EWE-Chef: „Sauberer Strom ist relativ teuer“

Energiemanager: Stefan Dohler ist seit 2018 Vorstandsvorsitzender der EWE AG. Er begleitete zuvor bereits Führungsposten in der Energiewirtschaft.
Sebastian VollmertHerr Dohler, die gestiegenen Energiepreise belasten viele Brandenburger und vor allem die Wirtschaft. Viele sehen darin eine Folge der Energiewende. Wie werden sich die Preise in nächster Zeit entwickeln?
Die Kosten für die reine Erzeugung der erneuerbaren Energien sinken deutlich. Durch den Rückgang der Einspeisevergütung vermindert sich auch dieser Anteil am Preis für die erneuerbaren Energien. Andererseits führt der notwendige Netzausbau aber auch zu Kostensteigerungen. Und mit dem Ausstieg aus der Kernenergie und der Kohleverstromung wird es eine Verknappung des Stromangebotes geben. Darauf werden die Großhandelspreise reagieren. Wie, kann man schwer vorhersagen, aber ich meine, dass es eher zu einer Erhöhung kommt. In der Summe, glaube ich, gehen die Preise nach oben. Aber wir werden nicht mehr diese brutalen Steigerungen haben wie in der Vergangenheit.
Wie konkurrenzfähig ist grüner Strom heute schon im Verhältnis zu fossiler Energie?
Relativ sauberer Strom ist heute in Deutschland relativ teuer. Ein Privatkunde zahlt etwa 30 Cent pro Kilowattstunde dafür, davon sind knappe fünf Cent der Strompreis an sich, die anderen 25 Cent kommen aus Netzentgelten, Umlagen sowie Steuern. Auf Energieträger wie Diesel im Verkehr und Öl für die Ölheizung lasten diese staatlichen Aufschläge hingegen nicht, deshalb sind sie auch günstiger.
Was halten Sie von der Diskussion, dass CO2-Emmissionen einen Preis haben sollten?
Ich bin nicht für eine CO2-Steuer, aber ich bin für einen CO2-Preis. Ich halte die Diskussion darüber für richtig, dass man andere Sektoren, den Transportsektor insbesondere, mit einem CO2-Preis belegen sollte. Aber dafür müsste dann beim Strom ein Ausgleich geschaffen werden. Es darf nicht insgesamt zu Mehrkosten für Bürger und Industrie kommen.
Wie könnte ein Ausgleich aussehen?
Man könnte zum Beispiel die Stromsteuer senken. Ein anderer möglicher Weg sind Rückvergütungsmodelle wie in der Schweiz. Das heißt, dass Menschen, die CO2 vermeiden, weniger zahlen als jene, denen das egal ist.
Welche Wirkung hätte ein CO2-Preis für die erneuerbaren Energien?
Das würde die Nutzung von sauberem Strom aus erneuerbaren Energien in Bereichen wie Mobilität und Wärmeerzeugung deutlich verbessern. Das würde den Erneuerbaren insgesamt einen deutlichen Schub geben, vor allem in den Bereichen, in denen wir sie heute noch nicht wirklich nutzen, weil sie nicht konkurrenzfähig sind. Wenn ich heute zum Beispiel aus überschüssigem, erneuerbarem Strom grünes Gas machen will, habe ich relativ hohe Kosten. Weil dieses Gas mit hohen Abgaben und Steuern belegt ist. Es ist im Vergleich zu Diesel oder Erdgas teurer, weil die fossilen Brennstoffe keinen CO2-Preis zu tragen haben. Das passt nicht.
Stichwort Grünes Gas. Wie viel davon strömt denn heute schon durch die Leitungen von EWE?
Wir haben im Biogasbereich viele Anlagen in Niedersachsen, die ins Gasnetz einspeisen. Da ist aber im Moment der Ausbau schwierig, weil es eine Flächenkonkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung gibt.
Wie sieht es mit Wasserstoff oder synthetischem Gas aus, die meist mit Hilfe von Windstrom erzeugt werden?
Die Einspeisung von Wasserstoff in Leitungssysteme ist problematisch. Wasserstoff ist ein sehr kleines Molekül, es kann insbesondere an Armaturen in hohem Maße entweichen. Wenn man eine Infrastruktur nur für Wasserstoff bauen will, braucht man spezielles Material. Man kann den Wasserstoff aber auch dem Erdgas beimischen. Da stellt sich dann die Frage, wie viel kann man dazutun. Wasserstoff lässt sich auch zu synthetischem Gas weiterverarbeiten, das auch dem Erdgas beigemischt werden könnte. Aber diese Umwandlung kostet Energie. Wasserstoff in Reinform zu nutzen, ist derzeit die effizienteste Methode.
Wo ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Wasserstoff lässt sich sehr gut nutzen in Fahrzeugen mit Brennstoffzellen. Im Individualverkehr sehen wir jetzt zwar die Elektroautos kommen. Für einen E-Lkw aber braucht man zu schwere Batterien. Bei Lkw, Bussen und, Zügen ist die Brennstoffzellen-Technologie mit Wasserstoff sehr sinnvoll. Auch in der Industrie lässt er sich gut einsetzen. Heute ist das aber noch ein Kostenthema. Wenn es einen fairen Preis für Kohlendioxid gibt, dann wird Wasserstoff interessant.
EWE baut derzeit in Niedersachsen große Energie-Speicherlösungen mit Wasserstoff als Pilotprojekte. Ist ähnliches in Brandenburg geplant?
Wir wollen uns jetzt nicht verzetteln. Aber wenn diese Großspeicher einen bestimmten Entwicklungsstand erreicht haben, könnte man schauen, ob sich in Brandenburg Ansatzpunkte und Partner finden lassen. In der Lausitz zum Beispiel. Brandenburg hat große Überschüsse an erneuerbaren Energien, da können solche Speicher durchaus interessant sein.
EWE betreibt auch große Erdgasspeicher. Was geschieht damit?
Der Bedarf an reiner Erdgasspeicherung geht zurück. Ich denke, die Gasleitung Nord Stream 2 wird zu Ende gebaut werden. Es werden auch neue Hafenterminals für die Lieferung von Flüssiggas entstehen. Wir überlegen, ob wir die Kavernen als Speicher für Wasserstoff oder synthetisches Gas nutzen können. Wir brauchen in Deutschland Langfrist-Speicher für sauberes Gas. Das wollen wir in den Gasspeichern erproben.
Wie wird der Erdgasspeicher, den EWE in Rüdersdorf betreibt, gegenwärtig genutzt?
Der Erdgasspeicher ist nach wie vor in Betrieb für die sichere Erdgasversorgung der Brandenburger.
Es gibt in Brandenburg die Idee in der Politik, den erneuerbaren Strom viel stärker regional zu verbrauchen statt vorrangig auf den Abtransport über die großen Fernleitungen zu setzen. Was halten Sie davon?
Ich finde den Grundgedanken gut, eine maximale regionale Nutzung hinzubekommen. Aber das wird nicht den Ausbau der Netze ersetzen. Energie ausschließlich regional zu erzeugen und zu nutzen, das wäre extrem teuer und ineffizient. Eine Steigerung der regionalen Nutzung und der Ausbau der Netze müssen Hand in Hand gehen. Wir betreiben derzeit dazu ein Projekt in Niedersachsen. Dort entsteht ein Verteilnetz in einer Modellregion, und wir haben dort einen regionalen Flexibilitätsmarkt aufgelegt.
Was heißt das?
Wir suchen als Netzbetreiber lokal Verbraucher, Kunden. Das können Industriebetriebe sein oder Energieerzeuger, die ihr Verhalten flexibel anpassen können. Das heißt, sie nehmen bei zu viel Energie im Gesamtnetz mehr davon ab oder speisen weniger ein. Das bekommen sie entsprechend honoriert. Mit einer Erhöhung des lokalen Verbrauchs könnte man kurzfristig auch Zeit gewinnen für den Netzausbau. Aber wir brauchen auch die neuen langen Leitungen für den Abtransport von Energie. Nötig ist der Mix aus beiden.
Wo steht EWE in der Region Brandenburg/Rügen in fünf Jahren?
Ich würde mir wünschen, dass wir im Bereich erneuerbarer Energien stärker aktiv sind, dass wir den Windenergieausbau weiter voranbringen. Wir wollen im Dienstleistungsgeschäft weiter wachsen und in den Ballungsräumen um Berlin mit unserer Tochter TELTA Citynetz die Telekommunikation ausbauen. Letzteres werden wir auf dem Land allerdings nicht leisten können. Dort sind andere bereits deutlich weiter als wir.
Die Idee, Windenergie auszubauen wird nicht alle Brandenburger begeistern. Was sagen Sie denen?
Da muss man echte Teilhabe organisieren.
Wie sieht die aus?
Wir haben unsere Windparks in Niedersachsen in der Regel zusammen mit den Kommunen entwickelt. Wir öffnen uns für Beteiligungen von Kommunen oder Bürgern. Wenn schon keine Wertschöpfung in der Region bleibt, dann muss es eine finanzielle Beteiligung geben. Das ist nur fair.
Zur Person
Stefan Dohler, Jahrgang 1966, steht seit 2018 an der Spitze der EWE AG. Er ist Seemann und hat Luft- und Raumfahrttechnik und Management studiert. 1998 begann Dohler beim Hamburger Energieversorger HEW, einem der Vorgängerunternehmen von Vattenfall und hatte danach zahlreiche Führungspositionen inne.⇥red