Deutsche Bahn
: Es bleiben viele Baustellen

Vor nicht allzu langer Zeit wackelte der Stuhl von Bahnchef Richard Lutz gewaltig. Die Politik setzte ihn massiv unter Druck, den Staatskonzern endlich aus den Schlagzeilen zu bringen.
Von
Dorothee Torebko
Berlin
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Die Bahnzentrale in Berlin

Lisa Ducret/dpa

Der Aufsichtsrat forderte Erkenntnisse in Sachen Berateraffäre und die Kunden pünktlichere Züge. Pleiten, Pannen und ein bisschen Pech schien das Motto der Lutz‘schen Amtszeit zu sein. Doch auf der Pressekonferenz zur Halbjahresbilanz konnte er am Donnerstag in Berlin zumindest ein paar positive Zahlen präsentieren und damit aufatmen. Das heißt aber nicht, dass die Kunden künftig nicht weiter Geduld haben müssen.

In den ersten sechs Monaten 2019 fuhren so viele Passagiere mit Fernzügen wie noch nie. 71,8 Millionen Fahrgäste zählte der Konzern — bis Ende des Jahres sollen es gar 150 Millionen werden. Das ist Rekord. Auch die Pünktlichkeit kann sich im Vergleich zum Vorjahr sehen lassen. Während im Vorjahr 74,9 Prozent der Fernzüge die Bahnhöfe pünktlich erreichten, waren es im ersten Halbjahr dieses Jahres 77,2 Prozent. Obwohl die Bahn einst das Ziel 82 Prozent ausgerufen hatte, verkaufte Lutz die Zahlen als Erfolg: „Gerade angesichts des regen Baugeschehens ist das eine ordentliche Leistung.“

Teilweise werkeln Bauarbeiter an 800 Stellen gleichzeitig. Dass es dennoch nicht zu einem noch größeren Chaos komme, habe mit dem Lagezentrum Bau zu tun, das die Baustellen koordiniert und die Kunden damit möglichst wenig belastet.

Dennoch reißt die Kritik an der Bahn nicht ab. Die Monopolkommission hat der Bundesregierung ein Gutachten vorgelegt, in dem sie sich für die Privatisierung ausspricht. Der unzureichende Wettbewerb sei mitverantwortlich dafür, dass die Pünktlichkeitsstatistik so schlecht sei, sagte der Chef des Beratergremiums Achim Wambach dem „Handelsblatt“. Durch eine strengere Regulierung des Staatskonzerns könne mehr Wettbewerb entstehen — das würde dem Kunden nützen.

Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla verteidigte am Donnerstag die DB–Linie. „An den Vorwürfen der Monopolkommission ist nichts dran. Wir haben in Deutschland den höchsten Wettbewerb in ganz Europa.“ Die Bahn muss sich im Regionalverkehr tatsächlich gegen zahlreiche Konkurrenten durchsetzen: Da machen die Wettbewerber ein Drittel aus. Doch im Fernverkehr ist sie Platzhirsch: Lediglich Flixtrain deckt drei Fernverkehrsverbindungen ab.

Für die Bahn ist der Fernverkehr eines der Zugpferde, deshalb wird auch um jeden Kunden gekämpft. Am Donnerstag und Freitag bot der Konzern seinen Passagieren, die nicht bei der Hitze reisen wollen, die Möglichkeit, ihre Tickets später zu nutzen. Bis zum 4. August können Reisende ihre Fahrkarte einlösen. Auch die immer fortwährende Verbesserung des DB–Navigators, der mittlerweile die Platzkapazitäten anzeigt, käme bei den Kunden gut an, sagte Bahnchef Lutz.

All diese Maßnahmen kosten jedoch eine Menge Geld. Und das schmälert den Gewinn. Dieser sank im Vergleich zum Halbjahr 2018 um 63,5 Prozent auf 205 Millionen Euro. Damit steigt auch der Schuldenberg an. Er kletterte auf rund 21 Milliarden Euro. Die Bahn bleibt jedoch bei ihrer Investitionsoffensive. Sie hofft, durch den Verkauf der Tochter Arriva unter der vom Bund auferlegten Schuldengrenze von 20,4 Milliarden Euro zu bleiben.

Ohne Unterstützung des Besitzers geht es nicht. Bahn und Bund haben sich auf ein neues Investitionsabkommen für die kommenden zehn Jahre geeinigt, kündigte Infrastrukturvorstand Pofalla an. Zahlen nannte er nicht. Allerdings könnten bis zu 60 Milliarden Euro in die DB–Kassen gespült werden. Das dürfte dem Kunden zugutekommen. „Eine starke Schiene gibt es nicht zum Nulltarif“, sagte Lutz. „Aber sie ist jeden Euro wert.“