Geschäftsführer des VDMA im Interview: Oliver Köhn: „Afrika ist Zukunftsmarkt“

Kommt aus Magdeburg: Oliver Köhn ist seit Jahresbeginn Geschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA Ost. Er bringt in sein neues Amt auch Erfahrungen aus der Industrie mit.
FOTOATELIER_KATRIN_WIEGANDHerr Köhn, Sie erwarten im ostdeutschen Maschinenbau 2019 leicht gesunkene Umsätze. Sind das die ersten Auswirkungen der kriselnden Autoindustrie?
Ja, das ist eine Ursache. Die Autoindustrie steckt in einem tiefgreifenden Wandel und der Maschinenbau erlebt die Auswirkungen. Die Unternehmen der Autobranche investieren enorm in neue Technik, die für die Produktion elektrischer Fahrzeuge gebraucht wird. Daher gibt es einen geringeren Bedarf an bisherigen Werkzeugmaschinen. Und Neuentwicklungen der Maschinenbauer erreichen noch nicht die gewohnten Stückzahlen. Aber wir haben zugleich ein schwieriges geopolitisches Umfeld, zum Beispiel den Handelskrieg zwischen den USA und China. Es herrscht eine große Unsicherheit in den Märkten. Auch das spüren die Maschinenbau-Unternehmen, genauso wie den zyklisch bedingten Konjunkturrückgang.
Wie steht Brandenburg im Vergleich zu den anderen ostdeutschen Ländern im Maschinenbau da?
Sachsen ist klar die Nummer eins, dann folgen Thüringen, Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Dennoch ist der Maschinenbau ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Mehr als 4000 Beschäftigte erwirtschaften einen Umsatz von etwa 600 Millionen Euro Umsatz im Jahr.
Welche Sparten sind vom Umsatzrückgang besonders betroffen?
Der Werkzeugmaschinenbau ist besonders gebeutelt. In anderen Bereichen sehen wir positive Entwicklungen – beispielsweise bei Maschinen für Holzbearbeitungen, bei Energietechnik, im Druck, in der Papiertechnik und der Automation. Da gibt es Umsatzwachstum.
Der ostdeutsche Maschinenbau hat traditionell eine starke Verbindung nach Osteuropa, nach Russland. Wie wirken sich die Handelssanktionen gegen Russland aus?
Die Mitte 2014 gegen Russland verhängten EU-Sanktionen haben sehr geschmerzt und die bereits seit 2013 schlechter werdende Auftrags- und Umsatzsituation in Russland verstärkt. Das hatte vor allem Folgen für Firmen, die einen Großteil ihres Geschäfts in Russland getätigt haben. Infolge der Sanktionen haben deutsche Maschinenhersteller in Russland deutlich Marktanteile verloren, Wettbewerber wie China haben diese teilweise übernommen. Die russische Wirtschaftspolitik mit ihren Local-Content-Forderungen (Teile der Erzeugnisse müssen in Russland hergestellt werden - d.Red) erschwert die Situation. Wir meinen, dass es Zeit ist, die Sanktionen auf den Prüfstand zu stellen. Zumal sie nicht den gewünschten Effekt gebracht haben.
Der Umsatz im Brandenburger Maschinenbau wird 2019 voraussichtlich das Niveau von 2018 erreichen. Brandenburg steht damit im Vergleich zu den anderen Ost-Ländern etwas besser da. Was ist hier besser gelaufen?
Der Anteil der Zulieferbetriebe für die Autoindustrie ist nicht so hoch wie in anderen ostdeutschen Ländern. Außerdem ist der Maschinenbau in Brandenburg weniger von Exporten abhängig. Die Exportquote liegt hier um die 45 Prozent, gesamtdeutsch beträgt sie im Maschinenbau durchschnittlich 80 Prozent. Außerdem profitiert Brandenburg von Berlin. Eines der jüngsten Beispiele ist die Ansiedlung von Tesla.
Was versprechen Sie sich für Ihre Branche von der Tesla-Fabrik?
Ich sehe sehr positiv, was da passiert. Solche Großprojekte haben eine starke Sogwirkung. Wir sehen das zum Beispiel in Thüringen, wo die chinesische Firma CATL in die Batterieproduktion investiert. Man kann erwarten, dass sich auch im Berliner Umland weitere Zulieferbetriebe ansiedeln werden.
Elektroautos brauchen keinen Anlasser, kein Einspritzsystem – kurz, viel weniger Mechanik als Verbrenner. Das ist doch ein Problem für den Maschinenbau, der dafür zuliefert. Sie aber sehen eine Chance für Ihre Branche im Elektro-Auto. Worin besteht diese?
Batterien für E-Fahrzeuge werden derzeit vor allem in Asien hergestellt. Aber im Ausland wird oft auf deutschen Maschinen produziert. In Deutschland ist die Produktion von solchen Batterien gerade im Entstehen. Das ist eine große Chance für den Maschinenbau, denn Batterien werden oft vollautomatisch hergestellt. Für die entsprechenden Anlagen hat der Maschinenbau die passenden Lösungen.
Sie sagen, dass der ostdeutsche Maschinenbau zu wenig exportiert und empfehlen Firmen, sich nach Südostasien oder Afrika zu orientieren. Welche Märkte sind dort spannend?
Spannende Märkte sind beispielsweise Vietnam mit einem Wirtschaftswachstum von reichlich sechs Prozent, Malaysia, Indien und Indoniesen, das mittlerweile zu den 20 größten Volkswirtschaften weltweit gehört. Das Bruttoinlandsprodukt ist hier so groß wie in Schweden, Norwegen und Finnland zusammen. In den Ländern wird gerade technologisch aufgerüstet, der Trend geht zur Automatisierung. Da gibt es erhebliche Chancen für ostdeutsche Unternehmen. Das sind Märkte, die die Firmen noch nicht unbedingt im Fokus haben. Sie sollten den Blick da weiter schweifen lassen.
Und wo sehen Sie Chancen für die Firmen in Afrika?
Afrika ist ein Zukunftsmarkt, den man im Auge behalten sollte. Vor allem die Regionen südlich der Sahara haben viel Potenzial. Wenn es auf den etablierten Märkten klemmt, sollten sich Firmen dahin orientieren. Wir als Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau unterstützen intensiv bei Markterschließung und Marktbearbeitung; in Brasilien, China, Indien, Japan und Russland sogar mit Büros vor Ort.
Ende des Monats machen die Briten nun ernst mit dem Brexit. Sind die Unternehmen gut vorbereitet?
Die Unternehmen hatten lange Zeit, sich darauf einzustellen. Es ist wichtig, dass jetzt Klarheit herrscht. Nun sollte es relativ schnell ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien geben. Die Unternehmen benötigen klare Regelungen für Absatz, Kundendienst und Ersatzteilgeschäft.
Was bedeutet der Braunkohleausstieg in der Lausitz für den Maschinenbau im Osten?
Der Bedarf an Fördertechnik geht zurück. Das heißt für Unternehmen, sich technologisch neu aufzustellen. Wasserstofftechnik und Energiespeicherung gehören dazu. Für uns ist es wichtig, dass die Lausitz als Energieregion erhalten bleibt und dass dort neue Perspektiven geschaffen werden. Das Geld für den Kohleausstieg muss in Forschung und Zukunftstechnologien investiert werden, am besten bundesländerübergreifend. Nicht vernachlässigen sollte man, dass die moderne deutsche Fördertechnik in anderen Ländern helfen kann, den Umweltschutz zu erhöhen.
In den neuen Ländern ist der Anteil der Ingenieure an den Belegschaften mit 34 Prozent fast doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern. Woran liegt das?
In Ostdeutschland überwiegt die kleinteilige Wirtschaft. Die Betriebe müssen jedoch genauso innovationsstark und wettbewerbsfähig sein wie große Mittelständler oder Konzerne. In den kleineren ostdeutschen Belegschaften ist daher der Anteil der Ingenieure höher, dafür werden vielfältige Verwaltungsaufgaben bei wenigen Mitarbeitern gebündelt. Das Problem, offene Stellen adäquat und zeitgerecht zu besetzen, ist jedoch unabhängig von der Himmelsrichtung. Das gilt auch für die Suche nach geeigneten Facharbeitern, Führungskräften und Auszubildenden.
Was erwarten Sie für dieses Jahr?
Der Arbeitsmarkt wird stabil bleiben. Bei den Umsätzen sehen wir für das zweite Halbjahr eine Aufhellung. Bis dahin bleibt es schwierig.
Was heißt das?
Wir rechnen für 2020 bundesweit mit einem Produktionsminus von zwei Prozent. Erfahrungsgemäß lässt sich das auf Ostdeutschland übertragen. Wir sehen das nicht als Krise an, sondern als konjunkturelle Delle, wie sie regelmäßig auftritt. Insgesamt können wir nicht klagen. Der Maschinenbau befindet sich auf hohem Niveau. Ab dem zweiten Quartal 2020 erwarten wir eine Trendwende – vorausgesetzt, die geopolitischen Krisen spitzen sich nicht zu. Wir gehen unter anderem davon aus, dass die Transformation im Automobilbereich hin zur Elektromobilität neue Impulse setzt.
Zur Person
Oliver Köhn ist Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA Landesverband Ost. Dazu gehören 476 Firmen mit mehr als 50 Beschäftigten. Der neue Geschäftsführer kommt aus Magdeburg und hat an der dortigen Otto-von-Guericke-Universität sowie in Glasgow und Lüttich studiert. Der 48-jährige Diplom-Kaufmann hat in der Industrie und Unternehmensberatung gearbeitet, unter anderem auch im Ausland. Zuletzt war er für die Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt tätig. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.⇥ima