Drushba-Pipeline: Russisches Roulette ums Erdöl

Ausfälle durch Verunreinigungen: Seit Ende April kommt kein russisches Erdöl mehr in der Schwedter PCK-Raffinerie an. Jetzt besteht zumindest Hoffnung, dass die Lieferungen kommende Woche wieder aufgenommen werden.
dpa/Patrick PleulDie vor fünf Jahrzehnten errichtete Pipeline, über die die DDR, die damaligen Volksrepubliken Polen und Ungarn sowie die seinerzeit noch vereinte Tschechoslowakei sowjetisches Erdöl erhielten, bekam diesen Namen als Zeichen für die vermeintlich guten Beziehungen zwischen den "sozialistischen Bruderstaaten“. Tatsächlich musste der Rohstoff schon damals mit transferablen Rubeln bezahlt werden, deren Kurs für die Lieferanten besonders günstig war.
Auch die Geschichte, die sich derzeit um die berühmte Pipeline abspielt, hat weniger mit Freundschaft als mit harten Interessen zu tun. Was ist geschehen? Am 19. April klagte erstmals eine Raffinerie in Weißrussland darüber, dass in dem Erdöl ein zu hoher Anteil organischen Chlorids enthalten war. Dieser aggressive Stoff wird bei der Förderung des Öls verwendet, normalerweise aber vor dem Transport wieder herausgefiltert. Auch in polnischen Raffinerien sowie im sächsisch-anhaltinischen Leuna gab es später Klagen über Schäden an den Verarbeitungsanlagen.
Am 24. April stoppte dann der polnische Pipeline-Betreiber Pern die Durchleitung. Seinerzeit hieß es noch, dass die erhöhte Chlorid-Konzentration durch eine Havarie in der weißrussischen Raffinerie Mosyr entstanden sein könnte, was sich jedoch als falsch herausstellte.
Während sich das PCK in Schwedt, dessen Anteilseigner der russische Ölkonzern Rosneft ist, über eine betriebseigene Leitung vom Seehafen Rostock mit Öl aus anderen Quellen versorgen konnte, gab es in Leuna bereits Engpässe bei der Produktion von Heizöl. Doch nicht nur die russischen Lieferanten, sondern auch die europäischen Abnehmer waren lange bestrebt, das Ausmaß des Zwischenfalls zu verharmlosen.
Ausfälle in Milliarden-Höhe?
Laut einem Bericht der „Deutschen Welle“ taxierte der russische Energieminister Alexander Nowak Mitte Mai die Kompensationen, die Russland den betroffenen Transitländern und Druschba-Kunden zahlen müsse, auf weniger als 100 Millionen Dollar. Gleichzeitig sprach die russische Wirtschaftszeitung Vedomosti von drei Milliarden Dollar Gesamtschaden. Tatsächlich dürfte dieser Betrag irgendwo zwischen beiden Zahlen liegen.
Erst jetzt wurde bekannt, wie hart hinter den Kulissen über die Wiederaufnahme der Lieferungen gepokert wird. Der polnische Pern-Konzern soll der russischen Seite ein Ultimatum gestellt haben: Erst wenn das russische Transportunternehmen Transneft sich zur Übernahme aller Ausfallkosten bereit erkläre, sei man bereit, die Leitung durch Polen wieder zu öffnen.
Tatsächlich erklärten sich Ungarn, Tschechien und die Slowakei, die über einen Abzweig der Trasse beliefert werden, der in Weißrussland nach Süden abführt, schon Ende Mai bereit, das Öl wieder abzunehmen. Anders die polnische Seite. Erst am Montag soll auf einer Krisensitzung in Moskau, an der auch deutsche Vertreter teilnahmen, die Einigung erzielt worden sein, dass am Pfingstwochenende der Strang aus Weißrussland nach Polen wieder mit sauberem Öl befüllt wird und dass Pern am 10. Juni wieder die Pipeline weiter nach Deutschland aufdreht. So berichtete es die polnische Nachrichtenagentur PAP aus Teilnehmerkreisen.
Mehr noch: Der Chef des polnischen Mineralölkonzerns PKN Orlen, Daniel Obajtek – der der Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ angehört – verkündete: „Die harte Verhandlungsposition konnten wir nur dank der Unterstützung durch unsere Regierung einnehmen. Vor allem aber auch deshalb, weil Polen seine Ölimporte im vergangenen Jahr deutlich diversifiziert hat. Damit meint der 43-Jährige, dass sein Land nicht mehr so stark wie früher von russischen Ölimporten abhängig sei.
Russlands Vize-Energieminister Pawel Sorokin warnte dagegen, dass alle Beteiligten nicht vergessen sollten, dass alle Seiten auch künftig aufeinander angewiesen seien.
Im PCK Schwedt hieß es am Freitag hinter vorgehaltener Hand, dass man auf bessere Nachrichten in der kommenden Woche hoffe. Bisher ist es an den Tankstellen in Berlin und Brandenburg, die zum großen Teil mit Benzin und Diesel vom PCK beliefert werden, jedenfalls noch nicht zu Engpässen gekommen.