Deutsch-deutsche Geschichte
: Originaler Fluchttunnel unter der Bernauer Straße ausgegraben

Unter der Bernauer Straße wurde erstmals ein originaler Fluchttunnel für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Platz für Informationen: Die ersten Gäste stehen am Donnerstag im alten Brauereikeller an der Brunnenstraße in Mitte. Über diesen gelangt man in den Besuchertunnel, der wiederum zum originalen Fluchtstollen aus DDR-Zeiten führt.

    Platz für Informationen: Die ersten Gäste stehen am Donnerstag im alten Brauereikeller an der Brunnenstraße in Mitte. Über diesen gelangt man in den Besuchertunnel, der wiederum zum originalen Fluchtstollen aus DDR-Zeiten führt.

    Fabian Sommer/dpa
  • Beängstigend eng: Über Schaufenster können Besucher in den originalen Tunnel von 1971 schauen.

    Beängstigend eng: Über Schaufenster können Besucher in den originalen Tunnel von 1971 schauen.

    Maria Neuendorff
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Der Verein Berliner Unterwelten hat nun erstmals einen Fluchttunnel aus dem Jahre 1971 unter der Bernauer Straße freigelegt. Der Weg hinein führt über die alten Keller einer schon seit 1918 stillgelegten Brauerei in der Brunnenstraße 143. In den Gewölben, die nach dem Mauerbau von Grenztruppen komplett mit Schutt verfüllt wurden,  hängen nun Bilder von jungen Männern, die teils gebückt im Schacht, teils nur mit Unterhose bekleidet wie Bergarbeiter Schutt auf Metallwannen heben.

Neun Wochen hatten die Studenten aus West-Berlin gebuddelt. Um kein Risiko einzugehen, lebten sie unter der Erde. „Nur die zwei, die die Versorgung übernahmen, gingen rein und raus“, erinnert sich Ulrich Pfeifer. Der Bauingenieur, der damals bei Statik und Vermessung half,   erklärt 49 Jahre später die Motivation der Helfer. „Wir waren fast alle Studenten, die zuvor selbst nach West-Berlin geflüchtet waren, und hatten im Osten noch Freunde und Verwandte. Aufgrund der Grenzsituation fühlten wir uns ohnmächtig, wollten aber nicht resignieren.“

Pfeifer, der selbst kurz nach dem Mauerbau 1961 über den Gleimtunnel nach West-Berlin gelangt war, hatte zuvor schon gemeinsam mit dem bekannten Fluchthelfer Hasso Herschel den berühmten Tunnel 29 mitgebaut. Ein weiteres Projekt musste nach einem Wassereinbruch abgebrochen werden.  „Wir wollten es noch perfekter machen und bauten acht Meter unter der Erde in einem großen Bogen von der U-Bahn weg, damit die Geräusche nicht zu den dortigen Horchposten durchdringen.“ Dass Pfeifer einst an der Uni Dresden auch Vermessungskunde lernte, kam ihm zugute. „Wir mussten immer wieder nachmessen, um den Endpunkt zu bestimmen.“ Dieser lag im Keller der Brunnenstraße 142 hinter dem Grenzstreifen.

Doch fünf Meter vor dem Ziel merkten die Tunnelbauer, dass sie trotz allen Vorsichtsmaßnahmen aufgeflogen waren. Von einer der typischen Aussichtsplattformen auf der Westseite spähten Pfeifer und Co auch regelmäßig die Ostseite aus. „Plötzlich fingen sie an, den Boden mit Ultraschallgeräten abzuhorchen. Als sie mit schweren Baggern einen riesigen Trichter aushoben, war uns klar, dass wir geplatzt sind.“

Von den insgesamt 75 Berliner Tunnelprojekten während des Kalten Krieges, waren nur 19 erfolgreich. Die meisten Schächte wurden von Spitzeln verraten und von den Grenzern wieder zugeschüttet. Die Mitglieder des Unterwelten-Vereins, die auf unterirdische Denkmäler spezialisiert sind, haben nun ehrenamtlich 334 Tonnen Mergelboden, ähnlich wie damals die Fluchthelfer, ohne technische Geräte zu Tage befördert. Um Besuchern einen authentischen Einblick zu geben, legten sie einen zwei Meter hohen und 30 Meter langen Schautunnel an, der den historischen Stollen kreuzt.  Um alles zu stützen, musste eine Firma aus Oberhavel 420 Stahlbetonsegmente anfertigen, die durch die schmalen Gänge passen.

Man konnte nur kriechen

Einen Eindruck von der Angst, die die Fluchthelfer und Flüchtlinge damals ausgestanden haben müssen, bekommen Besucher an einer Art archäologischem Fenster, das an der Tunnelkreuzung Einblick in den schmalen Sandschacht gibt, in dem man nur kriechen konnte.

Im freigelegten Gewölbe hängt ein Bild von Pfeifer, das ihn auf der Aussichtsplattform zeigt. Er hat es später in den Stasi-Unterlagen gefunden. Dort erfuhr er auch etwas über seine Freundin, die er eigentlich über den Tunnel rüber holen wollte. Nach einem Fluchtversuch saß diese zuvor drei Jahre im Zuchthaus, wurde psychisch gefoltert und zur Spitzeltätigkeit angeworben. "Sie sollte Ärzte im Klinikum Buch, aber auch uns bespitzeln“, berichtet Pfeifer. Doch nachdem sie zwei Jahre nichts Brauchbares geliefert hätte, habe sie die Stasi in Ruhe gelassen, berichtet der heute 84-Jährige. „Man konnte sich auch durch passives und destruktives Verhalten wehren.“

Führungen

Ab 10. November ist der Fluchttunnel an der Bernauer Straße im Rahmen der Tour M "Unterirdisch in die Freiheit" für Besucher geöffnet. Der 1999 gegründete Berliner Unterwelten-Verein bietet auch zahlreiche andere historische Führungen, unter anderem in Bunkeranlagen, an. Im vergangenen Jahr wurden rund 350 000 Besucher gezählt. Der gemeinnützige Verein finanziert sich selbst und zählt rund 500 Mitglieder. Weitere Infos unter: www.berliner-unterwelten.de⇥neu