Weil die Corona-Pandemie Reisen schwerer gemacht hat, entscheiden sich inzwischen vor allem junge Leute statt für ein Auslandsjahr lieber für einen Arbeitsaufenthalt in Brandenburg. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. „Es mag sein, dass gerade die Nähe zu Berlin das Bundesland Brandenburg für unsere Nutzer recht attraktiv macht“, sagte etwa der Vorsitzende der Plattform „WorldWide Opportunities on Organic Farms“ (WWOOF), Jan-Philipp Gutt. Sie vermittelt bundesweit Arbeitseinsätze in mehr als 500 ökologischen Land- und Gartenbaubetrieben, von denen über 40 auf den Raum Berlin-Brandenburg entfallen.
„Seit die Lockerungen der Maßnahmen Ende Mai in Kraft getreten sind, merken wir, dass unsere Mitgliederzahlen steigen“, berichtete Gutt. Dabei zeige sich eine Verschiebung hin zu mehr Arbeitswilligen, die im eigenen Land und somit auch in Brandenburg auf WWOOF-Höfe kommen. Einsätze in deutschen Betrieben sei auch in der Pandemie grundsätzlich möglich. „Es gelten dabei die Hygiene- und Kontakt-Regeln, die Bund und Länder für Alltag und Freizeit erlassen“, erklärte der WWOOF-Vorsitzende. Aber: Nicht alle WWOOF-Höfe nähmen im Pandemie-Jahr 2020 Freiwillige auf.
Vor Corona hatte das „American Institute For Foreign Study“ (AIFS) jährlich 5000 Auslandsaufenthalte junger Menschen vermittelt und betreut. „Die Zahlen sind mittlerweile um 95 Prozent gesunken„, sagte die Marketing-Leiterin Sybille Schmitz. Das Unternehmen gehört nach eigener Darstellung zu den größten Anbietern im Bereich „Educational Travel“; es bringt zudem auch Freiwillige in internationalen Projekten unter.
Umgekehrt vermittelt AIFS jedes Jahr zahlreiche Amerikaner nach Deutschland, vor allem nach Berlin. „Das ist nun ganz weggefallen“, berichtete Schmitz. Junge Leute, die reisen und arbeiten wollen, seien meist in Australien, Amerika und Kanada in Aushilfsjobs untergekommen, etwa in der Landwirtschaft und der Gastronomie. Zu einem geringen Teil sei das derzeit auch in Großbritannien und Irland der Fall. „Wir hoffen auf baldige Reiseerleichterungen und werden unser Angebot künftig noch weiter auf europäische Länder ausweiten.“
Reges Interesse an einem Freiwilligenjahr notiert seit Corona die Bio Ranch in Zempow (Ostprignitz-Ruppin). Sie bietet jedes Jahr in Zusammenarbeit mit dem Landesjugendring eine Stelle im Bundesfreiwilligendienst (BFD) und ein Freies Ökologisches Jahr (FÖJ) an. „Weil die Leute nicht ins Ausland können, haben sich auch verstärkt welche bei uns beworben“, sagte Ranch-Inhaber Wilhelm Schäkel. Allerdings habe vielen Bewerbungen die Ernsthaftigkeit gefehlt.
Seit 15 Jahren bietet Schäkel jungen Menschen so ein Orientierungsjahr. Davon profitieren ihm zufolge die Freiwilligen und die Ranch gleichermaßen. „Einige Freiwillige haben danach bei uns eine Ausbildung angefangen.“ Während des Corona-Lockdowns hätten für Freiwillige und Lehrlinge lediglich Fortbildungsseminare via Videokonferenz stattfinden können.
„Gerade jetzt ist freiwilliges Engagement für unsere Gesellschaft besonders wichtig“, betonte Peter Schloßmacher, Sprecher des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. So könnten Freiwillige, deren Einsatzstellen von Schließung betroffen sind, ihren BFD in dieser Zeit auch in anderen gemeinwohlorientierten Einrichtungen leisten.
In Brandenburg tun laut Schloßmacher aktuell 1417 Frauen und Männer freiwillig Dienst. Das entspreche innerhalb einer normalen Schwankungsbreite in etwa der Zahl des gleichen Vorjahresmonats. Welche Auswirkung die aktuelle Situation auf die zukünftige Bewerbungssituation vor Ort haben wird, könne das Bundesamt derzeit noch nicht eindeutig beurteilen.