Corona-Krise
: Spargelbauer in Vetschau arbeitet neue Saisonkräfte ein

Spargel- und Obstbauern brauchen auch in der Krise leistungsfähige Helfer. Sonst können die Erlöse schnell ausbleiben.
Von
Kerstin Bechly
Vetschau
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Harte Arbeit: Die Spargelernte hat begonnen. Bundesweit schwanken die Kilopreise für deutsche Erzeugnisse in der Anfangsphase zwischen zehn und zwölf Euro.

Paul Zinken/dpa

Wegen des Einreiseverbots für ausländische Saisonkräfte konnte Ricken nur knapp 20 Prozent seiner Helfer ins Land holen. Über die Saison beschäftigt der Spreewaldbauer mehrere Hundert Erntehelfer und 60 feste Mitarbeiter. Nach Ostern soll die Spargelernte losgehen. Dann wird sich zeigen, wie viele der neuen Helfer bleiben wollen und können. Denn Karl-Heinz Ricken muss die Kosten im Blick behalten. Für den Mindestlohn von 9,35 Euro muss jeder pro Stunde ein Kilo Spargel liefern, wer mehr schafft, erhält einen Zuschlag. Rechnet man die 30 Prozent Schälabfall ab, schnellt der Kilo-Preis auf bis zu zwölf Euro. Da ist die Ernte noch nicht vom Feld, sortiert, verkauft. „Wenn sich das nicht rechnet, lasse ich Flächen liegen“, gibt er zu.

Ricken ist optimistisch: „Die Leute sind alle sehr motiviert.“ Sie müssen sich aber dem Betriebsablauf anpassen: Ein Acht-Stunden-Tag ist Voraussetzung. Und: „Das ist wirklich schwere Arbeit. Kurzarbeitern könnte ich bis zum Ende der Saison eine Perspektive geben“. Denn mit Erdbeeren und Gurken geht es bei ihm weiter. Die Entscheidung der Politik, im Corona-Jahr eine kurzfristige Beschäftigung von 70 auf bis zu 115 Tage sowie bis zum 31. Oktober sozialversicherungsfrei auszuweiten, begrüßt er ausdrücklich. Auch, dass dieses Einkommen nicht auf das Kurzarbeitergeld angerechnet werde.

Der Kostenfaktor ist für Obstbauer Thomas Bröcker aus Frankfurt (Oder) „die größte Hürde bei der Einstellung von unerfahrenen Helfern.“ Der Leiter der Abteilung Obstbau im Gartenbauverband Berlin-Brandenburg kennt die Sorgen landesweit und denkt bereits an die Ernte der frühen Süßkirschen. „Bei Süßkirschen und auch Erdbeeren machen die Lohnkosten über 50 Prozent der Gesamtkosten aus. Schafft der Pflücker nur die Hälfte der Leistung, gibt es keinen Erlös für uns“, rechnet er vor. Konkret: Die Pflückkosten betragen bei Kirschen 1,20 bis 1,25 Euro/Kilo, der Handel zahlt ihm maximal 2,40 Euro.

Schlimmstenfalls lohnt sich die Ernte erst gar nicht. Das kalkuliert Thomas Bröcker für seine frühen Süßkirschen ein, sollte er keine leistungsfähigen Saisonkräfte  für seinen 20-Hektar-Hof finden. Einheimische Helfer einzuarbeiten, dauere lange. Ausländer kämen meist aus der Landwirtschaft, „die sind das Malochen gewöhnt“, weiß Bröcker. „Wir stehen vielleicht am Pranger, wenn wir keine deutschen Helfer einstellen. Aber es ist eben eine Kostenfrage.“

Druck könnte der Handel nehmen. Spielraum sei da, ohne dass der Endpreis für den Verbraucher steigen müsse, findet Bröcker. Das hätte sich 2017 nach der schlechten Apfelernte gezeigt. Eine Hoffnung, die Spargelbauer Ricken nicht teilt. "Das ist Raubtierkapitalismus pur“, sagt der gebürtige Nordrhein-Westfale.

Inzwischen ist die Überlebensangst der Landwirte und Obstbauern in der Politik angekommen. In einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) haben Unionspolitiker eine Lockerung der Einreisebeschränkungen für Saisonarbeitskräfte aus Rumänien und anderen EU-Mitgliedstaaten gefordert. Denn die Helfer werden nicht nur bei der Ernte, sondern bei vielen Kulturen auch zum Pflanzen und Pflegen eingesetzt.

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, warnt bereits davor, dass sich das Lebensmittelangebot in den Supermärkten spürbar ändern könnte. Im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte er: „Wir müssen damit rechnen, dass es insgesamt zu einer Verknappung bei Obst und Gemüse kommen wird.“