Herr Drachenberg, was ist das Besondere an Eisenhüttenstadt?
Eisenhüttenstadt mit den Wohnkomplexen I bis IV war in der Parteisprache der SED die "erste sozialistische Stadt Deutschlands". Sie wurde im Kalten Krieg als Stalinstadt gegründet, um vom westdeutschen Stahl unabhängig zu werden. Sie sollte beispielgebend für den Städtebau der DDR sein. Hier sind die "sechzehn Grundsätze des Städtebaus" der SED angewandt worden. Der Städtebau in "Hütte" ist wie das Bilderbuch einer sozialistischen Idealstadt, ein Gesamtkunstwerk. Sie können noch heute in Eisenhüttenstadt den Traum vom Sozialismus erleben. Man kann sehen, wie die DDR gedacht hat. Und man kann sehen, wie es der DDR eigentlich ging. Im ersten Wohnkomplex wurden noch ganz kleine Wohnungen gebaut, mit Kohleheizung und schlechtem Material. Das ging dann bis hin zu Prachtwohnungen wie in der damaligen Ost-Berliner Stalinallee mit großem Platzverbrauch und großzügigen Grundrissen, die jetzt unter marktwirtschaftlichen Verhältnissen natürlich andere Wirkungsbedingungen haben. Die großzügige Bauweise war in der DDR dann wirtschaftlich nicht durchzuhalten. Ab dem Wohnkomplex V wurde sie mit der Plattenbauweise wieder einfacher, bis hin zu den letzten Bauten kurz vor dem Zusammenbruch der DDR, die oft kaum noch Qualität hatten.
Welche Bedeutung hat Eisenhüttenstadt heute in der bundesweiten Denkmallandschaft?
Eisenhüttenstadt hat das Alleinstellungsmerkmal einer nahezu vollständig erhaltenen sozialistischen Planstadt. Mir fallen da noch als Vergleich das 1949 gegründete polnische Nowa Huta in Krakau oder Halle-Neustadt ein. Sie können aber auch andere spannende Vergleiche ziehen: Zum Beispiel mit der 1938 gegründeten "Stadt des KdF-Wagens", die nach 1945 als Wolfsburg zum westdeutschen Gegenstück wurde. Daran kann man die Wirkungsweise von zwei Gesellschaftsordnungen ablesen. Eisenhüttenstadt wurde nach 1989 vorbildlich saniert – gerade auch im Sinne der Denkmalpflege. Wir sind stolz auf Eisenhüttenstadt! Wir können an Eisenhüttenstadt ablesen, wie sich die DDR eine sozialistische Stadt vorgestellt hat – und gleichzeitig existieren zeitgemäße moderne Bedingungen – das ist eine großartige Leistung aller Beteiligten vor allem in der Stadt selber!
Über welche aus Ihrer Sicht herausragenden Besonderheiten verfügt die Stadt?
Zum Beispiel, die städtebauliche Idee, eine Achse vom Rathaus bis zum Stahlwerk zu bauen, an der alles andere ausgerichtet war: Wohnen, Einkaufen und die Kultur.
Wird vernünftig mit dem Denkmalstatus umgegangen?
Es war in den vergangenen 30 Jahren spannend in Eisenhüttenstadt: Die Stadt konnte nur im Zentralismus der DDR entstehen. Nach 1989 musste sie sich neu erfinden und mit völlig anderen Bedingungen klarkommen. Wir haben viele Diskussionen um drohende Abrisse gehabt. Wir hatten dabei immer willensstarke Partner in der Stadt, die für sie gekämpft haben. Zurückblickend hat Eisenhüttenstadt für wichtige Bauwerke intelligente Umnutzungskonzepte entwickelt und umgesetzt. Zum Beispiel für die ehemalige Großgaststätte "Aktivist" mit damals mehr als 600 Plätzen. Damit sind Erinnerungen verbunden! Das ist zum Beispiel der Ort, an dem sich jeder Eisenhüttenstädter und jede Eisenhüttenstädterin zum ersten Mal geküsst hat. Aber so große Restaurants kann heute niemand wirtschaftlich betreiben. Die intelligente Umnutzung des "Akki" zu einer Geschäftsstelle einer Wohnungsbaugenossenschaft ist großartig geworden! Und das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR ist in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht. Das ist ein Schatz! Im vergangenen Jahr hat die Stadt beim Deutschen Städtebaupreis eine Belobigung für die Stärkung der Innenstadt bekommen – auch weil sie die gebaute Geschichte, an die alle eine gute Erinnerung haben, bewahrt und weiter entwickelt hat. Vergangenheit ist nicht weggerissen worden! Dieser Prozess ist übrigens vom Bund und vom Land mit viel Geld unterstützt worden.
Was für aktuelle Überlegungen der Denkmalpflege gibt es in Eisenhüttenstadt?
Wir prüfen derzeit die jüngeren Zeitschichten auf ihren Denkmalwert, unter anderem die Schule V als Gesamtkomplex inklusive dem Wandbild von Sepp Womser. Ich bin mir sicher, dass auch hier intelligente Ideen für eine bestandsbewahrende Lösung gefunden werden. Wir brauchen aber eigentlich einen Überblick zum Beispiel über die baugebundene Kunst der 60er und 70er Jahre im heutigen Land Brandenburg, um auch nachhaltig und verantwortbar den Denkmalwert prüfen zu können. Dazu fehlt uns leider immer noch das Personal.

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