Geschichte
: Der Mythos vom guten ersten Stadtkommandanten in Berlin nach dem Krieg

Vor 75 Jahren starb der sowjetische Generaloberst Nikolaj Bersarin bei einem Motorradunfall.
Von
Dietrich Schröder
Berlin
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Nachfahrin:  Die Enkeltochter Bersarins, Alexandra Lazuk, besuchte 2004 Berlin.

Wolfgang Kumm

Mit diesem Stoßseufzer soll Nikolaj Bersarin einem Vertrauten offenbart haben, was er empfand, nachdem er am 28. April 1945 von seinem Befehlshaber Marschall Schukow zum Stadtkommandanten des eroberten Berlins ernannt worden war. Dies war ein riesengroßer Zwiespalt für den 40-Jährigen, der erlebt hatte, mit welcher Brutalität die deutschen Angreifer seit 1941 gegen die sowjetische Bevölkerung vorgegangen waren. Allein in seiner Heimatstadt Leningrad, die fast zweieinhalb Jahre unter der Blockade litt, waren Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder verhungert. Und nun sollte ausgerechnet er, der Sohn eines Schlossers und einer Näherin, der sich 1917 als Vierzehnjähriger der Roten Arbeiter- und Bauernarmee angeschlossen hatte, die Geschicke jener Stadt leiten, in der die Vernichtungspläne gegen sein Volk geschmiedet worden waren?

Zwar hatte Bersarin in seinem Leben schon einiges durchgemacht. Die Kämpfe gegen die „Konterrevolutionäre“ in Petrograd, unzählige Schlachten gegen Weißgardisten und ausländische Interventionsarmeen, die ihn bis nach Sibirien führten. Während des von Stalins Geheimdienstschergen angezettelten „Großen Terrors“ war er 1938 sogar beschuldigt worden, seine Karriere den „Volksfeinden“ zu verdanken zu haben.

Und nun dieses neue Amt, das er der russischen Militärtradition zu verdanken hatte, dass immer derjenige Kommandeur einer Stadt wurde, dessen Truppen als erste die gegnerischen Stadtmauern hinter sich ließen. Tatsächlich hatte die von Bersarin geführte 5. sowjetische Stoßarmee am 21. April als erste den östlichen Stadtrand bei Marzahn erreicht. In den Monaten zuvor hatte sie um die Festung Küstrin sowie auf den Seelower Höhen gekämpft.

Doch Bersarin überraschte in der neuen Situation nicht nur sich selbst, sondern auch viele Berliner, die nach der jahrelangen Nazi-Propaganda das Schlimmste von „den Russen“ erwarteten. Die neuen Nahrungsrationen waren höher als in den letzten Nazi-Wochen. Schon am 12. Mai  rief Bersarin die von ihm vorgeschlagenen, zum Teil bürgerlichen Mitglieder des neuen Magistrats zusammen. Und am 18. Mai fand im Haus des Rundfunks das erste öffentliche Konzert nach dem Krieg statt. Auch gegen die Vergewaltigungen deutscher Frauen und Plünderungen, an die sich viele Rotarmisten gewöhnt hatten, soll der General – wenn auch mit mäßigem Erfolg – vorgegangen sein.

Dies alles trug zum Mythos vom guten ersten Stadtkommandanten bei, vor allem aber der überraschende Tod, der Bersarin bereits am 16. Juni ereilte. Der leidenschaftliche Motorradfahrer war an diesem Tag zum ersten Mal mit einer schweren deutschen Zündapp-Maschine unterwegs, die ihm Untergebene besorgt hatten. Offenbar, weil er sie noch nicht genug beherrschte, raste er in der Nähe des Tierparks Friedrichsfelde mit 70 Kilometern pro Stunde in einen sowjetischen Lkw-Konvoi und starb.

Auch um diesen Tod entstand eine Legende, laut der der sowjetische Geheimdienst den Unfall inszeniert habe, weil  Bersarin „zu gut“ zu den Deutschen war. Doch dafür fand sich nie eine Bestätigung.

Langer Streit um die Ehrenbürgerschaft

Von der DDR wurde Nikolaj Bersarin 1975 die Berliner Ehrenbürgerschaft verliehen. Mit der Begründung, dass er ein Vertreter der stalinistischen Diktatur gewesen sei, unter der viele Berliner leiden mussten,  lehnte der CDU-geführte Senat es 1992 ab, Bersarin  in die Gesamtberliner Liste der Ehrenbürger zu übernehmen. Der rot-rot-grüne Senat korrigierte dies 2003. Derzeit wird über ein Bersarin-Denkmal debattiert, nachdem bereits ein Stein und eine in der Nähe des Unfallorts gepflanze Birke an ihn erinnern. In Marzahn gibt es auch eine Bersarin-Brücke. Das "Russische Haus der Wissenschaft und Kultur" in der Friedrichstraße zeigt seit Dienstag eine Ausstellung über ihn. ⇥ds