Georgine: Mordprozess ohne Leiche

Nach 13 Jahren vor Gericht: Dem Angeklagten Ali K. wird zur Last gelegt, die damals 14-jährige Georgine Krüger vergewaltigt und erwürgt zu haben. Ihre Leiche wurde nie gefunden.
Paul Zinken/dpaEs waren nur 200 Meter, die Georgine Krüger täglich von der Bushaltestelle in ihre Wohnung in Berlin-Moabit lief. Doch am 25. September 2006 kam die 14-jährige Schülerin nicht zu Hause an. 13 Jahre später sitzt nun ihr mutmaßlicher Mörder auf der Anlagebank des Berliner Landgerichts. Ali K. , ein schmächtiger, unscheinbarer Mann in kariertem Hemd, soll laut Staatsanwaltschaft das Mädchen auf dem Heimweg von der Schule in seinen Keller gelockt, mit einer Metallstange bewusstlos geschlagen, vergewaltigt und später zur Vertuschung seiner Tat erwürgt haben.
„Wir haben zwar keine Leiche, aber wir haben Angaben des Angeklagten, die er den verdeckten Ermittlern gestanden haben soll“, sagt Staatsanwältin Ilka von Koppenfels. Die Aussagen des V-Mannes deckten sich zudem mit der Überprüfung von Ali K.s Telefon. „Sein Handy befand sich zum Tatzeitpunkt in der gleichen Funkzelle wie das von Georgine Krüger“, berichtet die Juristin am Rande des Prozesses.
Das Handy wurde kurz nach Georgines Verschwinden abgeschaltet. Mehrere Dutzend Beamte durchsuchen damals ganze Häuserblocks und befragten Anwohner. Im Kiez wurden große Plakate mit dem Bild des attraktiven Mädchens aufgehängt, das gerade eine Zusage für eine kleine Rolle in einer TV-Serie bekommen hatte.
Auch ihr Nachbar Ali K. wird damals befragt und gibt an, sie nur vom Sehen zu kennen. Ins Visier der Fahnder gerät der 44-Jährige erst, nachdem er offiziell straffällig wird. 2012 wird K. vom Gericht zu einer Bewährungsstrafe wegen sexueller Nötigung verurteilt, nachdem er versucht hat, ein 17-jähriges Mädchen in seinen Keller zu zerren und zu missbrauchen. 2014 scheitert er erneut mit einem Übergriff auf eine 14-jährige Nachbarin. Einem der Kriminalbeamten, der mit Georgines Fall betraut ist und immer mal wieder die Akten sichtet, fallen 2016 die Ähnlichkeiten auf. Es folgen neue, in ihrem Umfang außergewöhnliche Ermittlungen. Ein V-Mann mit dem Decknamen „Hakan“ bezieht eine Wohnung im Kiez und freundet sich in einem Café mit dem Tatverdächtigen an. Gemeinsam mit einem weiteren verdeckten Ermittler, den er als seinen Cousin ausgibt, erschleicht er sich über Monate das Vertrauen des Angeklagten. Nach Informationen der B.Z. sollen die drei zusammen auch ein Bordell besucht haben.
Geständnis nach Sendung
Aber auch eine verdeckte Ermittlerin, die sich als "Hakans“ Partnerin ausgibt, befreundet sich mit der Frau von Ali K. Die V-Leute machen mit dem Paar Ausflüge und Spieleabende. Irgendwann soll die Frau der Beamtin anvertraut haben, dass ihr Mann minderjährige Mädchen in der Nachbarschaft beobachtet.
Zu einer Art Geständnis von Seiten des Angeklagten soll es Ende 2018 gekommen sein. In der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ wird der Fall Georgine Krüger noch einmal aufgerollt. Danach soll Ali K. einem der verdeckten Ermittler gebeichtet haben, selbst einen Menschen getötet zu haben. Auf seine zum Teil detaillierten Angaben zum Tathergang, stützt sich nun die Anklage. „Er gab auch an, die Leiche im Müll ,entsorgt’ haben“, sagt Staatsanwältin von Koppenfels.
Nach seiner Verhaftung allerdings habe Ali K., der seit Dezember 2018 in Untersuchungshaft sitzt, den Mord bei der Polizei bestritten. Am ersten Prozesstag am Mittwoch kam das Gericht gar nicht dazu, den arbeitslosen dreifachen Familienvater zu fragen, ob er sich äußern will. Gleich zu Beginn stellten seine zwei Verteidiger, die einen Freispruch anstreben, einen Unterbrechungs-Antrag.
Sie rügten, dass nach der Krankmeldung eines Schöffen die Besetzung des Gerichts erst einen Tag vor Beginn der Hauptverhandlung mitgeteilt worden sei. Laut Gesetz wird Anwälten eine Woche Zeit gewährt, die Personalien von Richtern und Schöffen zu prüfen. Eine Formalie, die bei dem überlasteten Berliner Landgericht häufig zu Verzögerungen von Prozessen führt
Mutter ist Nebenklägerin
Der Prozess soll nun am 7. August fortgesetzt werden. 25 Verhandlungstage sind angesetzt. Die Mutter von Georgine tritt als Nebenklägerin auf. Sie kam am Mittwoch aber nicht ins Gericht. Sie hoffe auf Klarheit, ließ sie über ihren Anwalt Roland Weber der Deutschen Presse-Agentur mitteilen. „Insgesamt ist das Ganze für mich sehr belastend“, ließ sie übermitteln.
Der größte Moabiter Gerichtssaal war am ersten Verhandlungstag mit zahlreichen, vor allem jungen Zuschauern, gefüllt. Mit Spannung werden unter anderem die Aussagen der V-Leute erwartet. Unklar ist, ob das Mysterium um einen anonymen Anruf aufgeklärt werden kann. Ein junger Mann mit ausländischem Akzent hatte sich Ende März 2018 beim Notruf der Polizei gemeldet und angegeben, den Mord zwar nicht begangen zu haben, aber die „exakten Koordinaten“ von Geogines „Grab“ zu kennen.
Als Fundort gab er den Brieselanger Wald hinter der Berliner Stadtgrenze an. Doch auch die Polizeisuche mit Spürhunden und Drohnen in Brandenburg blieb ohne Erfolg. Der Anrufer konnte trotz der Veröffentlichung einer Tonband-Aufnahme bis heute nicht ermittelt werden.
