Discounter vs. Luxushäppchen
: Aldi-Streit in Kreuzberger Markthalle Neun

Der skurrile Streit um Aldi in der Kreuzberger Markthalle Neun wirft ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten einer Ernährungswende für alle.
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Von Maria Neuendorff
Berlin
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  • Wenig Markttreiben: Unter der Woche gibt es kaum Stände in der Kreuzberger Markthalle Neun. Dafür finden regelmäßig hochpreisige Events wie der vor allem bei Touristen und Neu-Berlinern beliebte "Streetfood Thursday" statt.

    Wenig Markttreiben: Unter der Woche gibt es kaum Stände in der Kreuzberger Markthalle Neun. Dafür finden regelmäßig hochpreisige Events wie der vor allem bei Touristen und Neu-Berlinern beliebte "Streetfood Thursday" statt.

    Maria Neuendorff/MOZ
  • Lange Tradition: Der 1881 eröffnete Bau an der Eisenbahnstraße gehört zu den ältesten Markthallen der Stadt.

    Lange Tradition: Der 1881 eröffnete Bau an der Eisenbahnstraße gehört zu den ältesten Markthallen der Stadt.

    Maria Neuendorff
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Eines, das geradezu symbolisch für die Entwicklung der beliebten Markthalle und ihrem Umfeld stehe. Seit Monaten protestieren Köhne und andere Mitglieder der Initiative „Kiezmarkthalle“ gegen die steigenden Preise in dem denkmalgeschützten Bau, in dem unter anderem beim „Streetfood Thursday“ mehrere hundert Touristen und Berliner sich bei Luxushäppchen drängen, aber Menschen mit  geringem Einkommen keine bezahlbaren Alltagsprodukte mehr finden.

Der Streit erreichte seinen emotionalen Höhepunkt schon Anfang 2019, als die Betreiber ankündigten, den Aldi durch einen Drogeriemarkt zu ersetzen. „Unser Ziel war es seit der Übernahme 2011, die Halle nach und nach wieder als Plattform für kleinbäuerliche und handwerklich hergestellte Produkte  – als einen Ort, an dem Lebensmittelhandwerk auch wirklich sichtbar wird – zu etablieren“, schrieben sie damals auf ihrer Internetseite. „Wer auf dem Wochenmarkt einkauft, gibt sein Geld nicht an einen international agierenden Konzern, sondern an Leute, die sich hier vor Ort kleine Unternehmen aufgebaut haben, zum Beispiel als Bäcker oder Brauer.“

Austern und Sake

„Es gibt aber an den meisten Tagen so gut wie gar keine Händler in der Halle, sondern nur gastronomische Angebote“, hält Köhne dagegen. Unter anderem werden Austern aus Frankreich und Sake aus Japan eingeflogen. „Eigentlich ist die Markthalle das kleine KaDeWe von Kreuzberg, nur dass es keiner zugibt“, sagt die Filmregisseurin.

Die Betreiber, die nur freitags und sonnabends einen Wochenmarkt mit saisonalen Lebensmittelangeboten aus Berlin und Brandenburg organisieren,   haben im Aldi-Streit erst einmal klein bei gegeben. Die Entscheidung, Aldi zu verbannen, wurde ausgesetzt. „Wir wollen weiter daran arbeiten, die Markthalle zu einem Ort für alle zu machen“, betonen sie auf ihrer Internetseite. Gemeinsam mit den Anwohnern wolle man nach neuen Wegen suchen.

So finden derzeit  sogenannte Nachbarschaftswochen in der Markthalle statt. Auf den hölzernen Bierbänken zwischen Kinderspielecke und schwäbischen Maultaschen laden drei Mitarbeiter im Auftrag des Bezirks zum Gespräch. Mit verschiedenen Fragebögen sollen sie noch bis Sonnabend ergründen, welche Bedürfnisse die Menschen im Kiez überhaupt haben. „Das brauche ich“, „So kann es gelingen“, „Das kann ich beitragen“, heißen die Unterkapitel. Einige Antworten wurden schon an die Pinnwand gehängt: „Mittagessen Bio in Kombination mit Aldi“, hat jemand angegeben. Ein anderer wünscht sich einen Stand mit günstigen Blumen.

Auch an diesem ersten Dienstag im neuen Jahr gibt es in der 1881 eröffneten Markthalle nur wenige Stände für den täglichen Bedarf. Ein Italiener bietet neun Monate gereiften Bergkäse an. 100 Gramm kosten 2,60 Euro. "Ich bin auch dafür, dass die alten Berliner Stände hier bleiben, aber muss es unbedingt ein Discounter sein, der die Preise der kleinen Lebensmittelproduzenten kaputt macht?“, fragt er.

Auch Isabel Herzfeld, die seit 1983 nebenan in der Muskauer Straße wohnt, hat nicht an den Demos für den Aldi-Erhalt teilgenommen. „Ich finde es widersinnig, für einen Großkonzern auf die Straße zu gehen, der seine Mitarbeiter mies behandelt“, sagt die Mitsechzigerin. Aber das Fleisch und der Fisch in der in Stadtführern und Gourmet-Blogs gefeierten Halle seien für viele Menschen einfach unbezahlbar geworden. „Hartz IV wird hier nicht mehr satt“, sagt Herzfeld.

Dabei findet die Kreuzbergerin das Slowfood-Konzept der Betreiber eigentlich gut. „Ich bin auch für gesunde Ernährung, aber die Verhältnisse stimmen einfach nicht mehr. Letztendlich muss aber wahrscheinlich die Politik die Landwirtschaft umstrukturieren, um die Ernährungswende zu schaffen.“