Einzelhandel: Finanzielle Hilfe zu Zeiten des Coronavirus
Kerstin Firchau hat zwei Angestellte, eine Mitarbeiterin und ihren Mann Dirk. Er hat Kontakt zur Agentur für Arbeit aufgenommen und umgehend Kurzarbeitergeld beantragt. Rücklagen für längere Zeit hat das Paar nicht. „So doll gestürmt wird unser Laden nicht“, ist der Blick von Kerstin Firchau auf den Alltag. „Wir erwarten Hilfe vom Staat, weil wir nicht freiwillig geschlossen haben.“ Schließlich laufen Verträge — zum Beispiel für Energie — weiter und müssen bezahlt werden. Ihr Mann hofft, dass das Finanzamt gegenüber den betroffenen Einzelhändlern in nächster Zeit seine Forderungen herunterfährt und die angekündigten Hilfsmaßnahmen wirklich kommen. Allerdings sagt er auch: „Wir leben in einer Welt, in der jeder beim anderen Unterstützung sucht. Wir können uns aber nicht mehr hundertprozentig absichern.“
Eine andere Frankfurter Händlerin erklärt: „Ich falle ins Bodenlose, das Konto ist leer, weil ich davon die Osterware gekauft habe. Vom Ostergeschäft hätte ich über den Sommer leben können. Mich erschreckt vor allem die unbestimmte Zeit, in der die Geschäfte geschlossen bleiben sollen“, ist die Mittfünzigerin ratlos, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Rücklagen habe sie nicht bilden können. Die Haftpflichtversicherung greife nur bei Ausfällen durch Brände beispielsweise. Die Frau fürchtet eine Pfändung, wenn sie ihren Krankenkassenbeitrag nicht mehr zahlen kann. Und dann sind da noch Miete, Telefon–, Strom– und Energiekosten.
Kredite erhöhen Schulden
Günter Päts hat viele ähnliche Geschichten am Telefon gehört. Er ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin–Brandenburg. Mit Hilfe von Kurzarbeitergeld können die Händler von Arbeitskosten entlastet werden. Es gibt auch Versicherungen, die bei Umsatzausfall zahlen. Doch ob sie auch vor Einbußen durch eine Pandemie schützen, sagt Päts, das muss im Einzelfall geprüft werden.
Auch wenn die Händler von Arbeitskosten entlastet werden können, bleiben die laufenden Kosten für Kredite, Miete oder Telefon. Die kleinen Einzelhändler erwirtschaften diese Mittel durch ihre Umsätze und die brechen jetzt weg. Schnelle Kredite zum Beispiel durch die Investitionsbank des Landes helfen da wenig, meint Päts. Sie vergrößern am Ende den Schuldenberg. Päts setzt auf den angekündigten Notfallfonds. „Es muss für die Einzelhändler, deren Existenz gefährdet ist, möglich sein, dass sie Mittel bekommen.“ Er hofft, dass die angekündigten Verordnungen großzügig ausgelegt werden. Warum, fragt er, darf ein Baumarkt offenhalten, aber ein Elektrofachhändler mit ähnlichem Sortiment nicht?
Am Mittwoch herrschte noch Unklarheit, wer schließen muss und wer nicht. Eine Autowerkstatt soll weiter Autos reparieren dürfen, aber der daran angeschlossene Autosalon soll keine Autos verkaufen. Kontrollieren sollen die Schließungen die Mitarbeiter der Ordnungsämter in den jeweiligen Kommunen. Sie können die Polizei bei Bedarf um Amtshilfe bitten, teilte das Innenministerium mit.
Der Eisenhüttenstädter Günter Luhn hat seinen Autoteilehandel jetzt auch dichtgemacht. Eine ähnliche Situation hat er schon einmal erlebt, 1997 beim Oderhochwasser. Damals wurde sein Geschäft im Eisenhüttenstädter Ortsteil Fürstenberg überflutet. „Ich habe damals Werte verloren“, sagt er. Die Waren bleiben dieses Mal erhalten, aber der Umsatz bricht weg. Luhn, der für die CDU im Eisenhüttenstädter Stadtparlament sitzt, hofft auf schnelle Finanzhilfen für Händler in Existenznot. Er hat damals nach dem Hochwasser sein Geschäft neu wieder aufgebaut — an einem anderen, Hochwassersicheren Standort. Fünf, sechs Jahre hat das gedauert.


