Psychische Erkrankungen ­stehen im Mittelpunkt einer Fotoausstellung im Cottbuser Landesmuseum in Dieselkraftwerk. Ein Minderheitenthema? Wohl kaum. Mehr als jeder vierte Erwachsene erkrankt im Laufe seines Lebens an einer psychischen Störung, weiß Kuratorin Carmen Schliebe. Etwa 18 Millionen Betroffene sind es, deren soziales Umfeld mit beträchtlichen Einschränkungen verbunden ist. Und sie leben und wohnen oftmals mit denen zusammen, die sich um sie kümmern und sorgen, mit ihren Familien, den Kindern und Eltern.
Welch Konfliktstoff wohnt da unter vielen Dächern, aber auch in den Kliniken,  Arztpraxen und Beratungsstellen. Doch was heißt schon betroffen sein? Jeden kann es treffen, wenn die Seele streikt. Mit Depression, mit Ess- und Angststörungen oder einfach nur mit einer dauer­haften körperlichen Unruhe.
Diesem großen Thema hat sich das Landesmuseum mit sieben internationalen Fotografinnen und Fotografen auf zwei Etagen angenähert. Sie alle stellen Menschen mit einer psychischen Erkrankung vor und zeigen "facettenreiche Persönlichkeiten", wie die Kuratorin sagt.
Die größte und auffälligste Präsentation kommt von Herlinde Koelbl (geb. 1939). Sie gehört zu den einflussreichsten Fotografinnen unserer Zeit. Zu ihren bekanntesten Arbeiten gehört die Serie "Spuren der Macht – die Verwandlung des Menschen durch das Amt", worin sie Persönlichkeiten wie Angela Merkel, Gerhard Schröder und Joschka Fischer porträtierte. Koelbl veröffentlichte mehr als 20 Bücher, mehrere Dokumentarfilme und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet.
In Cottbus ist sie mit einer beeindruckenden, großformatigen Porträtserie zu sehen, die den Raum dominiert. Das Besondere darin: Es sind Betroffene und Nichtbetroffene, die sich da nebeneinander im Bild finden. Erst beim Lesen der persönlichen Erklärungen der Einzelnen sind Zuschreibungen möglich.
Herlinde Koelbl wählte das Format des Halbporträts, das heißt: der Bildausschnitt ist größer und bezieht Körperhaltungen mit ein. Die Hände zum Beispiel, mal nach vorn gehalten, mal unsicher versteckt, mal angestrengt geballt, sind für Koelbl Teil des Charakters. Die Fotografin hat diese Serie in einer Düsseldorfer ­Klinik gemeinsam mit dem Arzt ­Leonhard Schilbach entwickelt.
Wie alle guten Lichtbildner gelingt es ihr, zu den Menschen Vertrauen aufzubauen. Sie baute das Studio in der Klinik auf und ließ sich Zeit. Koelbl weiß aus Erfahrung: Menschen brauchen ihre Zeit, um sich zu öffnen, um sich so zu geben, wie sie sein wollen. Koelbl sprach mit den Fotografierten und bat sie, von sich zu erzählen, was sie nach einiger Zeit taten. "Wir werden angeblickt und wir blicken zurück", beschreibt Schilbach die Bilder. So entstanden berührende Porträts von Menschen, deren Krankheit auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen ist. Die Wechselwirkung von Distanz und Nähe ist wohl das Geheimnis dieser Serie.
Die großformatigen Porträts gehen fast nahtlos über in eine kleinere Serie von Melissa Spitz. Die US-amerikanische Fotografin begleitet in Fotografien seit 2009 ihre drogenabhängige Mutter in all ihren Nöten und Ausnahme­situationen. Eine einst attraktive Frau, die Hauptdarstellerin in den 1980er-Jahre-Serien wie "Dallas" oder "Denver-Clan" gewesen sein  könnte, kommt mit ihrem Leben nicht zurecht, greift zu Drogen und Alkohol und erfährt eine Identitätsstörung. "Ich fange ihr Verhalten als eine Art Echo meiner eigenen Reaktionen ein", sagt ihre Tochter Melissa Spitz, die bereits einige der wichtigen Foto-Preise in den USA erhalten hat.
Berührend ist auch die Fotoserie "Gärtners Reise". Ihr gesamtes Leben ist das Ehepaar im Wohnwagen gereist – bis bei Elke Gärtner Demenz diagnostiziert wird. Ihr Mann geht mit seiner  kranken Frau und dem Wohnwagen nun auf eine letzte Reise, die diesmal ins Baltikum führt. Die Fotografin Sibylle Fendt hat das Paar dabei begleitet. Die Serie wird zur Dokumentation einer großen  Liebe. Doch die Reise endet für Elke Gärtner in einer Nacht, aus der sie nicht mehr herausfinden wird. Eine lebenslange Partnerschaft löst sich auf im Nebel des Vergessens.
Obdachlose Frauen in Berlin fotografierte die "Ostkreuz"­-Fotografin Stephanie Steinkopf. In "Vogelfrei" kommt die in Frankfurt (Oder) Geborene ihnen nah, verbringt mit ihnen Nächte in der Nähe von Bahnhöfen und Parks. Auch diese Frauen haben oft psychische Störungen. Manchmal tauchen sie auf aus den dunklen Ecken der Nacht. Wenn wir ihnen begegnen, meldet sich unser schlechtes Gewissen, sie lassen uns oft ratlos zurück. So sagen es Steinkopfs Bilder.
Vorgeführt werden die Betroffenen in dieser Schau niemals. Vielmehr wirken diese Menschen wie ein Teil von uns. Eine nachdenklich machende Ausstellung, die in eigener Art und Weise auf eine Welt verweist, die wohl die meisten Besucher selbst nicht kennengelernt haben. Wir wissen zu wenig darüber, welche Dämonen sich in einer Seele Platz schaffen können. Und auch das können wohl die wenigsten Betroffenen leisten: Die Depression zu Tisch bitten und hören, was sie zu sagen hat.

Öffnungszeitenim Landesmuseum


Ausstellung "Crazy – Leben mit psychischen Erkrankungen", Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Cottbus, Am Amtsteich 15, bis 30. August, Tel. 0355 49494040.Das Museum ist geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.