"Bei uns kaufen vor allem Touristen und die bleiben hier in der Gegend aus. Die Miete können wir derzeit nur zahlen, weil wir privat in Vorlage gehen", sagt Liane Hemmerling, eine von fünf Ehrenamtlichen, die den Laden betreiben. Sie haben sich gleich am Anfang der Krise um die vorübergehende Übernahme der Mietkosten durch das Land Brandenburg bemüht – bis heute warten sie auf eine Entscheidung auf ihren Antrag. "Derzeit denken wir nur von Tag zu Tag. Der Vermieter war nicht zu einer Reduzierung der Miete bereit. Wir müssen mehr verkaufen, sonst droht das Aus", sagt Hemmerling.
Kürzere Öffnungszeiten
Auch die Weltläden in Frankfurt (Oder), Bernau, Wandlitz, Eberswalde, Oranienburg, Templin, Cottbus und Schorfheide, die fast alle im März und April für mehrere Wochen komplett geschlossen waren, sind inzwischen wieder geöffnet. Der Weltladen Bahnhof Wandlitzsee und weitere Weltläden bieten seit der Schließung einen Lieferservice an. "Ich kenne in Brandenburg keine anderen Läden mit ähnlichen Problemen wie in Storkow. Viele haben eine günstige Miete oder zahlen nichts für die Räume, die oft von Kirchen zur Verfügung gestellt werden", sagt Weltladen-Beraterin Nicole Saile und fügt hinzu: "Die meisten Ehrenamtlichen sind Rentner. Weil viele von ihnen wegen Angst vor dem Virus zu Hause bleiben, gibt es teilweise kürzere Öffnungszeiten." Insgesamt gebe es derzeit vielerorts weniger Kunden, vor allem schönes Kunsthandwerk werde deutlich seltener gekauft. Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auch auf die Bildungsarbeit der Weltläden-Vereine – Projekte mit Schulgruppen finden laut Saile derzeit kaum statt.
"Die Umsätze der deutschen Weltläden sind in der zweiten Märzhälfte um mehr als 75 Prozent gegenüber der ersten Märzhälfte gesunken", sagt Steffen Weber, Geschäftsführer des Weltladen-Dachverbandes mit Sitz in Mainz. Dies hat Auswirkungen auf viele der 82 deutschen Weltläden-Lieferanten. Nach einer aktuellen Umfrage des Weltladen-Dachverbandes sprechen 24 Prozent davon, dass sie ums Überleben kämpfen, 2,5 Prozent stehen kurz vor dem Aus. Zwei Drittel haben für ihre Mitarbeiter Kurzarbeitergeld beantragt, 15 Prozent Beschäftigte entlassen.
Von Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld können die Hersteller von fair gehandelten Produkten nur träumen – sie trifft die Corona-Krise am härtesten. Die Handelsorganisation El Puente aus dem niedersächsischen Nordstemmen berichtet über die wirtschaftliche Lage ihrer Partner in den Entwicklungsländern. Gospel House aus Sri Lanka vertreibt Holzspielzeug von 30 Handwerkern. Erst seit Kurzem ist die Produktion wieder erlaubt. Wegen fehlender Rohstoffe kann nur eingeschränkt gefertigt werden. Die Nicht-Regierungsorganisation New Sadle aus Nepal vermarktet Filz- und Baumwollprodukte, die 100 Kunsthandwerker mit Lepraerkrankung herstellen. Seit vier Wochen sind wegen Corona alle Produzenten zu Hause, in den vergangenen zwei Monaten konnte New Sadle seine Mitarbeiter nicht bezahlen. "Hinzu kommt, dass in vielen Regionen die Transportwege zusammengebrochen sind. Es wird Probleme beim Nachschub für die Weltläden geben", sagt Weber.
900 Weltläden in Deutschland erzielten 2018 einen Umsatz von 78 Millionen Euro. Der Gesamtumsatz mit fair gehandelten Produkten lag im selben Zeitraum in Deutschland bei 1,7 Milliarden Euro – Discounter und Supermärkte bieten unter anderem fair gehandelten Kaffee, Tee, Bananen und Süßwaren an. Sind angesichts dieser Zahlen Weltläden nicht verzichtbar? Weber: "Gerade kleinere Produzenten haben nur dort eine Chance. Außerdem engagieren sich Menschen in den Weltläden dafür, das Wirtschaftssystem gerechter zu machen. Daran haben die großen Lebensmittelhändler kein Interesse."

Aktion Fairsorgung hilft beiden Seiten

Mit der Aktion Fairsorgung bietet der Weltladen-Dachverband (www.weltladen.de) an, Waren online direkt bei Lieferanten zu bestellen und mit einem Teil des Erlöses einen Weltladen nach Wahl zu unterstützen. Außerdem sammelt der Verband Unterschriften für ein Lieferkettengesetz, mit dem deutsche Hersteller verpflichtet werden sollen, weltweit bei der Produktion Umweltstandards und Menschenrechte einzuhalten. jog