Flohmarkt und Vintage-Möbel
: 500 Händler beim Riesenflohmarkt in Berlin-Karlshorst

Auch die Trödel-Branche leidet an der Rezession. Doch der Riesenflohmarkt bleibt auch nach dem Umzug nach Karlshorst eine Erfolgsgeschichte. Besonders jüngere Menschen wissen Altes immer mehr zu schätzen.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Der Riesenflohmarkt zum Einheitsfest findet vom 1. bis 3. Oktober 2023 auf dem weitläufigen Gelände der Trabrennbahn in Berlin-Karlshorst statt.

    Der Riesenflohmarkt zum Einheitsfest findet vom 1. bis 3. Oktober 2023 auf dem weitläufigen Gelände der Trabrennbahn in Berlin-Karlshorst statt.

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  • Bei der Designbörse und Vintagemöbelmesse in Berlin kann man seltene Sammlerstücke ergattern.

    Bei der Designbörse und Vintagemöbelmesse in Berlin kann man seltene Sammlerstücke ergattern.

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Die ersten Vintage-Möbel ziehen schon vor der Tür die Blicke auf sich. Wer in das langgezogene Ladengeschäft in Moabit tritt, läuft schnell Spalier zwischen Tischen, Kommoden und Sesseln aus altem Teakholz. Um sie wieder aufzupeppen, schneidet eine Mitarbeiterin in der Polsterei neue Bezüge zurecht, in der Werkstatt werden Lehnen und Beine aufgearbeitet. „Nach der fachgerechten Behandlung haben die Möbel weder Macken noch Gebrauchsspuren“, sagt Tobias Becker, Gründer von Furniture Garden.

Das junge Berliner Unternehmen hat sich auf den An- und Verkauf sowie die Aufarbeitung von Möbeln bekannter skandinavischer Designer aus den 1950er- bis 1970er-Jahren spezialisiert. Ein Essstuhl von Nils Möller, dessen originale Kordel-Sitzfläche neu geflochten wurde, kostet knapp 500 Euro, für einen „Cigar Chair“ vom weltberühmten dänischen Architekten Hans J. Wegner müssen Kunden schon bis zu 3500 Euro berappen. Viele der Möbel, die derzeit im Laden und im Keller lagern, hat Becker schon vor ihrer Aufarbeitung verkauft.

Möbel mit Geschichte

„Gerade meine Generation legt immer mehr Wert darauf, nicht den furnierten Schrank bei Ikea zu kaufen, der dann nach dem dritten Aufbau zusammenfällt“, sagt der 32-Jährige. „Selbst mancher Student wählt heute lieber ein Stück, das Geschichte hat, aus gutem Holz ist und ein Leben lang hält“, so Becker.

Die Kordel-Sitzfläche von dem Stuhl des dänischen Designers Nils Möller wurde im Ladengeschäft von "Furniture Garden" mit angeschlossener Werkstatt in Berlin-Moabit neu geflochten.

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Doch sein aufstrebendes Unternehmen scheint eher die Ausnahme zu sein, wenn man sich die Lage der herkömmlichen Antiquitäten- und Trödelgeschäfte in Berlin genauer anschaut. Viele der kleineren Läden sind in den vergangenen Jahren aus dem Stadtbild verschwunden.

„Durch die Krisen wie Corona, Krieg und steigender Energie-Kosten sind gerade im vergangenen Jahr die Umsätze noch einmal drastisch eingebrochen“, sagt Regina Pröhm, die unter anderem den Riesenflohmarkt auf der Trabrennbahn Karlshorst organisiert.

Auch wenn sie für den Einheitsmarkt vom 1. bis 3. Oktober 2023 wieder mehr als 500 Händler auf die Pferdesportanlage holen konnte, macht sie sich Sorgen um die Branche. Viele Trödler in Berlin könnten ihre Läden nur noch an wenigen Tagen in der Woche öffnen. „Andere mussten ganz aufgeben und arbeiten teilweise wieder in ihrem alten Beruf“, berichtet Pröhm. Grund seien unter anderem gestiegene Spritkosten, denn die meisten Händler seien drauf angewiesen, ihre Ware zu verschiedensten Märkten mit dem Kraftfahrzeug zu transportieren.

Trödel-Händler mit langer Erfahrung

„Leider sind es häufig die Einzelkämpfer, die ihr Geschäft aus Leidenschaft und Überzeugung führen, die es in der Krise zuerst trifft“, bedauert Pröhm, die seit 30 Jahren in Berlin Trödel- und Designmärkte organisiert. „Mit jedem Händler, der aufgibt, gehen auch Experten verloren, die häufig jahrzehntelang Wissen angehäuft und Erfahrung darin haben, zu erkennen, was einen Wert hat“, erklärt die 60-Jährige. „Wenn man bei der Wohnungsauflösung nur noch ein Räumungsunternehmen bestellt, landet alles einfach im Müllcontainer.“ Besser wäre es, wenn ein Händler vorher alles begutachten würde, was Laien vielleicht für wertlos erachteten, findet Pröhm.

Ein Teil der Schätze, die die Trödler so noch manchmal heben können, wird dann unter anderem an den Ständen in Karlshorst angeboten. Der Einheitsmarkt, der bis 2019 jährlich am Berliner Ostbahnhof stattfand, war nach der Wende der erste professionelle Antikmarkt, der private Trödler und Künstler aus Ost und West vereinte.

Mit seinem Umzug in den Südosten Berlins hat der Riesenflohmarkt in den vergangenen Jahren eine regelrechte Metamorphose erlebt. Statt Enge und Gedränge auf zwei Hektar Asphalt gab es nun 37 Hektar weitläufige Wiesenflächen. „Genug Raum für Händler, um ihre Waren in vollem Umfang zu zeigen und Platz für Besucher, um in Ruhe zu stöbern und zu verweilen“, freut sich Veranstalterin Pröhm, die häufig daran zurückdenkt, wie sich am Ostbahnhof teilweise bis zu 100.000 Besucher durch das Gewirr aus engen Gassen zwischen Galeria Kaufhof und Metro-Parkplatz drängelten.

Von Biedermeier-Möbeln bis DDR-Glas

Doch mit dem Beginn der Sanierungsarbeiten am Bahnhofsgebäude war dann 2019 Schluss mit Friedrichshain. Seitdem flanieren die Besucher nun über das parkähnliche Areal in Lichtenberg, vorbei an antiken Stücken und Wohn- und Gartenensembles. Unter Zeltdächern häufen sich Spezialsammlungen mit Briefmarken, Werbeschildern, Spielzeug, Porzellan, Grafiken, Ansichtskarten und Schallplatten.

Dazu gibt es Einrichtungsgegenstände aus verschiedensten Epochen, von der Biedermeier- bis zur DDR-Zeit. So gab es auch schon eine komplette Kutsche aus der Jahrhundertwende zu sehen. Ein Ehepaar, das jährlich aus der Lausitz anreist, hat sich dagegen auf DDR-Glasgeschirr spezialisiert, dessen Design sich am Stil des einstigen Bauhaus-Absolventen Wilhelm Wagenfeld orientierte. „Es ist inzwischen so rar und fast schon museal, dass die beiden es auch auf Messen in England und Belgien verkaufen“, berichtet Pröhm.

Die Designbörse und Vintagemöbelmesse 2023 findet parallel zum Riesenflohmarkt in der Tribünenhalle der Trabrennbahn Berlin-Karlshorst statt und kostet 5 Euro Eintritt.

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Viele der Händler, die aus ganz Deutschland und dem angrenzenden Ausland mit Lkw und Wohnmobilen nach Berlin-Karlshorst reisen, campieren vor Ort – auch um ihre kostbare Ware über Nacht nicht alleine zu lassen. So wird die Trabrennbahn während des mehrtägigen Einheitsfestes zu einer Art Woodstock für Trödler und Nostalgiker. „Kein Wunder, dass sich die chillige und entspannte Stimmung auch auf die Besucher des Marktes überträgt“, findet Pröhm, die Gästen empfiehlt, mindestens drei bis fünf Stunden oder besser gleich den ganzen Tag für einen Marktrundgang einzuplanen.

Stärken können sich Besucher an 25 internationalen Streetfood-Ständen. Oder sie kehren in den Biergarten ein, wo im Schatten der Bäume und umgeben von dem vibrierenden Flair des Marktes meist ein bisschen Oktoberfeststimmung herrscht.

Besucher ruhen sich nach dem Trödel-Rundgang auf dem Riesenflohmarkt in Berlin-Karlshorst im Biergarten aus.

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Viele der Designer-Stücke sowie Upcyling-Kreationen werden auch wetterfest auf der zeitgleich stattfindenden Designbörse und Vintagemöbelmesse in der Tribünenhalle ausgestellt. Dort wird auch Tobias Becker einige seiner besonderen Stücke zeigen.

Bevor er selbst zum Händler und Restaurator wurde, stöberte der gelernte Eventmanager selbst gerne privat über Trödelmärkte und Messen. „Ich unterhielt mich mit den Leuten und wollte mehr über die Designer, ihre Techniken und die Aufarbeitung erfahren“, erzählt der gebürtige Hesse, der seit elf Jahren in Prenzlauer Berg lebt. Als er sich dann vor 2018 mit einem Partner selbständig machte, kaufte er für die Aufpolsterung seiner ersten Trödel-Errungenschaften anfangs eher günstige Stoffe. „Ich dachte, wer zahlt noch einmal 1000 Euro nur für den neuen Überzug?“

500 Vintage-Möbel aus den 50er- bis 70er-Jahren

Doch die Kunden belehrten ihn eines Besseren. Heute kauft er die Stoffe hauptsächlich vom schwedischen Hersteller Svensson, dessen Textilen als edel, aber auch umweltfreundlich und klimaschonend gelten. „Sie mischen Naturfasern mit Baumwolle, was den Stoff besonders langlebig macht“, erklärt Becker. Denn viele der Kunden bringen eigene Raritäten mit, die dann individuell nach ihren Wünschen gepolstert werden. Statt der altbackenen „Salz und Pfeffer“-Farben sei gerade bei den jüngeren Kunden derzeit saftiges Grün oder Dunkelblau besonders beliebt, berichtet der Jungunternehmer.

Die rund 500 Vintage-Möbel aus der Jahrhundertmitte, die Furniture Garden inzwischen in seinem Bestand hat, hat Becker größtenteils selbst mit dem Sprinter von Händlern aus ganz Deutschland abgeholt. „Wir haben inzwischen ein Netzwerk von Leuten, die genau wissen, was wir suchen.“

Weil viele der Möbel der Stilrichtung Danish Design aus den 50er- und 60er-Jahren nur stark limitiert hergestellt wurden und zertifiziert beziehungsweise gelabelt sind, steigt oftmals der Wert. „Ich habe Stücke, die ich vor ein paar Jahren für 300 Euro gekauft habe, die heute für 3000 gehandelt werden“, so Becker.

Tobias Becker in seiner Firma Furniture Garden an der Straße Alt-Moabit 19. In der hauseigenen Werkstatt und Polsterei werden skandinavische Designer-Möbelstücke durch fachgerechte Aufarbeitung zu neuem Leben erweckt.

Maria Neuendorff

Anfangs polsterte er seine Möbel noch selbst auf. Inzwischen hat er ein eigenes Team dafür. Im November will er einen dritten Laden in Kreuzberg eröffnen. Dass auch das Start Up Furniture Garden, das immer auch gut online unterwegs war, wieder mehr auf Präsenz setzt, hat ebenfalls mit dem veränderten Kaufverhalten zu tun.

„Die Kunden sind zögerlicher geworden“, hat Becker festgestellt. „Viele wollen ihr favorisiertes Möbelstück lieber noch einmal live anschauen, anfassen und probesitzen“, berichtet der Vintage-Experte. Das sei ja auch verständlich, wenn man 2000 bis 3000 Euro ausgibt. Doch letztendlich sei es eine Investition in eine Wertanlage. „Und zugleich gut für die Umwelt.“

Zeiten und Preise

Der Riesenflohmarkt findet vom 1. bis 3. Oktober 2023 jeweils von 9 bis 17 Uhr auf dem Gelände des Pferdesportparks Karlshorst, an der Treskowallee 159 statt. Der Eintritt ist frei.

Die zur gleichen Zeit stattfindende Designbörse und Vintagemöbelmesse in der Tribünenhalle kostet pro Tag 5 Euro Eintritt, oder einmalig 10 Euro für alle drei Tage. Am Freitag, 29. Oktober, gibt es von 17 bis 21 Uhr noch eine Preview. Wer den Eintritt von 10 Euro zahlt, kommt alle vier Tage hinein.

Die Trabrennbahn ist mit der S-Bahnlinie 3 sowie mit den Tramlinien M17, 21, 27 und den Bussen 296, 396 zu erreichen. Wer mit der S-Bahn kommt, steigt am S-Bhf. Karlshorst aus und steht nach 100 Metern vor dem Eingangsportal der Trabrennbahn, wo die ersten Stände die Besucher empfangen.

Dazu werden Besucherparkplätze für 5 Euro pro Tag rund um das große Oval der Rennbahn bereitgehalten. Wer ein Parkticket bucht, bekommt eine Freikarte für die Designbörse. Die Zufahrt erfolgt über Einfahrt 1. Auch Behindertenparkplätze stehen zur Verfügung.