CSD in Oranienburg 2024: Bunte Parade trotzt Anfeindungen, Homophobie und Hass

2024 findet in Oranienburg der zweite Christopher Street Day (CSD) statt. Zur Premiere gab es Anfeindungen. Angriffe auf queere Menschen nehmen zu.
Karsten SchirmerDer Christopher Street Day (CSD) in Berlin ist die größte Demonstration in der Hauptstadt. Er findet in diesem Jahr am 27. Juli 2024 statt. Den Anfang der CSD-Saison macht Potsdam (11. Mai), den Abschluss bildet Oranienburg. In Brandenburg ziehen immer mehr Menschen für die Sichtbarkeit und Akzeptanz queerer Menschen auf die Straße. Warum das gerade in kleinen Orten so wichtig ist, erklärt der CSD-Initiator für Oranienburg.
2023 fand der erste CSD in Oberhavel statt. Bis zu 600 Menschen marschierten vom Bahnhof Oranienburg zum Schloss und feierten anschließend im Oranienwerk. Candy Boldt-Händel hatte zusammen mit einem kleinen Team den Hut für die Organisation auf. Nicht alles lief reibungslos.
Streit mit Polizei auf CSD in Oranienburg
So war der Start der Parade kurz gefährdet, als die Polizei mehrere Menschen aufforderte, ihre Masken abzunehmen. Die Tiermasken sind Teil eines Rollenspiel-Fetischs. Mehrere sogenannte „Puppies“ verließen daraufhin den CSD. Die Beamten gaben das Vermummungsverbot als Grund an. Candy Boldt-Händel setzte die Anweisung um, weil drohte, dass der CSD sonst untersagt werde. „Das fiel mir nicht leicht und hat mich sehr traurig gemacht und auch wütend“, schrieb er nach der Parade auf Facebook.

Candy Boldt-Händel hat den CSD in Oranienburg organisiert. Auch für 2024 ist ein Christopher Street Day in Oberhavel geplant.
Karsten Schirmer2024 soll sich das von vielen aus der Puppies-Community als Schikane empfundene Verhalten der Polizei, die beispielsweise in Berlin oder bei Karnevalsumzügen keine Masken verbietet, nicht wiederholen. Die Initiatoren hatten einen guten Austausch mit der Polizei und streben eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe an, so Candy Boldt-Händel. An der Hochschule der Polizei Brandenburg in Oranienburg gibt es seit 2022 einen Queerbeauftragten, der schon innerhalb der Polizeiausbildung sensibilisieren soll.
Der CSD Oranienburg findet am 21. September 2024 statt. Rund zehn Menschen und damit doppelt so viele wie im Jahr vorher sind für die Organisation verantwortlich. Erneut soll es einen Umzug mit anschließender Kundgebung geben. 2023 nahmen zwischen 500 und 800 Menschen an Parade und Fest im Oranienwerk teil. Die Zahlen variieren.
Laut Candy Boldt-Händel sei – bis auf die Maskenabweisung – alles friedlich verlaufen. Der Deutschen Presse-Agentur sagte der Linken-Politiker, der mit seinem Mann in Wensickendorf wohnt, es habe allerdings im Vorfeld der Veranstaltung eine leichte Bedrohungslage gegeben. Nicht nur habe das Oranienwerk als Veranstaltungsort Drohanrufe erhalten. Die rechtsextremistische Kleinstpartei „Der Dritte Weg“ hatte auf der Route Flyer verteilt, auf denen vor Homosexuellen als Gefahr für das deutsche Volk gewarnt wurde.
Mehr Angriffe auf queere Menschen
Ungewöhnlich oder besonders überraschend ist das nicht. „In Brandenburg agitiert ‚Der III. Weg‘ unter der Parole ‚Familien schützen! Homo-Propaganda stoppen!‘ gegen nicht-heterosexuelle Orientierungen und nichtbinäre Geschlechteridentitäten“, stellte auch die Landesregierung auf eine Anfrage der Linken-Politikerin Andrea Johlige fest.
Seit Jahren steigt die Zahl queerfeindlicher Bedrohungen und Angriffe. Einerseits kann das auf eine höhere Bereitschaft, Straftaten auch anzuzeigen, zurückzuführen sein. Andererseits erstarken seit Jahren rechte und rechtsextreme Parteien und Meinungen. Das wirkt sich offenbar auch auf die Jugend aus. Laut einer neuen Studie („Jugend in Deutschland 2024“) würden 22 Prozent der 14- bis 29-Jährigen die AfD wählen.
Zu den Paraden in Brandenburg kämen hauptsächlich Jugendliche, oft unter 25 Jahren, häufig sogar unter 18 Jahren, so Jirka Witschak von der Landeskoordinierungsstelle „Queeres Brandenburg“ in Potsdam. Queere Menschen seien auf dem Land weniger sichtbar, es fehlten Treffpunkte und Beratungsstellen. „Jugendliche trauen sich häufig gar nicht, sich überhaupt jemandem zu öffnen.“
Auf dem Land ist queere Sichtbarkeit noch Mangelware. Candy Boldt-Händel hält deshalb die CSDs in kleineren Städten und abgelegenen Orten für wichtiger als die Demos in großen Städten. In Rheinsberg (1. Juni), Neuruppin (29. Juni) und Eberswalde (8. Juni) gibt es 2024 erstmals Pride-Paraden. „Ich glaube, die ganzen kleinen CSDs ermutigen sich gerade gegenseitig“, so Boldt-Händel.



