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: Graffiti-Künstler macht Schuhe zu Unikaten

Streetart-Künstler Erik Herrmann aus Frankfurt (Oder) verwandelt Turnschuhe zu Einzelstücken. Am Sonntag, 8. Oktober 2023, stellt er im Bikini Berlin bei der Messe „Sneaker & Vintage Market“ aus.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Graffiti-Künstler Erik Herrmann stylt im Keller in Berlin-Lichtenrade Sneakers nach individuellen Kundenwünschen.

Maria Neuendorff

Erik Herrmanns Werke sind in Berlin an so mancher Straßenecke zu finden. Doch wenn der Graffiti-Künstler derzeit an die Arbeit geht, steigt er ein paar Stufen hinab in den Keller. In seinem kleinen Atelier in Berlin-Lichtenrade, das eher einer unaufgeräumten Werkstatt ähnelt, stapeln sich Schuhe mit extravagantem Design in Plastikboxen. Ein paar Sneakers, die er gerade mit einem speziellen Muster versieht, lagern auf einer Drehscheibe. Die Werkzeuge sind Airbrush-Pistole, Sprühdosen, umgebauten Flaschen und Pinsel.

Erik Herrmann, in Frankfurt (Oder) geboren und schon seit der Jugend in Berlin lebend, stylt Sneakers nach individuellen Kundenwünschen. Nach der Veredlung wird die Stangen-Ware zu Unikaten, die es nirgendwo zu kaufen gibt. „Der Wunsch, etwas zu tragen, das niemand anderes auf der Welt besitzt, wird immer größer“, sagt der 40-Jährige.

Die Schuhe herkömmlicher Marken werden im Atelier von Erik Herrmann per Hand veredelt.

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Erste Graffiti-Erfahrungen sammelte er in Frankfurt (Oder)

Die Aufträge, die Kunden ihm meist über das Internet erteilen, reichen dabei von den eigenen Initialen bis zum Porträt des geliebten Hundes. Als Geburtstagsgeschenk für den Chef eines Lieferdienstes sprühte Herrmann nicht nur den Firmennamen, sondern auch schon Pizzastücke auf das Leder.

Die zum Teil filigrane Handarbeit kostet je nach Motiv und Aufwand zwischen 50 und 350 Euro. Dass er mit seiner Leidenschaft Geld verdienen will, anstatt nur in sein Hobby zu investieren, wurde Herrmann schon mit 19 klar, als er nach dem illegalen Sprayen an einer Hauswand 1500 Euro Strafe zahlen musste. Danach bewarb sich der junge Mann, der seine ersten Sprayer-Erfahrungen als Kind bei einem Graffiti-Workshop in Frankfurt (Oder) machte, bei offiziellen Gestaltungs-Wettbewerben und konnte fortan gegen Lohn eine Polizeistation in Aachen sowie Gebäude für Hausverwaltungen in Berlin gestalten.

700 Paar Schuhe gesammelt

Nach einer Ausstellung im Russischen Haus in Berlin-Mitte 2016 wurden seine Kunstwerke unter anderem auch Teil des gefeierten Street-Art-Projekts „The Haus“ in einer ehemaligen Bank in Berlin-Charlottenburg, das innerhalb von zwei Monaten mehr als 80.000 Besucher anzog. Auch bei der Urban-Art-Ausstellung „The Game“ am Nollendorfplatz waren Herrmanns Arbeiten im vergangenen Jahr zu sehen. Vor kurzem hat der zweifache Familienvater im Auftrag einer Privatschule gemeinsam mit Acht- bis Elftklässlern einen Container auf einem Sportgelände in Blumberg (Barnim) umgestaltet.

Auf den Trichter mit den Schuhen kam er aus zweierlei Gründen. „Einmal veredele ich schon seit längerem Klamotten“, erzählt Herrmann und zeigt auf einen Kleiderständer im Atelier, an dem T-Shirts und Kapuzenpullis mit verschiedensten Street-Art-Designs hängen. Zum anderen sei er selbst ein großer Schuh-Liebhaber. „Modelle wie der Air-Jordan und der Hype darum waren Teil meiner eigenen Jugend. Ich habe damals bis zu 700 Paare gesammelt und meine Sammlung auf Messen präsentiert.“

Inzwischen ist Herrmann auf speziellen Mode-Messen wie zum Beispiel im Kaufhaus des Westens (Kadewe) mit seinen eigenen Handarbeiten vertreten. Im Bikinihaus (siehe Kasten) findet an diesem Sonntag, 8. Oktober 2023, der „Vintage & Sneaker Market Mesh & Laces“ statt, bei dem Modefans bei Musik nicht nur nach Kult-Schuhen, sondern auch nach den passenden Klamotten stöbern können.

Obwohl das sogenannte „Customizing“, also die Anpassung eines Serienprodukts an die individuellen Bedürfnisse eines Kunden, in den vergangenen Jahren in verschiedensten Branchen immer populärer geworden ist, gilt der Künstler auf dem größten Berliner Sneaker-Fan-Treffen bisher noch als der einzige seiner Art.

Der Trend beim sogenannten Customizing geht dahin, dass auch die Schuhe eines Paares unterschiedliche Farben tragen. Dieses Modell hat eine Firma für ihre Mitarbeiter veredeln lassen.

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Das Verfahren dafür hat er zwei Monate lang in seiner Werkstatt im Keller ausgetüftelt. „Für einen besseren Drift-Effekt habe ich mir zum Teil Flaschen umgebastelt.“ Auch eine Zahnbürste kann ihm manchmal als Pinsel dienen. Seine eigenen Schuhe sehen dabei aus wie eine Baustelle, denn Herrmann probiert gerne immer wieder etwas Neues aus. Zum Beispiel Kaffee als Farbstoff. „Das hat aber nicht funktioniert. Ich habe dann eine andere Lösung gefunden.“

Schuhe wechseln unter UV-Licht die Farbe

Welche genau, bleibt natürlich sein Geschäftsgeheimnis. Genauso wie seine neueste Erfindung, auf die er besonders stolz ist: Schuhe, die unter Schwarzlicht mehrfach die Farbe wechseln.

Die meisten Modelle, die ihm die Kunden für die Veredlung zuschicken oder persönlich in Lichtenrade abgeben, sind Markenprodukte bekannter Firmen wie Adidas, Nike oder Puma. „Aber man kann auch preiswertere No-Name-Sneakers veredeln“, betont der Künstler. Wichtig sei nur, dass mindestens 60 Prozent des Materials aus organischen Stoffen wie Leder, Nylon oder Baumwolle bestehen. „Bei 100 Prozent Polyester wird es schwierig.“

Die Schuhe, die Erik Herrmann mit Spezialfarben aufpeppt, müssen zu 60 Prozent aus organischem Material wie zum Beispiel Leder bestehen.

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Je nach Wunsch braucht Herrmann für ein Paar auch schon mal bis zu 20 Arbeitsstunden. Weil er Lederfarben benutzt und alles noch einmal extra versiegelt, könne man mit den Schuhen danach bedenkenlos durch Regen und Matsch wandern, sie putzen oder waschen, erklärt er. Viele der Kunden hätten wenig eigene Vorstellungen und ließen ihm als Künstler viel Freiraum beim Design.

Doch viel lieber entwickle er die Motive mit dem künftigen Träger der Schuhe oder den Kunden, die jemandem ein besonderes Geschenk machen wollen, zusammen in einem kreativen Prozess, betont Herrmann. „Dabei können zum Beispiel Hobbys, Lieblingsband und -farben oder der Fußballverein eine Rolle spielen.“

So landeten beispielsweise bei einem Rock-Fan Totenköpfe, Skorpione oder Spinnen auf dem Schuh. Anderen Kunden schicken Herrmann einfach ein Porträt von einer Person zu. Herrmann verfremdet dieses dann erst einmal am Computer so, dass es zwar Street-Art-tauglich ist, aber die typischen Charakter-Merkmale erkennbar bleiben. „Ich habe ja keinen glatten Untergrund, sondern muss die Proportionen so ausrichten, dass es trotzdem seine Wirkung bekommt, ähnlich wie bei einem Tattoo.“ Motivmäßig kennt Herrmann kaum Grenzen. „Außer wenn es politisch wird, da bin ich raus.“

Was den rechten und den linken Schuh angeht, so verstärkt sich der Trend, dass auch sie unterschiedlich gestaltet werden. Herrmann zeigt ein Exemplar, auf dem links „Gang“ und rechts „Art“ auf den Hacken und zusammen „Gang-Art“ zu lesen ist.

Wenn man den rechten und den linken umgestylten Schuh zusammenhält, ensteht das Wort „Gangart".

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Für einen Gesundheitsdienstleister hat er auch schon Mitarbeiter-Schuhe gestaltet, die nur auf den ersten Blick durch Firmen-Logo und Farben ähnlich aussehen. Erst bei genauerer Betrachtung wird klar, dass auch hier jeder Mitarbeiter seine individuelle Anfertigung bekommt.

So wird jeder Schuh zu einem Unikat. Eine zweite Ausführung gibt es höchstens, wenn Herrmann auf der Messe auf eines seiner Ausstellungsstücke angesprochen wird. „Ich sage dann, ich kann dir so einen Schuh in deiner Größe machen, aber er wird nie 1:1 sein, das ist ja gerade das Besondere daran.“

Der Traum vom eigenen Laden

Herrmann, der zwei Kinder im Schulalter hat und im Wedding lebt, will, sich als Künstler immer wieder ein bisschen neu erfinden. Dass es im Internet inzwischen Filmchen mit Anleitungen gibt, wie man Mainstream-Schuhe individualisieren kann, stört ihn nicht. Das Knowhow sei nur eine Seite der Medaille, die künstlerische Hand die andere, erklärt er selbstbewusst.

So kann er sich durchaus vorstellen, demnächst aus dem Atelier-Keller wieder an die Oberfläche zu kommen und einen eigenen Laden aufzumachen. „Dort würde ich dann Workshops anbieten, bei dem sich die Leute selbst ausprobieren können.“

Messe und Kontakt

Erik Herrmann stellt einige seiner besondern Schuhe am Sonntag, 8. Oktober, beim „Mesh & Laces Berlin 2023 - Vintage & Sneaker Market im Bikinihaus vor. Die Messe findet von 12 bis 19 Uhr im Einkaufszentrum an der Budapester Straße 38-50 in Charlottenburg statt. Karten und Preise unter pretix.eu/meshandlaces .

Die Webseite des Künstlers selbst findet sich unter inshoeencer.de