Forscher: „Technisch sind Drohnen sehr weit“

Prof. Uwe Meinberg leitet den Lehrstuhl Industrielle Informationstechnik an der BTU Cottbus-Senftenberg und ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Curpas.
CurpasProf. Uwe Meinberg, 400 000 Drohnen soll es bereits in Deutschland geben. Was halten Sie von dieser Zahl?
Wie viele es genau sind, weiß niemand. Es gibt Schätzungen, die von 400 000 ausgehen, andere nehmen 600 000 bis 700 000 an. Das unterscheidet sich je nach Quelle.
Eine andere Zahl sagt, dass nur rund 20 000 davon gewerblich genutzt werden. Sind Drohnen heute vor allem ein schönes Hightech-Spielzeug für Hobbyfilmer?
Es werden tatsächlich viele Drohnen zu Sportzwecken und in der Freizeit genutzt. Auch über die Fluggeräte für professionelle Einsätze fehlen exakte Angaben. 20 000 halte ich aber für eine realistische Schätzung.
Ein Einsatzfeld für die Mini-Flieger sind Waldbrände. Was können sie da leisten?
Sie werden vor allem eingesetzt, um sich eine Übersicht zu verschaffen. Die Lage lässt sich aus der Luft um ein Vielfach besseres einschätzen, als vom Boden aus. Und das mit einem Fluggerät, das relativ preisgünstig ist. Die Drohnen liefern Aufnahmen bei Tageslicht, können Videos im Einsatz per Funk übertragen. Sie haben auch Thermalkameras an Bord mit denen sich Glutnester im Boden, unter der Oberfläche, entdecken lassen. Das könnte man sonst so einfach nicht erkennen.
Wie verbreitet ist der Einsatz von Drohnen in Katastrophenfällen?
Die Technik steht am Anfang. Es gibt noch keine Standards, keine Richtlinien, an denen sich die Feuerwehren orientieren können. Der Markt bietet viele Systeme. Man kann mit einer Drohne für 2000 Euro schon ganz gute Aufnahmen machen, aber auch 40 000 Euro dafür ausgeben. Wir haben als Netzwerk Curpas eine Vereinbarung mit dem Landkreis Dahme-Spreewald und unterstützen bei der Auswahl geeigneter Modelle. Wir unterstützen die Wehren auch dabei, die Geräte in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren, dazu haben wir gerade zwei grenzüberschreitende Projekte mit den Feuerwehren aus Cottbus und aus Zielona Góra abgeschlossen.
Wie weit ist die Technik. Was muss da noch besser werden?
Technisch sind die Drohnen schon sehr weit. Woran es hapert, das ist ihre Bedienung. Das muss nach wie vor aufwendig trainiert werden. Gerade bei einem Brand ist es nicht einfach, eine Drohne zu steuern. Die Feuerwehrleute stehen unter Stress. Starke Windströmungen, verursacht durch das Feuer, können den Flug stören. Wir forschen an der BTU Cottbus-Senftenberg daran, dass die Steuerung von Drohnen intuitiver wird.
Wie lassen sie sich intuitiver steuern?
Über Sprachkommandos oder Gesten beispielsweise. Wir verbinden Drohnen auch mit intelligenten Brillen. Der Feuerwehrmann bekommt in einem Feld seiner Brille ein Video eingeblendet und sieht das Umfeld, in dem die Drohne fliegt. Er kann dann zum Beispiel dort hin zeigen, wo die Drohne hinfliegen soll und sie auf diese Art lenken.
Waldbrände sind ein professionelles Einsatzfeld. Welche anderen spielen darüber hinaus eine Rolle?
Weit verbreitet sind Drohnen bei Filmaufnahmen, im Fernsehen, im Marketing. Auch in der Land-und Forstwirtschaft wird schon viel damit gemacht. Was jetzt Schritt für Schritt interessant wird, das sind Inspektionen. Dachinspektionen oder die Kontrolle von Leitungen, Strommasten beispielsweise. Ein großes Thema ist auch die Überwachung von Brücken, um Rissbildung zu erkennen. Dazu müssen Drohnen aber automatisiert fliegen und sehr exakt steuern und genau messen können. Dabei werden wir es künftig vermehrt mit Drohnen mit künstlicher Intelligenz zu tun bekommen. Letztlich geht es darum, dass Drohnen zu einem Werkzeug werden, das sich einfach einsetzen lässt.
Einfach und sicher. Die EU-Flugsicherheitsagentur EASA hat am 11. Juni neue, europaweite Regeln für unbemannte Fluggeräte veröffentlicht. Im nächsten Jahr sollen sie in Deutschland in nationales Recht übertragen werden. Worauf müssen sich die Hobbypiloten einrichten?
Drohnen sind ein spannendes Spielzeug, so lange sich alle an die Regeln halten. Aber wir hatten im vergangenen Jahr rund 160 Vorfälle mit Drohnen an Flughäfen und keiner davon konnte aufgeklärt werden. Ich gehe davon aus, dass die Auflagen verschärft werden, wo Fluggeräte fliegen dürfen. Denn wir werden künftig mehr Drohnen in der Luft haben, auch solche, die voll automatisiert fliegen. Wir brauchen ein Management wie wir es heute in der Luftfahrt haben, wo beispielsweise bestimmte Routen zugewiesen werden.
Wo steht die deutsche Wirtschaft bei der Entwicklung dieser Technologie im internationalen Vergleich?
Weit hinten. Drohnen werden heute meist in China gebaut. Deutschland hat die Entwicklung von Drohnen für Massenmärkte versäumt. Wir haben es hierzulande eher mit hochspezialisierten Nischenprodukten zu tun.
Lässt sich damit Geld verdienen?
Mit der Drohne wird kein Geld verdient. Sondern mit den Dienstleistungen. Der Netzbetreiber, der seine Leitungen kontrollieren lässt, ist an hochwertigen Daten über ihren Zustand interessiert. Unternehmen wollen dafür nicht eigene Spezialisten einstellen. Sie wollen den Service kaufen.
Welche Chance geben Sie denn der Postdrohne, die Unternehmen immer mal wieder werbewirksam aufsteigen lassen. Liefert sie uns demnächst tatsächlich die Pakete?
In Deutschland eher nicht. Es gibt Projekte, wo Drohnen Blutkonserven oder Gewebeproben liefern. Oder eilige Ersatzteile. Das wird schon gemacht, das wird auch gebraucht. Aber wo sollten Postdrohnen in zwölfstöckigen Hochhäusern Pakete absetzen? Dass sie flächendeckend Pizza ausliefern, das sehe ich nicht.
Neue Regeln der EU für Drohnenflieger
Die Zahl der Drohnen nimmt zu und auch die der gefährlichen Zwischenfälle mit diesen Geräten an Flughäfen beispielsweise. Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) in Köln hat im Juni neue europaweite Regelungen veröffentlicht, die bis Juni 2020 in nationales Recht übergeführt werden müssen. Ziel ist es, die Bestimmungen europaweit zu vereinheitlichen. Eine Drohne soll der Mitteilung der EASA zufolge identifizierbar sein, "damit die Behörden eine einzelne Drohne nachverfolgen können, wenn dies nötig ist". In Deutschland gilt bereits seit 2017 eine Kennzeichnungspflicht für Drohnen ab 250 Gramm. Sie müssen mit Plaketten oder Aluminiumaufklebern versehen sein, aus denen Name und Anschrift des Besitzers hervorgeht.⇥red