Coronavirus: Schlachthöfe - Hotspots der Pandemie

Mitarbeiter eines Schlachthofs zerteilen am Fließband hängende Schweine.
Mohssen Assanimoghaddam/dpaDie Branche steht seit Jahren in der Kritik. „Die meist osteuropäischen Arbeiter werden bis zur totalen Erschöpfung ausgebeutet“, sagt Kossen. Schichten von zehn bis elf Stunden pro Tag, sechs Mal die Woche sind keine Seltenheit. „Mein Bruder ist Arzt. Die völlig ausgelaugten Menschen schlagen bei ihm in der Praxis auf.“ Viele erinnerten an lebende Tote. Übermüdet und ohne jede Kraft seien sie besonders anfällig für das Virus. Zumal der Druck zu funktionieren, erheblich ist. Wer nicht arbeiten kann, wird von den Subunternehmen schnell aussortiert und nach Hause geschickt. Das könne dazu führen, dass Symptome bewusst ignoriert werden.
Gefahren für die Billigarbeiter aus Rumänien und Moldawien lauern aber nicht nur am Arbeitsplatz selbst, auch wenn Mitarbeiter von Gesundheitsämtern bestätigten, dass es bei „Westfleisch“ am Zerlegeband und in Umkleiden Probleme mit dem Mindestabstand von 1,5 Metern gebe und Masken nicht immer korrekt getragen werden.
Auch jenseits der Werkstore sind die Risiken groß. Darauf macht auch Thomas Bernhard aufmerksam, Referatsleiter bei der Gewerkschaft Nahrung Genuss, Gaststätten. Bei der Unterbringung der Arbeiter würden Schutzmaßnahmen schnell vergessen. Vertragsarbeiter werden nicht selten in Sammelunterkünften wie ehemaligen Kasernen, leer stehenden Fabriken oder abbruchreifen Privathäusern untergebracht. Da werde wenig Raum mit vielen Menschen vollgestopft, klagt Peter Kossen. „Mit diesen Menschen lässt sich richtig viel verdienen, wenn man frei von einem Gewissen ist.“ Auch die oftmals überfüllten Busse, mit denen die Schlachter von den Unterkünften zu den Arbeitsplätzen gefahren werden, trügen zur Verbreitung des Virus bei. Ebenso die fehlenden Sprachkenntnisse der Beschäftigten, die Warnungen oder Hinweise in deutscher Sprache nicht verstehen könnten. „Da wird Risiko potenziert.“
Neue Auflagen gefordert
Wegen der hohen Zahl von Infektionen fordert jetzt Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) strengere Arbeitsschutzgesetze für die Schlachtindustrie. Zudem setzte das Land als erstes Bundesland einen Notfallmechanismus in Kraft, der verhindert, dass im Kreis Coesfeld Corona-Auflagen wie geplant gelockert werden.
Die zunächst um eine Woche aufgeschobenen Lockerungen tangieren alle Bürger. Dadurch habe sich der Druck auf die Politik und die Schlachthofbetreiber merklich erhöht. Viele Bürger wollten nicht mehr hinnehmen, dass die Verantwortung der Arbeitgeber für die Mitarbeiter „zur Unkenntlichkeit degeneriert“ wird. Weil Subunternehmen zwischengeschaltet sind, sei jetzt nicht klar, wer für die Werksarbeiter ohne Arbeit aufkommt.
Der Theologe und Menschenrechtler Kossen fordert einen grundlegenden Wandel in der Fleischindustrie. Die Corona-Vorschrift „ein Mensch, ein Raum“ müsse auch für die Mitarbeiter der Schlachthöfe gelten. Jetzt sei der Zeitpunkt, Dinge in Ordnung zu bringen. Das sei spät genug.
Deutschlands größter Fleischverarbeiter Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen warnt unterdessen davor, die Branche unter Generalverdacht zu stellen.
Werkverträge sind in vielen Branchen üblich
Normalerweise gibt bei einem Werkvertrag ein Unternehmen an eine Fremdfirma den Auftrag, eine bestimmte Leistung zu erbringen. In vielen Branchen ist das üblich, beispielsweise auf dem Bau, bei der Gebäudereinigung, der Getränkeindustrie, bei den Automobilherstellern und bei Fleischbetrieben. Trotz strenger Gesetze fehlt es vor allem an Kontrollen auf länder- und kommunaler Ebene.
Daten über den Missbrauch oder auch die tatsächliche Ausbreitung von Werkverträgen liegen nicht vor, lediglich Umfragen. Laut einer Erhebung der IG Metall unter 5000 Betriebsräten berichtete jeder dritte Arbeitnehmervertreter, dass in seinem Unternehmen Stammarbeiter durch Werkvertragsbeschäftigte ersetzt werden. Detaillierte Zahlen zur Fleischindustrie liegen nicht vor.
Um gegen Missständeeine Handhabe zu haben, hat der Bundestag im Jahr 2017 das "Gesetz zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft" verabschiedet. Schlachtbetriebe müssen bei Vergehen ihrer Subunternehmen für diese mithaften.
Trotz neuer Regelungen macht die Fleischwirtschaft immer wieder mit Verstößen gegen den Tierschutz, gegen Sozial- und Arbeitsstandards und mit Lohndumping auf sich aufmerksam. Laut einer Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung arbeiten immer noch mehr als 50 Prozent, teilweise mehr als 60 Prozent der Beschäftigten im Schlachtbereich als Werkvertragsbeschäftigte – Tendenz steigend.
Die Fleischindustrie setzt vermehrt auf Export. Um auf dem Weltmarkt konkurrieren zu können, müssen die Erzeugerpreise auf Weltmarktniveau liegen. Daher setzen viele Betriebe in Deutschland auf Expansion und Rationalisierung.⇥red
