir uns schützen, desto mehr verängstigt das die Bewohner“, sagt Stefanie Böhnke.

Und die Mitarbeiter selbst leben mit der Angst, das Virus in die Einrichtung zu tragen. Die jüngsten Berichte aus einem Pflegeheim in Wolfsburg verschrecken. Dort sind bereits mehrere Bewohner an dem Virus verstorben.

Also sich und die Anderen schützen! Aber wie? In der Eggersdorfer Einrichtung gibt es noch Restbestände an Schutzmaterial aus der letzten regulären monatlichen Bestellung. Von den jüngsten Lieferungen des Bundes an das Land  Brandenburg mit zwei Millionen Masken hat Stefanie Böhnke aus den Medien erfahren – Masken, Kittel, Handschuhe sind nicht zu ihr gelangt. Sie weiß weder wann wieder eine Lieferung erfolgt, noch ob sie überhaupt auf einer Verteilerliste des Landes steht.

Unterstützung aus der Region

Handseife konnte noch besorgt werden. Das war der letzte Erfolg in diesem Zusammenhang. Aber da gibt es auch noch die Unterstützung aus der Region. Eine Freundin hat für die Mitarbeiter 60 Masken genäht – bunt und aus verschiedenen Stoffen. Ein willkommener Notbehelf. Aber im Falle einer Erkrankung bieten sie nicht den nötigen Schutz. Das kann nur zertifizierte medizinische Schutzkleidung.  Sollte jemand wirklich am Coronavirus erkranken, werden Dutzende Masken pro Tag  und Pfleger benötigt, schildert die Heimchefin die Ausmaße des Problems.

Deshalb wünscht sie sich, dass das Land ähnlich wie Niedersachsen die Einrichtungen generell für Neuaufnahmen schließt. Jeder von ihnen könnte eine Gefahr darstellen, selbst wenn er keine Symptome aufweist oder kürzlich getestet sein sollte. Das Gesundheitsministerium erklärte am Dienstag auf Nachfrage, dass eine solche Maßnahme nicht geplant sei. Die Pflegeeinrichtungen müssten weiterhin ihren Aufgaben nachkommen und Menschen, die nicht mehr für sich selbst sorgen können, aufnehmen, hieß es. Auch Tagespflege kommt in Eggersdorf noch vor, weil Angehörige in diesen Zeiten in ihren Berufen dringend gebraucht werden und sich deshalb nicht kümmern können.

Ein wenig Hoffnung

Am Telefon klingt Stefanie Böhnke bei all diesen Schilderungen ruhig, freundlich, unaufgeregt. Und dann wird ihre Stimme noch heller, als sie berichtet, wie sie und ihre Mitarbeiter sich etwas haben einfallen lassen, um auch in diesen Zeiten den Bewohnern ein wenig Hoffnung zu geben. So wurden jetzt kleine Blumentöpfe für alle angeschafft und jeder Heimbewohner gebeten, die jeweilige Pflanze gemeinsam mit den Pflegern zu umsorgen. Nun prangen sie in den Fenstern zusammen mit Bildern, die von den Hortkindern für die Bewohner gemalt wurden.

Die Eggersdorfer Idee mit den Blumentöpfen hat über eine Telefonkonferenz bereits den Weg in die anderen Pflegeeinrichtungen der AWO gefunden, so Stefanie Böhnke.

Neuaufnahmen in Pfelgeeinrichtugnen

Die Vermeidung  und Reduzierung von Sozialkontakten ist aktuell das Mittel der Wahl zum Schutz der Bewohner. Das erklärte Tobias Arbinger, Sprecher des Gesundheitsministeriums am Dienstag. In Brandenburg gelte deshalb ein flächendeckendes Betretungsverbot für Besucher in Pflegeeinrichtungen. Ausnahmen werden gewährt insbesondere zur Sterbebegleitung bei Schwerstkranken, Besuch von Seelsorgern und Urkundspersonen.

Neuaufnahmen in stationäre Pflegeeinrichtungen müssten gewährleistet werden, wenn die ambulante Versorgung an ihre Grenzen gestoßen ist. Zudem müsse verhindert werden, dass alten und kranken Menschen, die nach einem Krankenhausaufenthalt in einer Pflegeeinrichtung aufgenommen werden sollen, dies verwehrt wird. "Unser Pflegesystem ist hier zur Hilfe verpflichtet", so Arbinger. Über das Betretungsverbot für Besucher hinausgehende Verbote würden derzeit als nicht angemessen angesehen. ⇥thi