Ferienende
: Für Gewerkschaft wird Schuljahr in Brandenburg eine Blackbox

Wie viele Lehrer stehen zur Verfügung? Wie geht man mit Erkältungen um und wie mit einem abgespeckten Lehrplan?
Von
Ulrich Thiessen
Potsdam
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Vorbereitung auf den Schulstart: Holger Wilke, Hausmeister eines Rostocker Gymnasiums, befestigt auf einer Tafel im Hof Corona-Hinweise "AHA – Abstand Hygiene Alltagsmaske" und "Bitte rechts gehen!". Mecklenburg-Vorpommern nimmt heute den landesweiten Regelbetrieb an den Schulen auf. Brandenburg startet damit am 10. August. Hier sind noch viele Fragen offen.

Bernd Wüstneck

Vor allem sei unklar, wie viele Lehrer in der Vorbereitungswoche unmittelbar vor Schuljahresbeginn ein Attest vom Arzt vorlegen werden, wonach sie zur Corona-Risikogruppe gehören und nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung stehen. Fuchs geht von zehn bis 20 Prozent der Lehrkräfte aus, die fehlen könnten.

Irene Petrovic-Wettstaedt, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen in Brandenburg und Leiterin des Schulcampus Leonardo da Vinci in Nauen geht davon aus, dass alle Lehrer in ihrer Schule vor den Klassen stehen können. Zurzeit arbeitet sie an drei Konzepten für den Unterricht 2020/21. Das erste sieht vor, dass der Regelunterricht stattfinden kann, das zweite geht von der Wiedereinführung der Abstandsregeln und der Halbierung der Schüler im Präsenzunterricht aus und das dritte würde komplettes Homeschooling bedeuten.

Zum Thema:Vorbereitung für Schulstart in Brandenburg - Verbände sehen Probleme

Die GEW lobt, dass seitens des Bildungsministeriums bereits im Frühsommer bürokratische Entlastungen für den Lehrbetrieb angekündigt wurden: weniger Berichtspflicht, Abstriche bei den Vergleichsarbeiten. Am vergangenen Freitag reagierte das Ministerium in einem Schrieben an die Schulen und Schulträger auch auf die Forderung nach einem Kern-Kurikulum.

Das Ministerium empfiehlt eine Reihe von Abstrichen beim hergebrachten Unterrichtsstoff, um so auf  erneute Einschränkungen des Schulbetriebes reagieren und Wissenslücken aus der Zeit des Heimunterrichts schließen zu können. So sollen im Fach Deutsch statt zwei ganzen Schriften nur noch eine gelesen werden. In Mathematik wird den Schulen empfohlen, die Übungsphasen in die Heimarbeit der Schüler zu verlegen. Für einige Fächer enthält das Schreiben regelrechte Negativlisten mit Themen auf die gegebenenfalls verzichtet werden kann.

Thema Geburt wird gestrichen

Für Biologie in den Klassen 7 und 8 betrifft dies den Bereich Ernährung und Verdauung. Dort könnte auf die Bedeutung von Nähr- und Zusatzstoffen für Menschen sowie auf Bau und Funktion der Verdauungsorgange verzichtet werden. Beim Thema Liebe und Partnerschaft im Rahmen des Biologieunterrichtes wird auf Vorkenntnisse aus der Grundschule verwiesen und deshalb auf die Entwicklung von Embryos  sowie die Behandlung von Schwangerschaft und Geburt verzichtet. Tierbeobachtungen und Geländepraktika könnten ebenfalls entfallen. In den Klassen 9 und 10 können im kommenden Jahr die Themen Infektionskrankheiten oder die Mikroskopie von Nervenzellen weggelassen werden. Im Chemieunterricht der 9. Und 10. Klassen steht die Struktur von Estern und das Thema Fettsäuren und deren Salze auf der Streichliste.

Das Bildungsministerium fordert die Schulen zudem auf, bis zum 11. September zu erfassen, ob die Bildungsziele angesichts des Unterrichtsausfalls des abgelaufenen Schuljahres in Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften, Musik und Sport zu erreichen sein werden. Falls nicht, empfiehlt das Ministerium die Ausweitung der Wochenstunden oder die Einstellung zusätzlicher Lehrkräfte. Woher diese kommen sollen, spielt in dem Schreiben keine Rolle.

Festgehalten werden soll an zentralen Prüfungen. Allerdings kündigt das Ministerium an, dass die Bewertungsschlüssel angepasst werden und mit einer niedrigeren Gesamtpunktzahl gearbeitet wird. Damit soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass weniger geübt werden konnte.  Die Linke fordert dagegen für die zehnte Klasse auf die zentralen Prüfungen zu verzichten und den Schulen die Verantwortung zu übertragen.

Die Gewerkschaft hat noch ein anderes Problem im Auge: Die herbstliche Erkältungssaison. Theoretisch sollen Lehrer und Schüler bei jedem Anzeichen einer Erkrankung ein Attest vorlegen, dass es sich nicht um Covid-19 handelt. Darauf seien die Gesundheitsämter und Ärzte gar nicht vorbereitet, befürchtet Fuchs.

Übersicht über die ausgesetzten Themen zum Schulstart

Der Kommentar zum neuen Schuljahr mit Corona.

Was wird aus Chorgesang und Bläserklassen?

Der Hygieneplan Schule sieht vor, dass in den Bildungseinrichtungen nicht gemeinsam gesungen werden soll und Blasinstrumente nicht zum Einsatz kommen dürfen. Der Verband der Musik- und Kunstschulen verweist allerdings darauf, dass Chorgesang und Bläsergruppen vor den Ferien mit den entsprechenden Abstandregeln beispielsweise im Freien oder in Turnhallen noch möglich waren und hofft auf eine Klarstellung des Bildungsministeriums. Immerhin ist der Verband an 92 Schulen unterwegs und betreut 225 Klassen im Rahmen des Programms "Klasse: Musik für Brandenburg".  ⇥thi