Die Ärzte, Nena bis Silbermond
: Darum gehen Stars zum Gitarren-Doktor aus Berlin

In der Werkstatt von GuitarDoc Lutz Heidlindemann in Berlin-Kreuzberg geben sich Musik-Stars wie Die Ärzte, Silbermond und Nena die Klinke in die Hand. Für manchen ist er die letzte Rettung.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Gitarrenbauer Lutz Heidlindemann repariert als "GuitarDoc" die besten Stücke der Musik-Stars.

Gitarrenbauer Lutz Heidlindemann repariert als „GuitarDoc" die besten Stücke der Musik-Stars. Sein Handwerksbetrieb ist auch in Berlin einzigartig.

Maria Neuendorff

In der Werkstatt mit dem Schild „GuitarDoc“ an der Köpenicker Straße in Berlin-Kreuzberg wird gerade eine Operation vorgenommen. Mit einer filigranen Zange löst Lutz Heidlindemann vorsichtig die Bundstäbchen vom Griff einer glänzend-blauen E-Gitarre, die ihm ein US-Musiker zur „Behandlung“ dagelassen hat. „Ich will an den Herzschrittmacher“, erklärt der Ausnahme-Handwerker, der Instrumente von Musikgrößen aus aller Welt repariert, restauriert oder die Instrumente gleich eigens für die Stars anfertigt.

Den Namen GuitarDoc hat er dabei vor vielen Jahren nicht aus Hochnäsigkeit gewählt. „Der Doktor kommt eher von Hilfeleistung und nicht, weil ich so dufte bin“, erklärt der 62-Jährige. Doch sein Können hat Lutz Heidlindemann in der Musikszene berühmt gemacht. Er hatte schon Gitarren von Nena, Element of Crime und Nick Cave in den Händen. Sein Kundenstamm liest sich wie das Who is Who der deutschen und internationalen Rock- und Popszene und reicht von den Ärzten bis Tokio Hotel, von der Roland-Kaiser- bis zur Joe-Cocker-Band.

Gitarren-Doktor aus Berlin für Silbermond und Kraftklub im Einsatz

Erst am Vormittag hat der Gitarren-Bauer Thomas Stolle von Silbermond mit einer Gitarre mit einem besonders langen Hals ausgestattet. „Der ist ein großer Kerl, der kann mit einem normalen Instrument nichts anfangen.“

Bei den Spezial-Anfertigungen geht es aber nicht nur um Körpergröße und Statur, sondern auch um Design. Für ihr Album „In Schwarz“ hat sich die Chemnitzer Rap-Rock-Band Kraftklub in Berlin-Kreuzberg eine passende schwarze Gitarre anfertigen lassen. Eine Gitarre zu kreieren, sei mit dem Komponieren von Musik oder dem Verfassen von Texten zu vergleichen, erklärt Heidlindeman. „Eine gute Gitarre inspiriert auch mich sofort – man geht dann mit dem Instrument in den Dialog“, erklärt Instrumentenbauer.

So ging es wahrscheinlich auch Fritz Puppel von City, der bis zu seinem Tod Anfang 2024 ebenfalls in der Werkstatt unweit des U-Bahnhofes Schlesisches Tor Stammgast war. Auch seine Gibson Les Paul E-Gitarre aus dem Jahr 1968, auf der Puppel den Kult-Song „Am Fenster“ eingespielt hat, hat Heidlindemann immer wieder fit gemacht. „Das Bild mit der Gitarre in dem Lied ist einfach stimmig“, findet der Handwerksmeister.

Doch neben Reparaturen baut er vor allem auch eigene Gitarren. Die Modelle der Eigenmarke „LuK“, die er gemeinsam mit seinem Kollegen Anthony entwickelt, werden mit dem gleichen minimalistischen Maschinenpark und den Werkzeugen wie bei den Instrumentenmachern in den 1950er-Jahren hergestellt. „Langsam, suchend, bewusst, fühlend, hörend, präzise, mit Hingabe“, beschreibt es Heidlindemann, der dazu nur altes Holz sowie das Holz von selbst gefällten Bäumen nutzt. Dafür und für die Aufbereitung von Oldtimer-Instrumenten lagert er unter anderem vom Thünen-Institut für Holzforschung zertifiziertes Ebenholz, Mahagoni und Palisander von Bäumen, die 1960 geschlagen wurden.

Vintage-Gitarren sehr beliebt

Vintage ist eben besonders auch bei Musikern angesagt. „Ich habe unter anderem 15 Jahre lang alte Gitarren aufgekauft, sie restauriert und sie weiterverkauft“, berichtet der Kreuzberger.

Doch dafür bleibt momentan kaum Zeit. Die Auftragsbücher sind voll. Er hat zwar insgesamt drei Angestellte. Doch der eingetragene Handwerksmeisterbetrieb mit Zupfinstrumentenbauern gilt in Berlin inzwischen als einzigartig. „Es gibt zwar junge Leute, die wollen, 'irgendwas mit Gitarre machen‘, doch die haben dann Mittwoch und Donnerstag von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Daran merkt man schon, dass sie es nicht ernst nehmen“, sagt Heidlindemann, der der 1995 seine Meisterprüfung als Zupfinstrumentenbauer absolvierte, als seine Werkstatt schon zehn Jahre lang vorzüglich gelaufen war.

"GuitarDoG" Lutz Heidlindemann arbeitet in seiner Berliner Werkstatt an den Vintage-Gitarren teilweise noch mit ähnlichen Werkzeugen wie die Instrumentenmacher in den 1950er Jahren.

„GuitarDoc" Lutz Heidlindemann arbeitet in seiner Berliner Werkstatt zum Teil mit Werkzeugen, die Instrumentenbauer in den 1950er-Jahren nutzten.

Maria Neuendorff

Doch ein guter Gitarrenbauer braucht nicht nur eine gute Ausbildung, sondern auch Leidenschaft. Seine erste Gitarre hatte Lutz Heidlindemann im Alter von 14 Jahren in der Hand. In Nordrhein-Westfalen, wo er herstammt, zog er einst als Musiker über die Dörfer. „Ich habe teilweise mit Tanzmusik mein Geld verdient.“ Anfang der 80er-Jahre sprang er auf die New Wave-Welle auf und strandete 1984 in Berlin.

Seine Berufung fand er, als er in einem Musikgeschäft in Wilmersdorf jobbte, in dem auch Instrumente repariert wurden. „Da wusste ich sofort. Das ist es.“ Bis dato hatte sich der ausgebildete Konditor nach eigenen Angaben mit „Musik, Mädchen und Innenausbau“ die Zeit vertrieben.

Praktika in New York und San Francisco

Obwohl er damals parallel das Anbot bekommt, bei der Synthie-Pop-Band Camouflage auf Tournee zu gehen, entscheidet er sich nach einer schlaflosen Nacht für den neuen Berufsweg, auf dem er handwerkliches Geschick, Musikalität, Hingabe zur Kunst und Selbständigkeit bündeln kann. Es folgen Praktika bei Gitarrenmachern und Modellbauern in Aachen, New York, San Francisco und Neuseeland. „Ich war insgesamt ein Jahr unterwegs.“

Doch das West-Berlin der 80er-Jahre bleibt seine Homebase. „Das war ein Schmelztiegel für Kreative. Hier ging damals einfach alles“, erinnert sich Heidlindemann gerne. Auch privat hängt er mit Musikern in einschlägigen Berliner Szeneklubs ab, wie zum Beispiel im „Risiko“, einer Kneipe an den Yorck-Brücken, in der auch David Bowie verkehrte.

Während der Instrumentenbauer zurückblickt, betritt ein Mann mit einer fast 50 Jahre alten E-Gitarre die Werkstatt. „Die ist ordentlich verdreht“, sagt der GuitarDoc nach einem kurzen fachmännischen Blick, bevor er sein Terminbuch auf dem hölzernen Werkstatttisch aufblättert. „Warum sehe ich das nicht selber?“, fragt der Kunde erstaunt.

Fast 40 Jahre Berufs-Erfahrung haben den Kennerblick geschult. „Ich mach' das jetzt quasi ein halbes Leben, wenn man dann überhaupt so weit kommt“, sagt Heidlindemann nachdenklich. Seine Arbeit erfülle ihn bis heute. „Das hier ist mein Baby.“

Spezialauftrag von den Red Hot Chili Peppers

1987 macht er sich erstmal als Subunternehmer im Wilmersdorfer Instrumenten-Laden selbstständig. Danach arbeitet er in einem ausgebauten Kreuzberger Loft, in dem er mit seiner Freundin wohnt. Es ist die Zeit, als die Mieten noch billig sind und die Red Hot Chili Peppers noch vor 100 Leuten im Charlottenburger Quasimodo spielen.

Der ziemlich zugedröhnte Gitarrist Hillel Slovak bittet Heidlindemann, sein Instrument für den Abend für 30 Mark bühnentauglich zu machen. „Er hatte auf seiner schönen alten Strat ein Vintagetremolo, war damit aber nicht besonders glücklich. Es rissen ständig die Saiten, und auch die Stimmung hat sich immer wieder verändert.“

In einer Nachschicht entwickelt Heidlindemann eine Strategie, wie man auf der Gitarre des US-Musikers den sogenannte Tremolo-Hebel, mit dem Tonhöhenschwankungen erzeugt werden können, langfristig in Schuss bringt. „Das war eigentlich ein Produktions-Fehler des Herstellers und hat auch auf vielen anderen Gitarren vorher einfach nicht funktioniert.“

Die Peppers werden in den folgenden Jahren zu Weltstars. Heidlindemanns guter Ruf spricht sich auch ohne sie schnell herum. Nach dem Mauerfall rennen ihm auch die Ost-Musiker die Bude ein. „Sie hatten vor allem Fragen, Fragen, Fragen zu dem technischen Equipment, das es in der DDR nicht gegeben hatte.“ Viele der Ost-Größen kannten den Gitarren-Doktor aber schon vorher. „Ich bin schon vor der Wende regelmäßig rübergefahren, um Musiker in Ost-Berlin zu versorgen. Im Nachhinein frage ich mich, warum ich nie von der Stasi kontrolliert wurde.“

Fachsimpeln mit den Musik-Stars

Aus einem seiner Werkstattfenster schaut Heidlindemann heute direkt auf das neue Friedrichshainer Entertainment-Quartier mit seinen beiden Konzerthallen auf der anderen Seite der Spree. Nur ein paar Schritte weiter an der Oberbaumbrücke hat 2002 der weltgrößte Musik-Konzern Universal seine Deutschland-Zentrale bezogen.

Die Stars, die dort ihre Verträge unterzeichnen oder in der Uber Hall, Waldbühne oder Wuhlheide gastieren, nutzen nicht selten ihren Berlin-Besuch, um ihre Instrumente beim GuitarDoc begutachten, stimmen, richten und reparieren zu lassen.

Viele schicken nach einem ersten Kennenlernen ihre Mitarbeiter mit den Instrumenten los. Aber es gibt auch Stammkunden wie Sven Regener oder Jan Josef Liefers, die ließen es sich nicht nehmen, regelmäßig persönlich vorbei zu kommen, erzählt der Gitarren-Experte.

Kein Wunder, die Werkstatt direkt am Spreeufer in einem alten, weitläufigen zum Wasser hin geöffneten Gewerbehof ist nicht nur die reinste Innenstadtoase, auch der Meister ist nicht auf den Mund gefallen. Mit ihm kann man nicht nur fachsimpeln, sondern auch gut über Musik und das Leben philosophieren.

„Nur, wenn ich meinen ganz persönlichen Idolen begegne, bekomme ich plötzlich den Mund nicht auf“, gesteht der Gitarrenbauer. Das geschah einmal, als er nach einem Konzert backstage zu Maceo Parker, einem amerikanischen Funkmusiker, den er sehr verehrt, geholt wurde. „Wenn Du also der GuitarDoc bist, dann kannst Du auch gleich meinen Gitarristen Bruno verarzten?!“, habe dieser im Spaß gefragt. „Da wusste ich erst einmal nichts zu antworten“, erinnert sich Heidlindemann.

Lutz Heidlindemann mit eigener Vintage-Gitarre vor seiner Werkstadt am Spreeufer in Berlin-Kreuzberg

Lutz Heidlindemann mit seiner eigenen Gitarre vor seiner Werkstadt am Spreeufer in Berlin-Kreuzberg

Maria Neuendorff

Zu Konzertbesuchen bleibt ihm heute wenig Zeit. Nach Feierabend schreibt er gerne Texte und dreht Youtube-Videos mit kostenlosen Workshops, in denen er erklärt, wie man seine Lieblingsstücke wartet, pflegt und repariert. Und falls er doch etwas Zeit und Muße hat, dann setzt sich der GuitarDog manchmal auf die Bank vor der Werkstadt und spielt zum Abspannen ein bisschen Musik – natürlich auf einer goldfarbenen Gipson von 1952, die er sich vor ein paar Jahren selbst gegönnt hat.